Der Alpsommer ist vorüber, und Christian Portner legt los: «Das ist eine Sauerei!» Er streckt einen blauen Finger hoch. Portner sitzt vor einem alten, unrenovierten Engadinerhaus in Sent. Hinter sich eine Batterie Gläser voller Gelee aus Heidelbeeren. Handverlesen, hausgemacht.

Dafür steigt Portner an den Hängen um Sent den Beeren nach. Er presst sie aus. Kocht Gelee. Füllt den Gelee in Gläschen. Ein Gläschen kostet acht Franken, und Portner redet sich ins Feuer. «Das ist eine Riesensauerei! Überall werden Beeren als Heidelbeeren verkauft. Aber das sind keine. Das sind Blaubeeren! Heidelbeeren kann man nicht züchten!»

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Dann folgt der Satz, den jeder nachbeten kann, der länger als zehn Minuten in Portners Schallkreis stand. «Nur Heidelbeeren färben die Zunge blau!»

«Stimmt», sagt Peter Enz, jahrzehntelanger Leiter des Botanischen Gartens in Zürich. Sogar die Zähne würden sich blau färben.

Und stimmt es auch, dass man Heidelbeeren nicht züchten kann? «Stimmt», sagt Enz. Er kenne im Handel keine Sorten der echten Heidelbeere mit botanischem Namen Vaccinium myrtillus. Von Aldi bis Migros: Wo Heidelbeeren draufsteht, sind in aller Regel keine drin. Sondern Blaubeeren aus Österreich, Spanien oder Peru.

Die heimische Heidelbeere gehört zur Familie der Erikagewächse. An ihren Wurzeln gedeihen Pilze. Sie unterstützen das feine Wurzelwerk und erleichtern die Aufnahme von Nährstoffen. Die kleinen Beeren sind aussen blau, innen violett. Wenn man sie zu Glace verarbeitet, ist die Masse violett. Zugesetzte Farbstoffe braucht es keine.

50 bis 70 Franken pro Kilo

Heidelbeeren wachsen hierzulande am besten ab 1400 Meter über Meer bis zur Baumgrenze. Sie schätzen sauren Boden, kühles Klima und eine Schneedecke, damit sie im Winter nicht erfrieren. Auch Vögel mögen Heidelbeeren. Und sorgen für deren Verbreitung. Früher verkauften Kinder im Sommer entlang der Passstrassen Alpenrosen und Heidelbeeren, erinnert sich Enz. Heute dürfte der Preis von Schweizer Heidelbeeren zwischen 50 und 70 Franken pro Kilo liegen, schätzt er. Wenn sich überhaupt noch jemand findet, der die kleinen Beeren von den niedrigen Büschen fummelt – wie Christian Portner. Er erntet dafür auf Instagram Hunderte von Likes.

Fürs Glace muss Farbstoff her

Bei Coop gabs jüngst als «Wochenknaller» «Heidelbeeren» zu Fr. 4.95 statt Fr. 7.80 für 500 Gramm. Es waren Blaubeeren. Sie wachsen an grösseren Sträuchern, sind grösser und tragen eine blaue Haut. Aber ihr Fleisch ist weiss, und ihr Saft ist klar. Wenn sie zu Glace verarbeitet werden, wird Saft von Randen oder Holunder zugesetzt, damit die Farbe stimmt. Botanisch sind Blaubeeren etwas anderes als unsere Heidelbeere.

«Unsere Heidelbeere stirbt aus im Bewusstsein der Leute. Sogar das rätoromanische Wort dafür stirbt aus – uzuns. Alle kaufen importierte Blaubeeren und meinen, es seien heimische Heidelbeeren. Das ist Betrug», klagt Christian Portner.

Anderen Beeren blüht dasselbe

Das zuständige Bundesamt gibt den Grossverteilern grünes Licht für die blauen Beeren. Die «Heidelbeere» kommt in der entsprechenden Verordnung nur zweimal vor. Einmal im Zusammenhang mit Schnaps, ein zweites Mal mit Getränken von «saurem Saft, der zum unmittelbaren Genuss nicht geeignet ist». Als «Heidelbeere» dürfen gemäss der Verordnung auch Blaubeeren verkauft werden. Das sei der «gebräuchliche Name der Frucht».

Ähnlich sei es bei der heimischen Preiselbeere und der grösseren amerikanischen, die unter dem Namen Cranberry bekannt ist, sagt Peter Enz. Auch bei diesen roten Beeren ist Portner schon tätig geworden. Er sammelte sie rund um Sent und verkochte sie zu Sirup. Mit einem Schuss Prosecco oder Weisswein und ebenso viel Blöterliwasser wird daraus ein «Preisel Peter».

Wenn ihm die Verordnung des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen weiterhin aufstösst, findet Portner Trost und Heilung in seiner Hausbar. Der jüngste Coup enthält Vogelbeeren und heisst «Senter Bitter»

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