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Angst vor Bluthochdruck«Viele Gesunde messen fanatisch»

Seit Uhren den Puls kontrollieren, sind Gesunde krankhaft verunsichert, sagt ein Zürcher Kardiologe.

Kontrollwahn: Manche überprüfen ihren Blutdruck 500-mal in drei Monaten.
von aktualisiert am 11. Oktober 2018

Die Uhr wusste es zuerst: Da stimmt etwas nicht. 210 Schläge pro Minute, viel zu viele. Tatsächlich fühlte sich der 62-jährige Kanadier unwohl. Er informierte Kollegen, die den Krankenwagen. Im Spital wurde bei Dennis Anselmo ein Herzinfarkt diagnostiziert. «Pulsuhren können Leben retten», jubelt es seither durch das Internet.

Beobachter: Elektronische Uhren werden als Lebensretter gefeiert. Zu Recht?
Schlomo Aschkenasy: Die Geschichten sind Einzelfälle. Die Medien schaukeln sie hoch, und plötzlich fühlen sich gesunde Leute dazu gedrängt, ihren Körper zu überwachen Fitness-Tracker Ich messe, also bin ich . Insbesondere für Angstpatienten ist das ein falsches Signal. Durch Pulsmesser und Doktor Google verlieren sie das Gefühl für die eigene Gesundheit. Sobald ein Wert von der Norm abweicht, fürchten sie um ihr Leben. Kardiologen verzeichnen mehr Notfalltermine und Bagatellmeldungen. Plötzlich verbringen wir einen grossen Teil unserer Arbeitszeit damit, Menschen zu beruhigen.

Wer sind die verängstigten Patienten?
Ironischerweise sind es neben Patienten mit Bluthochdruck Bluthochdruck Lautlose Gefahr viele Junge und Gesunde, die so fanatisch tracken. Manchmal kommen sie mit Ordnern voller Aufzeichnungen in die Praxis. Ich messe meinen Blutdruck einmal im Jahr, manche 500-mal in drei Monaten.

«Ich messe meinen Blutdruck einmal im Jahr, manche 500-mal in drei Monaten.»

Schlomo Aschkenasy, Kardiologe

 

Haben die neuen Pulsmesser auch Vorteile?
Wenn die Angst nicht so verbreitet wäre, hätten die Geräte nur Vorteile. Für die Forschung sind Pulsaufzeichnungen hochinteressant. Bei Beschwerden könnten Ärzte Daten analysieren und müssten sich nicht auf Spurensuche begeben. Pulsmesser Apps fürs Herz Was Smartphone & Co. als Pulsmesser taugen erkennen Unregelmässigkeiten erstaunlich gut und sind für Interessierte oder Leistungssportler sehr aufschlussreich. Gefährlich wird es, wenn medizinische Daten laienhaft interpretiert werden. Vor kurzem waren zwei junge Patienten sehr besorgt, weil ihr Puls vor dem Einschlafen immer so tief war – würde das Herz in der Nacht stehen bleiben? Andere wundern sich über hohen Blutdruck, wenn sie in der Nacht aufschrecken. Und messen unter Stress erneut, dann wird alles noch schlimmer.

Wann sollte man den Blutdruck messen?
Patienten mit Bluthochdruck, die das Messen nicht verunsichert, können das in entspannten Situationen tun. Wer gesund ist und sich gut fühlt, muss aber weder den Blutdruck messen noch Körperfunktionen analysieren. Dafür ist der Arzt da.

Schlomo Aschkenasy

Zur Person

Schlomo Aschkenasy ist sowohl Belegarzt der Hirslanden Klinik im Park als auch Kardiologe mit eigener Praxis in Zürich.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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