Die Telefonnummer sieht harmlos aus. Auf dem Handy scheint eine Schweizer Vorwahl auf, dahinter eine Allerweltsnummer; offenbar jemand aus der Gegend. Doch dann meldet sich in holprigem Deutsch ein Telefonverkäufer – und will ein ­Degustations-Set italienischer Rot­weine an den Mann bringen.

Unerwünschte Werbeanrufe erreichen damit eine neue Dimension – die Zeiten, in denen ausländische Callcenter an ihrer Telefonnummer erkennbar waren, sind vorbei. «Sie haben festgestellt, dass die Leute Anrufe von internationalen Nummern oft ins Leere klingeln lassen, weil sie einen Werbeanruf vermuten», sagt Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). «Daher haben sie nun im grossen Stil begonnen, sich unter Schweizer Nummern zu melden.»

10'000 Nummern kosten 420 Franken

Möglich macht es das Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Als Hüterin über das schweizerische Fernmeldewesen stellt es den registrierten Fernmeldedienstanbietern Telefonnummern zur Verfügung – neben grossen Playern wie der Swisscom auch ausländischen Anbietern, die in der Schweiz tätig sind. Sie können beim Bakom Blöcke à 10'000 Nummern beantragen, um sie dann ihren Endkunden anzubieten. Teuer ist das nicht; ein Block ist für 420 Franken zu haben, hinzu kommt eine jährliche Verwaltungsgebühr von 200 Franken. Besondere Bedingungen gibt es nicht: Die ausländischen Anbieter müssen lediglich eine Korrespondenzadresse in der Schweiz angeben.

«Die Callcenter haben im grossen Stil begonnen, sich unter Schweizer Nummern zu melden.»

Sara Stalder, Konsumentenschutz Schweiz

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Sara Stalder von der SKS kritisiert diese lockere Vergabepraxis – sie öffne Missbrauch Tür und Tor. Das Bakom hält dagegen: Es profitierten vor allem internationale Unternehmen und ihre Schweizer Kunden davon. «Telefonnummern gehen etwa an Firmen, die ihre Service-Hotlines im Ausland betreiben und für ihre Kunden die Hürde für einen Anruf möglichst tief halten wollen», so Bakom-Kommunikationsleiterin Caroline Sauser. Den meisten gehe ein Anruf auf eine 044-Nummer leichter von der Hand als ­einer nach Indien oder Irland. Zudem sind die Anruf­gebühren niedriger.

Und, so Sauser: Wenn die gesetz­liche Grundlage für Fernmeldedienstanbieter mit Sitz im Ausland verschärft würde, bestünde die Gefahr, dass es auch für Schweizer Firmen schwieriger würde, im Ausland als Anbieter von Fernmeldediensten tätig zu sein. «Der Zugang zu den Märkten basiert auf internationalen Vereinbarungen», sagt sie. Sie ist zudem überzeugt, dass sich das Problem so nicht lösen liesse: «Die Callcenter würden auf anderem Weg versuchen, zu den Leuten zu gelangen.»

Etwa über Spoof­ing, ein Verfahren, bei dem neben dem Anrufsignal eine falsche Telefonnummer mitgesendet wird. In einzelnen Fällen ist es Callcentern im Ausland so bereits gelungen, Schweizer Nummern als ­falschen ­Absender zu missbrauchen. Spoofing ist zwar verboten, aber schwierig zu ahnden, da sich kaum eruieren lässt, woher der ursprüng­liche Anruf kam.

Um unerwünschten Werbeanrufen auf Handys einen Riegel zu schieben, will die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz sie nun gleich ganz verbieten; Mitte ­Juni hat sie im Parlament einen entsprechenden Vorstoss eingereicht. Sie will damit eine Gesetzeslücke schlies­sen: Heute schützt vor Werbeanrufen zwar ein Sterneintrag im Telefonbuch – da aber die wenigsten Handynutzer ihre Nummer dort eintragen lassen, sind sie ausländischen Callcentern ausgeliefert. Diese lassen meist Computer nach Zufallsprinzip Nummern wählen, bis jemand antwortet.

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Ob Fetz’ Vorstoss Erfolg hat, wird sich zeigen. Bis dahin empfiehlt es sich bei unbekannten Nummern, die auf dem Handy aufscheinen: ganz einfach klingeln lassen.