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Suizidgedanken«Ich habe aus dem Loch gefunden»

Vor 22 Jahren wollte sich Florida Zimmermann das Leben nehmen. Heute hilft sie Jugendlichen, damit sie nicht in die gleiche Situation geraten.

Florida Zimmermann: «Sobald ich allein war, war ich mir und meinen Gedanken ausgeliefert.»
aktualisiert am 19. Juli 2018

Aufgezeichnet von Jessica King:
 

Jetzt wissen alle Bescheid. Das war der erste Gedanke, als ich nach dem Suizidversuch Suizid Der Ausweg, der keiner ist  in der Ambulanz aufwachte. Ich wusste: Ich kann nichts mehr verstecken. 

Damals war ich in der Lehre als Pflegefachfrau. Am Tag danach teilte die Lehrerin den Schulkolleginnen mit, dass eine ihrer Mitschülerinnen nach einem Suizidversuch im Spital liege. 

Dass ich es war, glaubten anfangs die wenigsten. Ich sei doch immer so fröhlich gewesen, sagten sie. In Gegenwart anderer ging es mir auch gut. Aber sobald ich allein war, war ich mir und meinen Gedanken ausgeliefert.
 

Schon als ich klein war, hatte mich eine Art Todessehnsucht verfolgt. 

Florida Zimmermann


Einer meiner besten Freunde rastete aus. Wir waren zusammen im Band-Chor. Als ich bei einer Probe auftauchte, lief er aus dem Zimmer und schlug die Tür zu. Später stauchte er mich zusammen: «Was hast du dir gedacht? Du hast mir nicht einmal die Chance gegeben, ein letztes Mal mit dir zu reden.»

Seine Tirade hat mir sehr gutgetan

Sie hat mir die Augen geöffnet. Wie viele andere mit Suizidgedanken fühlte ich mich entbehrlich. Ich war sicher, dass alle gut über meinen Tod hinwegkommen würden und froh wären, sich nicht mehr um mich kümmern zu müssen.

Schon als ich klein war Depression bei Kindern Jung und schon des Lebens müde , hatte mich eine Art Todessehnsucht verfolgt. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mir als Kind ein Messer an den Hals gehalten und überlegt habe, was passieren würde, wenn ich nicht mehr da wäre. Der Gedanke zu sterben war meine Möglichkeit, dem sehr schwierigen Alltag und meinen selbstzerstörerischen Gedanken zu entfliehen.

Ich bin im Libanon aufgewachsen, mitten im Bürgerkrieg. Mit zehn kam ich in die Schweiz zu einer Pflegefamilie. Beim ersten Gewitter rannte ich in den Keller. Ich dachte, es fielen Bomben vom Himmel. Zu Beginn war ich überzeugt, in der Schweiz den Himmel auf Erden gefunden zu haben. Fliessendes Wasser und Sicherheit. Doch Verzweiflung und Todessehnsucht liessen mich nicht los. Ich wusste nicht, wo ich hingehöre, fühlte mich einsam und verloren. Dazu litt ich an Verfolgungswahn. Wenn es dunkel wurde, spürte ich bedrohliche Gestalten hinter mir.

Mit 21 hatte ich das Gefühl, mein Leben entgleite mir komplett. Meine Liebesbeziehung war am Scheitern, ein naher Arbeitskollege gestorben. Die Ärzte diagnostizierten bei mir Diabetes, ich war mit der Krankheit heillos überfordert. Bei uns wurde eingebrochen, das verschlimmerte meinen Verfolgungswahn. Alles war zu viel. Von meiner Ausbildung als Pflegefachfrau wusste ich, dass Frauen eher Suizidversuche unternehmen und Männer eher Suizid begehen. Ich sagte mir: Ich werde es richtig machen.

Wenn wir mehr über Suizid reden würden, könnten wir Leben retten

Ich bin unglaublich froh, dass ich noch lebe. Es ist mir nicht von einem Tag auf den anderen gut gegangen. Aber ich habe mit einer guten Therapeutin meine Vergangenheit aufgearbeitet und habe so, zusammen mit meinem Glauben an Gott, aus dem Loch gefunden.

Vor dem Suizidversuch habe ich gesagt: Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich hatte zwar gute Freunde, aber sie hakten selten nach. Deswegen frage ich Freunde heute mit Nachdruck, wie es ihnen wirklich geht. Und nicht nur als Höflichkeits- oder Begrüssungsfloskel.

Suizidgefährdete und psychisch Kranke werden zu oft mit Samthandschuhen angefasst – auf eine Art, die sie nicht weiterbringt. Man schont sie, vermutlich auch aus Angst, die falschen Worte zu wählen. Dadurch distanziert man sich von ihnen. Menschen aber brauchen Verbindungen zu Menschen wie Luft zum Atmen. Suizid ist ein Tabu. Wenn wir mehr über Suizid reden würden, könnten wir Leben retten.

Ich habe mit meinem Mann ein Haus für Jugendliche gegründet, die in schwierigen persönlichen Situationen sind. Sie wissen, dass Suizidgedanken ein Thema sind, das sie ansprechen können. Sie müssen nicht Angst haben, deswegen in eine Klinik eingeliefert zu werden. Auch in schwachen Momenten dürfen sie die Erfahrung machen, dass sie vollwertige Menschen sind.

Und ich kann unseren Jugendlichen sagen: Auch wenn du dir das jetzt nicht vorstellen kannst – es wird eine Zeit kommen, wo du dankbar bist, am Leben zu sein. Suizidgefährdete brauchen Leute, die ihnen Mut machen. Deshalb ist Suizidprävention so wichtig.

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