Sitzen Sie gerade auf einem Stuhl? Dann lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit doch auf einen Ort, wo sie normalerweise selten ist: dorthin, wie sich die Lehne am Rücken anfühlt.

Das Beispiel mit dem Stuhl ist beliebt, um das Prinzip der sogenannten Achtsamkeit anschaulich zu machen: Wenn man sich auf einfache Alltagswahrnehmungen konzentriert, hat man weniger Kapazitäten zum Grübeln und gedanklich das Programm des Tages durchzuspielen. Achtsamkeit – englisch: Mindfulness – soll zu einem besseren, entspannteren Leben führen. «Mindfulness ist kein Allheilmittel», sagt Yuka Nakamura, Psychologin und Kursleiterin im Zentrum für Achtsamkeit in Zürich. Auch unangenehme Gefühle lies­sen sich damit nicht wegzaubern. Aber vielleicht werde der Umgang mit ihnen etwas einfacher. «Wir verbringen zu viel Zeit mit Planen», sagt Nakamura. «Schliesslich findet das Leben immer im Moment statt und nicht morgen oder übermorgen.»

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Plötzlicher Boom, aber...

Die Achtsamkeit hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Plötzlich interessieren sich auch Leute für Mindfulness, die einen grossen Bogen um alles machten, was nach Meditation klingt. In der Schweiz gibt es zahlreiche Anbieter von Kursen und Seminaren, etwa die Migros-Klubschule mit einigen Kursen unter dem Titel «Meditation – der Weg zur Achtsamkeit». Sogar Firmen wollen ihren Mitarbeitern zu mehr Achtsamkeit verhelfen – Google zum Beispiel bietet ihnen Seminare unter dem sinnigen Namen «Search inside yourself» (Suche in dir selber).

Doch nun erheben sich aus England erste mahnende Stimmen – und zwar aus den Reihen der Mindfulness-Anhänger. Der britische Psychiater Florian Ruths vom Maudsley-Krankenhaus in London hat eine Studie gestartet, um eine seltene Nebenwirkung der Behandlung zu erforschen, die er selbst anwendet: Patienten, die während der Achtsamkeitsübungen den Bezug zu sich selbst verlieren und sich selbst wahrnehmen, als schauten sie einer anderen Person zu wie in einem Film. «Mindfulness ist einfach nicht für jeden geeignet», stellt Ruths fest. Entscheidend sei der Zustand der Kursteilnehmer. Diesen zu beurteilen sei Sache des Leiters. Und weil häufig psychisch angeschlagene Menschen an den Kursen teilnehmen, sei es in erster Linie wichtig, wem man sich anvertraut.

«Gerade für Menschen, die in einer akuten Depressionsphase stecken, kann die Mindfulness eine völlige Überforderung sein.»

Heinz Böker, Leiter Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Universitätsklinik Zürich

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Eine andere Schwierigkeit sieht Heinz Böker, Leiter des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Universitätsklinik Zürich: «Gerade für Menschen, die in einer akuten Depressionsphase stecken, kann die Mindfulness eine völlige Überforderung sein.» Das Gehirn Depressiver befinde sich in höchster Anspannung und arbeite auf Hochtouren – was Aussenstehende wegen der scheinbaren Apathie der Kranken kaum wahrnehmen. Der Zugang zum Selbst, zum ­eigenen Körper gehe den Betroffenen in solchen Phasen häufig verloren, was unter anderem das extreme Leeregefühl auslöst, unter dem Depressive leiden. «Für akut ­depressive Menschen, die noch stark gehemmt sind, kann die Mindfulness-Gruppentherapie deshalb qualvoll sein», sagt Böker.

Ablenken kann helfen

Für Menschen, die die akute Phase hinter sich haben, sieht Böker hingegen durchaus positive Aspekte. Wichtig sei, das individuell abzuklären. Eine Studie der dänischen Universität Aarhus stützt seine Sicht: Sie konnte aufzeigen, dass die Achtsamkeitsübungen dazu beitragen, dass Depressive nicht wieder in akute Phasen rutschen. Zudem entwickelte die englische Universität Oxford die MBSR-Methode weiter: zur Mindfulness Based Cognitive Therapy for Depression (MBCT), eine Mischung aus Achtsamkeitsübungen und Verhaltenstherapie, die sich vor allem dazu eignen soll, Rückfälle in die Depression zu vermeiden.

Auch Zeno Kupper, Psychologe an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern, forscht zur MBCT. Sie eigne sich besonders für Menschen, die schon mehrere Rückfälle in die Depression erlitten. Sie neigen oft dazu, in schwierigen Situationen in negative Gedankenmuster zu fallen. «Die Achtsamkeitsübungen helfen den Betroffenen dabei, einfacher wieder aus negativen Gedankenspiralen auszusteigen», sagt Kupper.

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Mindfulness: Auf den Leiter kommt es an

Interessenten für MBSR-Kurse sollten darauf achten, dass die Kursleiter Mitglied im MBSR-Verband Schweiz sind. Dort wird nur aufgenommen, wer eine entsprechende Ausbildung absolviert hat. Von Vorteil ist auch, wenn die MBSR-Lehrer medizinische oder psychologische Vorbildung haben.

Was bedeutet Achtsamkeit?

Vor 30 Jahren entwickelte der US-Medizinprofessor John Kabat-Zinn jene Methode, die heute unter dem Namen Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR, deutsch: Stress­abbau mit Hilfe von Achtsamkeit) bekannt ist. Kabat-Zinn griff auf alte Meditationstechniken zurück. Die Teilnehmer richten ihre Aufmerksamkeit auf den Moment, den Körper oder eine Alltagswahrnehmung, und sie werten nicht, was sie wahrnehmen. Regelmässiges Mindfulness-Training verändert sogar die Struktur des Hirns, fanden Forscher an der amerikanischen Harvard-Universität heraus – und das gerade in jenen Regionen, die für Selbstwahrnehmung, Empathie, Angst und Stressgefühle zuständig sind.

Die Mindfulness ist im Westen nicht nur deshalb so erfolgreich, weil viele Sehnsucht nach mehr Ruhe haben, sondern auch, weil die Praxis frei ist von jeglichem religiösen Inhalt. Es gibt inzwischen sogar erfolgreiche Apps wie etwa Headspace, die Mindfulness-Übungen auf individueller Basis erlauben und millionenfach heruntergeladen wurden.

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