Das behinderte Mädchen trägt ein Ballettröcklein und blickt stolz in die Kamera, der Junge mit verkrümmten Gliedern posiert lächelnd im FC-Basel-Dress, die zierliche Frau mit Trisomie 21 fängt fröhlich den Hochzeitsstrauss: Mit Plakaten wie diesen fällt die Behindertenorganisation Pro Infirmis seit Jahren positiv auf. Für ihre neuste Kam­pagne ging sie nun von der zweiten in die dritte Dimension: Sie liess Schaufensterpuppen anfertigen und stellte diese am 3. Dezember, am Tag der Behinderten, in ausgewählte Kaufhäuser in der Zürcher ­Innenstadt.

Eine dieser Schaufensterpuppen bin ich. Denn die Pro Infirmis hatte mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zusammen mit vier anderen Menschen mit Behin­derung bei der neuen Kampagne mitzu­machen. Ich war sofort begeistert. Der Pro Infirmis stehe ich ohnehin nahe: Ich war von 2001 bis 2008 im Vorstand.

Behinderte sprengen bekanntlich alle Schönheitsnormen, Schaufensterpuppen idealisieren sie. Zu diesem Spannungsfeld einen Beitrag zu leisten, das reizte mich. Obwohl mir bewusst war, dass ich damit etwas sehr Persönliches preisgeben würde.

«Stimmt etwas nicht?»

Weil es in Europa nur drei Puppenbauer gibt, wurde Mario Görres aus Köln ein­geflogen. Er vermass mich, Zentimeter um Zentimeter. Gut drei Stunden dauerte die Prozedur. Was von der Norm abweicht, braucht Zeit. Immer wieder staunte er, glaubte den Zahlen auf dem Messband nicht und setzte das Band nochmals an.

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Auf meine Frage, ob etwas nicht stimme, meinte er mehrmals lächelnd, nein, nein, er wundere sich nur einmal mehr über den Variantenreichtum der Natur. ­Zurück in Köln, machte sich Mario ans Bauen. Unter Säge, Bohrer und Schleif­maschine entstand mein Ebenbild. Mitte November wurde ich damit konfrontiert. Es war ein sehr emotionaler Moment. Ich hätte nie geglaubt, dass mich mein eigener Anblick so berührt. Kein Mensch sieht sich je von aussen, es sei denn platt gedrückt auf einem Bild oder im Spiegel. Aber plötzlich so dreidimensional und auf Hochglanz ­poliert neben sich zu stehen, das löste unerwartete Emotionen aus.

«Ein sehr emotionaler Moment»: Alex Oberholzer sieht sein Abbild im Fenster.

Quelle: Pro Infirmis

Freude bereitete mir mein Oberkörper. Mit Krücken zu gehen, das formt Muskelmasse, die fast Superman zum Vorbild ­dienen könnte. Ganz anders der Unterleib. Die dünnen Beinchen, das winzige Füsschen – o Gott, wo bleibt die Bodenhaftung, die Erdung? Bin ich ein Luftibus, ein Bodenloser, ein Traumtänzer? Kein Wunder, hasse ich die Schwerkraft.

Dann schliesslich standen die Puppen in den Schaufenstern und brachten wohl einige Menschen zum Nachdenken über Normen und Ideale. Meine Puppe stand im PKZ an der Bahnhofstrasse. Ausgerechnet. Die Bahnhof­stras­se glänzt und glitzert in der Vorweihnachtszeit. Da türmt sich der Luxus, da feiert sich der Erfolg, da funkelt das Glück. Und mittendrin ich! Zusammen mit den andern Models: mit Jasmin Rechsteiner, der Miss Handicap 2010, mit Leichtathlet Urs Kolly, mit Schauspieler Erwin Aljukic und Bloggerin Nadja Schmid.

Es war witzig, wie wir an jenem Tag von einer Puppe zur nächsten spazierten, uns begutachteten und den Kleiderstil kommentierten, den Medien geduldig antworteten und in die Kameras lächelten. RTL war eigens aus München angereist.

Die Aktion – vom Casting der Modelle bis zur Ausstellung der Puppen an der Zürcher Luxusmeile – wurde in einem Video von Regisseur Alain Gsponer festgehalten. Gsponers nächster Film, «Akte Grüninger», läuft Ende Januar an und wird bestimmt grosses Aufsehen erregen. Aber so viele Zuschauer wie sein Kurzfilm mit uns wird er nie und nimmer erreichen. Der Clip «Wer ist schon perfekt?» mit uns als Protagonisten erreichte schon am ersten Tag auf Youtube fast eine Million Visitors, nach zwei Wochen schon acht Millionen, verteilt über die ganze Welt. Selbst ausländische Zeitungen und Fernsehanstalten wie CNN wurden aufmerksam auf die wundersamen Schaufensterpuppen.

Ja, ich bin glücklich und auch ein wenig stolz, bei dieser Aktion dabei gewesen zu sein. Allein schon wegen des Gedankens, der mich streifte, als ich vor dem Schaufenster mit meiner Puppe drin stand: Da renne ich ein Leben lang einem Schön­heitsideal hinterher – jetzt bin ich es. ­Zumindest für einen Augenblick.