Frage: Immer im Dezember erfasst mich Kraftlosigkeit – dabei bräuchte ich gerade vor Weihnachten viel Energie, um das Fest zu organisieren. Auch an Silvester soll eine grosse Party stattfinden. Leide ich unter einer Depression oder ist mir einfach die ganze Festerei zu viel? 

Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Beides könnte zutreffen – aber wozu nach einer Etikette suchen? Nehmen Sie Ihre seelisch-körperliche Befindlichkeit ganz einfach ernst und gönnen Sie sich mehr Auszeiten, Musse und Entspannung, spätestens nachdem die Festtage vorbei sind. Das Wort Depression deckt ein breites Spektrum von seelischen Zuständen ab. Von einer leichten Verstimmung bis zur schweren Krankheit mit Suizidgedanken, die manchmal sogar eine Klinikeinweisung nötig macht, kann alles damit gemeint sein.

Die «richtigen» Depressionen müssen als tief reichende seelische Störungen ernst genommen werden. Sie erfordern eine Behandlung durch Psychotherapie oder mit Medikamenten.

Eine Depression ist wie eine Art lebendiger Tod

Eine echte Depression ist eben nicht dasselbe wie Trauer, Melancholie oder Müdigkeit. Es ist eine Art lebendiger Tod, eine totale Hilf- und Hoffnungslosigkeit. Der Fluss der Gefühle ist vollständig zum Erliegen gekommen. Auch erlösendes Weinen ist nicht mehr möglich. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung spüren bei Wintereinbruch einen Hauch dieses Zustands.

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Das ist meist keine Krankheit, sondern eine normale Reaktion. Wir reagieren eben auf den Wechsel der Jahreszeiten. Der veränderte Sonnenstand bedeutet mehr Dunkelheit und weniger Wärme, und dies drosselt bei den meisten die Vitalität. Man kann zwar die Flucht nach vorn ergreifen, sich ablenken, sich mit hektischen Aktivitäten stimulieren. Man kann versuchen, dem Zustand mit viel Licht und körperlicher Anstrengung an der frischen Luft entgegenzusteuern.

Aber wieso immer vor unangenehmen Gefühlen fliehen? Es macht nämlich durchaus Sinn, auch der Traurigkeit etwas Raum zu gewähren. Es braucht nicht gleich Winterstarre oder Winterschlaf zu sein, so wie bei einigen Tieren. Aber sich im Einklang mit der Natur mehr Ruhe zu gönnen, die Aktivitäten etwas einzuschränken und ruhig einmal etwas besinnlicher statt immer nur aufgestellt zu sein, stützt langfristig die Gesundheit. Gesundes Leben besteht aus Rhythmen. So wie ein Acker auch mal brachliegen muss, um wieder fruchtbar zu sein, dient etwas Winterruhe dem Menschen zur Regeneration. Natürlich ist es kein Zufall, dass gerade in dieser Zeit mit Lämpchen und Kerzen Weihnachten als Lichtfest gefeiert wird.

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Auch dass es ein Fest der Liebe sein soll, macht Sinn. Wenn Familien und Freunde zusammen feiern und vielleicht auch immer noch zusammen singen, so bedeutet dies seelische Wärme, die wir alle immer wieder benötigen. Ausserdem werden die Nächte seit dem 21. Dezember wieder kürzer. Es geht also unaufhaltsam aufwärts, und wir dürfen die Winterruhe voller Erwartung eines frischen Frühlings und eines heissen Sommers gelassen und etwas melancholisch geniessen.

Ganz normal anders

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Quelle: Beobachter Edition
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