Die Frage, wer, wann, wo und zu welchem Tarif Velos aufgeben kann, verwirrt nicht nur die Reisenden: Auch für das Bahnpersonal ist die Lage schwer durchschaubar geworden.»

Dieser Satz ist 35 Jahre alt. Geschrieben habe ich ihn als grünschnäbliger Volontär der Mitarbeiter-Zeitung der SBB. Damals sahen sich die Bundesbahnen mit einer Nachfrage nach Veloplätzen konfrontiert, die so niemand erwartet hatte.

Der Satz hat leider nichts an Aktualität verloren. Der Veloboom hat mittlerweile ungeahnte Ausmasse erreicht – und die SBB reagieren zunehmend kopf- und hilflos auf das offensichtliche und stetig wachsende Kundenbedürfnis.

Neustes Beispiel: die Reservationspflicht für Velos an Wochenenden in den Fernverkehrszügen. Was die Medienstelle letzten November als «kundenfreundlicheres Angebot» zu verkaufen versuchte, ist das pure Gegenteil: eine Zumutung.

Dubiose «Spezialfälle»

Allein die Buchung eines Veloplatzes in einem IC-Zug grenzt an Realsatire. Wer Glück hat, schafft es über die SBB-App und kann sich in drei Schritten zuerst ein Ticket, dann ein Velobillett und schliesslich eine Veloreservation kaufen. Endgültig kompliziert wird es jedoch, wenn man einen Zug aussucht, der aus für die Kundschaft gänzlich irrelevanten Gründen als Spezialfall gilt. Dann muss man im SBB-Callcenter anrufen – und das kann dauern.

So geschehen, als ich vor kurzem an einem Samstag zwei Veloplätze von Locarno über Zürich nach Bern reservieren wollte. Die Frau im Callcenter war redlich bemüht, wäre aber fast am offensichtlich unglaublich komplizierten System gescheitert. Auf der Reservationsbestätigung, die sie mir schliesslich als PDF sandte, stand gross und fett «Andere Unregelmässigk.». Im Zug erklärte mir die Kondukteurin später, das stehe bei den SBB «für alles, was nicht normal, äh, aussergewöhnlich ist».

«Die SBB versuchen, das Bedürfnis, den Göppel im Zug zu transportieren, im Keim zu ersticken.»

Thomas Angeli, Beobachter-Redaktor

Die ganze Übung am Telefon dauerte eine Viertelstunde und kostete mich acht Franken. Das ist geradezu skandalös weit davon entfernt, kostendeckend zu sein. Und ich mag mir nicht ausdenken, was die Frau in der Hauptsaison zu hören bekommt, wenn Familien mit kleinen Kindern kurzfristig Plätze in einem reservationspflichtigen Zug brauchen.

Endstation Abschreckung

Doch Kostendeckung und Kundenzufriedenheit sind offensichtlich nicht das Ziel der Reservationspflicht: Es geht um Abschreckung. Denn die SBB versuchen seit Jahrzehnten, das Bedürfnis, den eigenen Göppel im Zug zu transportieren, im Keim zu ersticken.

Die Velotransportplätze im Multifunktionsabteil des IC 2000 waren eine bestenfalls halbherzige Konzession an die Velofahrerinnen im Land.

  • Im «Expo-Zug» auf der Jurasüdfuss-Linie war die Abschreckung der Pedaleure schon Programm, indem man die paar wenigen Plätze gleich von Anfang an mit einer Reservationspflicht belegte, ebenso bei den Zügen durch den Gotthard-Basistunnel.
  • Und im neuen Dosto, dem Sorgenkind der SBB, versuchte man gar nicht mehr erst, sich den Anschein eines Unternehmens zu geben, das für kombinierte Mobilität steht. Die acht Veloplätze (für notabene 1300 Passagiere) sind in vier engen Abteilen über den ganzen Zug verteilt. Wenn ein Elternteil mit zwei Kindern reist, so bedeutet das Stress pur, um die Velos zu verladen.

«Die Schweiz ist perfekt für Ihre Veloferien», wirbt Schweiz Tourismus derzeit, und angesichts der immer noch wackeligen Corona-Situation dürften auch im Sommer 2021 viele Schweizerinnen und Schweizer ihre Ferien im eigenen Land verbringen.

Den SBB und ihren velofahrenden Kundinnen und Kunden steht damit ein chaotischer Sommer bevor. Die paar wenigen Zusatzwagen, die die Bahn auf besonders beliebten Strecken verspricht, werden das Problem nicht lösen. Es ist höchste Zeit, dass die SBB-Spitze das auch begreift und für Rollmaterial sorgt, das den Bedürfnissen entspricht.

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Thomas Angeli, Redaktor

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