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Sucht«Bin ich ein Alkoholiker?»

Ein Drink zu viel? Heute ist Alkoholabhängigkeit als Krankheit anerkannt.
Ein Drink zu viel? Heute ist Alkoholabhängigkeit als Krankheit anerkannt. Bild: Thinkstock Kollektion

Gerade beim Konsum von Alkohol ist der Grat zwischen Genuss und Sucht äusserst schmal. Ab wann wird es gefährlich? Und wo gibt es Hilfe?

von Christine Harzheim

Frage von Roland B.: «Ich arbeite viel und entspanne mich dann am Abend gern bei einem Drink. In letzter Zeit blieb es aber schon öfter nicht bei einem. Wann gelte ich als alkoholabhängig?»

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Ich könnte auf die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verweisen, die die unbedenkliche Menge an Standarddrinks definiert. Das würde Ihnen aber vermutlich wenig nützen. Eine vernünftige Vorgabe zu kennen und sich an diese zu halten sind zwei Paar Schuhe, wie wir alle wissen. Mit der Sucht verhält es sich komplizierter. Früher dachte man, ein Trinker sei willensschwach und charakterlos, heute ist Alkoholabhängigkeit als Krankheit anerkannt. Wann aber ist man abhängig und wie wird man es?

Individuell ist die Bewertung von Alkoholkonsum sehr unterschiedlich. Zwischen Dean Martin, dem für seine Liebe zum Drink bekannten Sänger, der gesagt hat «Man ist nicht betrunken, solange man noch am Boden liegen kann, ohne sich festhalten zu müssen», und Menschen, die einem rauschhaften Zustand nichts abgewinnen können, liegt ein weites Feld.

Das Gehirn speichert jeden Rausch

Aber Alkohol trinken zu können, dürfen oder müssen ist mehr als nur eine Frage von Weltanschauung, Vernunft und Leber. Trinkt man regelmässig zu viel, verändert sich das Gehirn – nicht nur während des akuten Rausches. Die Struktur des Belohnungszentrums passt sich dauerhaft an. Es entsteht ein Suchtgedächtnis.

Das menschliche Gehirn ist äusserst anpassungsfähig, ständig bilden sich neue Verknüpfungen. Muss es sich oft mit dem Zellgift Alkohol auseinandersetzen, wird das Regulationssystem verschiedener Botenstoffe nachhaltig gestört. Die Anzahl der Rezeptoren verändert sich, und fällt der Alkohol weg, kommt es zu einem massiven Ungleichgewicht. Dies führt bei Menschen, die versuchen, ihren Konsum zu reduzieren oder abstinente Phasen einzulegen, oft zu Rückfällen. Schon der Anblick einer Bier­reklame kann eine Überreaktion im Hirnstoffwechsel und damit heftigstes Verlangen und körperliche Reaktionen auslösen.

Forscher sind daran herauszufinden, inwiefern therapeutische Techniken helfen können, die Wirkung des Suchtgedächtnisses abzuschwächen. Löschen lässt es sich – so wie andere Gedächtnisinhalte – nicht. Beim Thema Abhängigkeit sind also neben der Frage von Motivation und Wille noch andere Kräfte am Werk, die man berücksichtigen sollte.

Fällt es Ihnen schwer, alkoholfreie Tage einzulegen? Oder trinken Sie immer wieder mehr, als Sie eigentlich wollten? Dann sollten Sie aufmerksam sein und sich einige Zeit beobachten, ein «Trinkprotokoll» führen und so einen realistischen Blick auf Ihre Situation werfen. Andere Anzeichen einer beginnenden Abhängigkeit sind Fehlzeiten am Arbeitsplatz, ständiges Denken an Alkohol, die Steigerung der Menge oder heimliches Trinken. Informieren Sie sich im Internet oder bei einer Beratungsstelle.

Lieber kein Bier als nur ein Bier

Was kann man tun, wenn der Alkohol zum Problem geworden ist? Viele Menschen, die dies realisieren, entscheiden sich für eine längere abstinente Phase. Es fällt ihnen leichter, einen grossen Bogen ums Bier zu machen, als sich immer wieder zu sagen: «Heute nur zwei Glas Bier.» Hierzu gibt es unterstützende Selbsthilfegruppen.

Abstinenz ist nicht die einzige Option. Gerade wer sich noch in der Grauzone zwischen Masshalten und Sucht bewegt und auf lange Sicht nicht auf Alkohol verzichten möchte, hat die Möglichkeit, sich bei einem kontrollierten Konsum unterstützen zu lassen.

Auch beim Entzug gibt es verschiedene Varianten. Bei einer starken körperlichen Abhängigkeit ist der stationäre Entzug mit anschliessender Suchttherapie die Methode der Wahl. Die Klinik bietet hier mit intensiver medizinischer und therapeutischer Behandlung die nötige Unterstützung und schafft vorübergehend Distanz zum vom langen Konsum belasteten Umfeld. Es gibt aber auch die Möglichkeit von ambulantem Entzug (mit Hausarzt) und therapeutischer Begleitung sowie die teilstationäre Unterstützung in Form einer spezialisierten Tagesklinik. Diese Angebote bieten sich für Menschen an, die gesundheitlich nicht so schwer beeinträchtigt sind. Das Setting ist auf die individuelle Lebenssituation abgestimmt und sorgt für die Verankerung des Gelernten im Alltag.

Veröffentlicht am 2015 M09 01