«Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger.» Mit diesen Worten ihrer Ärztin beginnt für viele Frauen das Abenteuer Schwangerschaft. Für Andrea F. und ihren Freund kam die Nachricht zwar überraschend, aber schnell machte sich Begeisterung breit. Jäh getrübt wurde die Vorfreude jedoch, als sich die Schwangerschaft in der achten Woche körperlich bemerkbar machte. Andrea F. war übel. Was zunächst als leichtes morgendliches Unwohlsein begann, wurde bald zur Qual: Der Geruch, der Anblick von Essen, auch nur der Gedanke daran versetzte ihren Magen in Aufruhr. Ständige Übelkeit und hastige Rückzüge auf die Toilette bestimmten zunehmend ihren Tagesablauf.

Schuld sind vor allem die Hormone

50 bis 80 Prozent aller werdenden Mütter leiden während ihrer Schwangerschaft unter mehr oder weniger heftigen Attacken von Übelkeit und Erbrechen. Während die Anfälle bei den meisten Frauen nach den ersten drei Schwangerschaftsmonaten abklingen, quälen sich bis zu 20 Prozent länger damit herum, teilweise sogar bis zum Ende der Schwangerschaft.

Lange Zeit waren viele der Meinung, Übelkeit und Erbrechen während der Schwangerschaft sei ein Hinweis auf psychische Probleme der Schwangeren: Von der Unfähigkeit, die weibliche Rolle zu akzeptieren, von unbewusster Ablehnung des Kindes oder gar von Hysterie war die Rede. Diese Vorurteile trugen dazu bei, dass die Beschwerden der Frauen häufig nicht ernst genommen wurden. «Stell dich nicht so an, das gehört eben dazu» oder «Das ist alles Einbildung» – mit solchen Kommentaren wurden und werden die Probleme der Schwangeren banalisiert.

Die Wissenschaft geht heute aber davon aus, dass die Beschwerden eher körperlichen Ursprungs sind. Besonders während der ersten drei Schwangerschaftsmonate verändert sich der Hormonhaushalt stark. Daran muss sich der Organismus erst gewöhnen – meist besteht also kein Grund zur Besorgnis. Dennoch können die Beschwerden die Lebensfreude der betroffenen Frauen beeinträchtigen und erhebliche seelische Probleme auslösen: Frustration, Entmutigung, Depression. Die Unfähigkeit zu arbeiten oder den Haushalt zu meistern, untergräbt das Selbstwertgefühl und belastet die Beziehung zu Partner und Familienmitgliedern. Auch soziale Beziehungen leiden: Ein Besuch im Kino oder bei Freunden bereitet wenig Vergnügen, wenn die Gedanken ständig mit dem schnellsten Weg zur Toilette beschäftigt sind.

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Dazu gesellt sich die Sorge um die Gesundheit des Babys. Wenn Lakritze und Cola, Salzgebäck oder Wackelpudding zur Hauptnahrungsquelle der Schwangeren werden, entspricht das nicht den gängigen Vorstellungen einer gesunden, ausgewogenen Ernährung für Mutter und Kind. In den ersten Schwangerschaftsmonaten reichen die Reserven der Mutter jedoch normalerweise aus, um den Fetus ausreichend zu versorgen.

Im schlechtesten Fall ins Spital

Bedenklich wird es aber, wenn Übelkeit und starkes Erbrechen länger anhalten und die Mutter mehr als fünf Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts verliert. Diese schwere Form des Schwangerschaftserbrechens – vom Arzt als Hyperemesis gravidarum bezeichnet – tritt bei ungefähr einem Prozent der Schwangeren auf. Die betroffenen Frauen müssen ins Spital: Mit Hilfe von Infusionen gleicht man den Mangel an Flüssigkeit, Mineralstoffen und Vitaminen aus, der durch das häufige Erbrechen entsteht. Diese Massnahmen, ein wenig Bettruhe und zusätzliche Medikamente gegen das Erbrechen führen meist rasch zu einem Abklingen der Symptome.

Egal, ob leicht oder schwer: Übelkeit und Erbrechen sind die dunklen Seiten der Schwangerschaft, die den werdenden Müttern viel Geduld und Durchhaltevermögen abverlangen. Ein kleiner Trost für die Betroffenen: Bei den meisten Frauen lassen die Symptome im Verlauf der Schwangerschaft nach. Und Frauen, denen während der Schwangerschaft übel ist, haben weniger häufig Fehlgeburten.

Somit haben auch die sehr schwierigen Schwangerschaften meistens ein Happy End: Andrea F. zum Beispiel ist inzwischen Mutter von zwei gesunden Söhnen.

Zehn Tipps für Schwangere

Weil jede Schwangerschaft anders verläuft, muss jede Frau selber herausfinden, was bei ihr hilft. Einige generelle Tipps:

  • Hören Sie mehr auf den eigenen Körper als auf die Ratschläge von anderen.
  • Finden Sie heraus, welcher Geschmack oder welche Gerüche die Übelkeit auslösen, und vermeiden Sie diese möglichst.
  • Essen Sie nicht zu viel auf einmal, sondern nehmen Sie lieber mehrere kleine Mahlzeiten am Tag zu sich.
  • Vermeiden Sie stark gewürzte, zu fette oder stark blähende Speisen.
  • Legen Sie sich trockenes Brot, Zwieback oder Kekse neben das Bett, und knabbern Sie diese morgens vor dem Aufstehen.
  • Manchen Frauen ist am Morgen weniger übel, wenn sie vor dem Zubettgehen oder beim Erwachen in der Nacht etwas essen.
  • Trinken Sie viel, da beim Erbrechen viel Flüssigkeit verloren geht. Testen Sie, welches Getränk Sie am besten vertragen.
  • Versuchen Sie, Stress zu vermeiden und möglichst viel Ruhe zu bekommen. Machen Sie öfter Pausen und gehen Sie viel an die frische Luft.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Beschwerden. Wenn alle Versuche zur Selbsthilfe versagen, gibt es Möglichkeiten, medikamentös einzugreifen.
  • Bei manchen Frauen haben sich alternative Heilmethoden als hilfreich erwiesen. Dazu gehören zum Beispiel Akupunktur, Hypnose oder Akupressur-Armbänder
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