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EasyjetFür 8.95 Franken von Berlin nach Basel?!

Die Preispolitik der Airlines treibt kuriose Blüten. Ein Flug auf der Strecke Berlin–Basel kostet manchmal noch so viel wie zwei Tassen Kaffee.

Tiefer sinken geht nicht: Die Preispolitik der Billig-Airline Easyjet ist undurchsichtig.
von aktualisiert am 07. Dezember 2017

Als Beobachter-Leser Gerhard Frank* aus Berlin zurück war, stutzte er: Die Abrechnung für den Flug besagte, dass er 73 Franken kostete – 31 Franken für den Hinflug, 33.05 Franken für Luftverkehrs- und Verwaltungsgebühren. Die Kosten für den Rückflug: 8.95 Franken.

Ein Fehler der Billig-Airline Easyjet? Ein zufälliges Lockvogelangebot? Easyjet lässt über ein Schweizer PR-Büro lediglich ausrichten, dass es an besagtem Tag zwischen Berlin und Basel tatsächlich «speziell attraktive Tarife» gegeben habe. Allerdings nur für «eine stark beschränkte Anzahl Sitze». Ob der Spott-Tarif von 8.95 Franken zufällig durchs System generiert wurde oder Teil einer Marketingstrategie war, beantwortet Easyjet nicht. 

Die durchschnittliche Sitzauslastung habe im Oktober 92,5 Prozent betragen, im September sogar 93,6 Prozent. Die Flüge sind generell so gut ausgelastet, dass es sich die Fluggesellschaft leisten kann, ihr Image als Tiefpreis-Airline mit extremen Dumpingtarifen zu zementieren.

Die Preise – eine Wissenschaft für sich

Doch wie kommen solche Tiefstpreise überhaupt zustande? Wer einen Sitzplatz bucht, stellt fest, dass der Preis bei der gleichen Airline für die gleiche Strecke an zwei aufeinanderfolgenden Tagen völlig unterschiedlich sein kann. «Die Auslastung von Flugzeugen ändert sich sehr dynamisch», sagt dazu Karl Isler, Airline-Berater und Experte für Flugpreismanagement. Laufend buchen Passagiere Flüge, andere stornieren ihre Reise.

Die Tarifgestaltung ist eine eigene Wissenschaft. Die Spezialisten sprechen von Revenue-Management – Einnahmensteuerung. Das Prinzip ist simpel: Die Preise hängen von der prognostizierten Auslastung ab. Anfänglich sind sie meist tief, damit Kunden motiviert sind, Plätze zu buchen. Damit streben die Airlines eine möglichst schnelle Deckung der fixen Kosten an.

In der Regel werden Flüge teurer, wenn der Tag des Abflugs naht. Ist ein Flug aber nicht ausgebucht, können die Tarife wenige Tage vor dem Flug wieder sinken, um die Zahl der Buchungen nochmals zu steigern.

Mit Köderpreisen den Flieger füllen

Fachleute sprechen bei kurzfristigen Preisanpassungen von Ertragsoptimierung. Da die Maschine ja ohnehin fliegt, kann der Preis massiv gesenkt werden, um zusätzliche Passagiere zu ködern. Damit sie kein Defizitgeschäft sind, muss der Preis nur höher liegen als die variablen Kosten. Darunter versteht man die Ausgaben, die unabhängig von den fixen Kosten für jeden Fluggast dazukommen: die Gebühr an das externe Buchungssystem, das den Reisebüros von den Airlines den aktuellen Buchungsstand und die Preise eines Flugs liefert, ein Beitrag an die Verpflegung sowie ein kleiner Anteil an die Kerosinkosten. Diese sind aber sehr tief, weil Kerosin weltweit nicht besteuert wird – was Umweltverbände seit Jahren kritisieren.

Ein Flugtarifexperte schätzt die variablen Kosten etwa für einen Swiss-Flug von Berlin nach Basel auf 10 bis 12 Franken. Bei Easyjet dürfte dieser Wert deutlich tiefer sein, womöglich unter 6 Euro. Wenn Easyjet also einen Flug für 8.95 Franken verkauft, ist das noch immer kostendeckend. «Bei solch starken Preisnachlässen geht es schlicht darum, Restkapazitäten aufzufüllen», sagt Airline-Berater Isler.

Wie klug sind Buchungssysteme?

Und was ist dran an den Berichten, dass Buchungssysteme individuelle Preise berechnen? Die Systeme sollen aus dem Verhalten des potenziellen Fluggastes berechnen können, wie zahlungsbereit er ist. Wer demnach sein Ticket von einem teuren Computer aus bucht oder sich über Tage hinweg für einen bestimmten Flug interessiert, soll von der Airline höhere Preise erhalten.

Alles Märchen, sagt Tarifexperte Isler. «Die Airlines arbeiten an modernen Systemen, streben die personalisierte Datenauswertung an. Aber noch sind sie nicht so weit.» Was theoretisch plausibel erscheine, sei in der Praxis nicht so einfach. «Die Kunden könnten durch die Nutzung unterschiedlicher Computer mit dem System spielen», was sich für die Airlines kontraproduktiv auswirken könnte.

Pricing-Spezialist Stefan Michel sagt, das Ziel in der Preisgestaltung sei, jedem Passagier den höchstmöglichen Tarif zu offerieren, den er gerade noch zu zahlen bereit sei. «Im schlechtesten Fall kriegt er einen Rabatt, mit dem er nicht gerechnet hat. Weil er den Flug sowieso gebucht hätte, auch zu einem wesentlich höheren Preis.»

So auch Gerhard Frank. Er wollte am Mittwoch frühmorgens unbedingt zurück nach Basel, weil er dort am Mittag einen Termin hatte. Er hätte auch das Zehnfache bezahlt.

 

*Name geändert

«Die besten Artikel – Woche für Woche»

Tina Berg, Online-Redaktorin

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