Nikotin der gefährlichste Bestandteil der Zigarette, weil es abhängig macht. Das Suchtpotential ist gemäss der US-Gesundheitsbehörde FDA mit dem von Heroin vergleichbar. Bild: Getty Images

TabakDas Spiel mit dem Feuer

Weltweit sterben sechs Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Warum inhaliert jemand freiwillig extrem gefährliche Stoffe?

von Susanne Wagner

Nach wie vor sterben jährlich sechs Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, so die Weltgesundheitsorganistation (WHO). Somit steht das Rauchen immer noch an erster Stelle, was die vermeidbaren Todesursachen anbelangt. Bis 2030 soll die Zahl der Toten infolge des Rauchens noch weiter ansteigen. Der errechnete Trend der WHO: acht Millionen.

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Was geschieht beim Rauchen?

Der Griff zur Zigarette setzt einen unheilvollen Prozess in Gang: Mit dem Lungenzug dringt nicht nur Sauerstoff in die Lunge, sondern auch der Rauch der Zigarette – samt seinen hochgiftigen Anteilen. Dass Rauchen dem Körper Schaden zufügt, ist bekannt. Doch was geht dabei genau im Körper vor? Durch die Erhitzung des Tabaks auf rund 900 Grad Celsius entsteht Rauch, in dem winzige Teerteilchen mit Nikotin und Gase wie Kohlenmonoxid, Blausäure und Ammoniak enthalten sind. Die Lunge nimmt diese Substanzen äusserst effektiv auf, da sie eine sehr grosse Fläche bietet: Ausgebreitet, würde sie mit 70 bis 80 Quadratmetern fast einen halben Tennisplatz abdecken.

Über die Lungenbläschen wird das Nikotin direkt ins Blut aufgenommen. Bereits sieben bis zehn Sekunden nach dem Zug an der Zigarette erreicht das Nikotin das Gehirn, weil es – anders als andere Giftstoffe – die Blut-Hirn-Schranke passieren kann. Das Gehirn wird vom Nikotin überflutet: Der Raucher erlebt einen «Nikotinflash». Dieser wird als sehr positiv empfunden. Nikotin wirkt sowohl anregend als auch beruhigend und unterdrückt Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Stress. Schon nach dem ersten Zug an der Zigarette beschleunigt sich der Herzschlag: Der Blutdruck steigt, die Blutgefässe – insbesondere auch die Herzkranzgefässe – verengen sich. Auch die Temperatur der Hände und Füsse sinkt, weil die Hautgefässe weniger durchblutet sind.

Ebenfalls ist Nikotin der gefährlichste Bestandteil der Zigarette, weil es abhängig macht. Auch in kleinen Mengen ist es nicht harmlos, denn es kann ein langfristiges Suchtpotential erzeugen. Dieses ist gemäss der US-Gesundheitsbehörde FDA mit dem von Heroin vergleichbar.

Kein Wunder, dass viele Ex-Raucher nach einer einzigen Zigarette wieder zu Rauchern werden. Oder dass bei Einsteigern bereits wenige Zigaretten reichen können, bis der Körper wieder nach Nikotin verlangt. Es erstaunt auch nicht, dass Raucher oft gar nicht über einen Rauchstopp nachdenken, weil sie behaupten, «gern» zu rauchen. Nikotinabhängige wollen das Gefühl, das durch die Aktivierung des Belohnungszentrums im Hirn ausgelöst wird, immer wieder erleben (siehe Artikel zum Thema «Belohnungssystem: Warum Rauchen süchtig macht...»).

Gesundheitsschädigend sind auch Zigaretten mit relativ niedrigen Nikotin- und Teermengen. In der Schweiz dürfen sie – wie in vielen europäischen Ländern und den USA auch – nicht mehr mit den Zusätzen «light» oder «mild» vermarktet werden. Diese leichten Zigaretten sind genauso schädlich wie alle anderen, nur verführen sie wegen des niedrigeren Nikotingehalts dazu, mehr zu rauchen und tiefer zu inhalieren, was noch stärker abhängig macht.

Neben Nikotin enthält Zigarettenrauch weitere Stoffe und Reizgase, die dem Körper Schaden zufügen. Zahlreiche kennt man aus der Industrie: Benzol ist ein Antiklopfmittel im Benzin, Ammoniak findet man in Putzmitteln, Formaldehyd wird in der Holzverarbeitung und zur Leichenkonservierung eingesetzt. Die meisten der über 4800 Substanzen des Tabakrauchs entstehen erst beim Verbrennen des Tabaks. 200 der Stoffe sind giftig, davon rund 40 nachweislich krebserregend.

Die Tabakindustrie reichert ihre Produkte mit bis zu 600 Zusatzstoffen an. Diese nehmen dem Tabakrauch die Schärfe und verbessern seinen Geschmack. «Die Zusatzstoffe erhöhen aber auch das Suchtpotential, erleichtern Jugendlichen den Einstieg ins Rauchen und können sich bei der Verbrennung in giftige und krebserzeugende Substanzen umwandeln», schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Vor allem Menthol erleichtert Kindern und Jugendlichen den Einstieg ins Rauchen, da es schmerzlindernd und kühlend wirkt. Weil Menthol die Atemfrequenz und das Atemvolumen erhöht, inhaliert man tiefer und nimmt mehr Nikotin auf.

Die schädlichsten Stoffe im Tabakrauch

Nikotin gehört zu den stärksten Pflanzengiften. Das Nikotin wird in der Wurzel der Tabakpflanze (Nicotiana tabacum) gebildet und wandert bei der Reifung der Pflanze in die Blätter. Die tödliche Dosis für einen nichtrauchenden Menschen sind 40 bis 60 Milligramm Nikotin. Bei einem Kleinkind reichen schon weniger als zehn Milligramm, was weniger als einem Zigarettenstummel entspricht.

Eine Zigarette enthält 8 bis 20 Milligramm Nikotin, wovon beim Rauchen rund zehn Prozent absorbiert werden. Die Packungsangabe bezieht sich auf maschinell im Rauch gemessene Werte. Wie viel Nikotin der Körper im Tag aufnimmt, hängt von diversen Faktoren ab: etwa von der Art des Tabaks, seinem Nikotingehalt sowie der Anzahl gerauchter Zigaretten und ob diese Filter haben. Auch Atemvolumen und Inhalationstiefe spielen eine Rolle.

Teer setzt sich in Atemwegen und Lunge fest und geht in den Blutkreislauf über. Er verklebt die Flimmerhärchen der Atemwege. In der Folge werden Schadstoffe nicht mehr automatisch zum Rachen transportiert. Die Krebsgefahr beim Rauchen geht vor allem vom Teer aus.

Kohlenmonoxid und Blausäure sind hochgiftig und führen zu Sauerstoffmangel im Blut und damit in allen anderen Geweben und Organen. Sie besetzen in den roten Blutkörperchen die Stellen, die für den Sauerstoff vorgesehen sind. Als Folge bilden die Innenwände der Arterien mehr Zellen, um zu genügend Sauerstoff zu gelangen. Die daraus entstehende Verdickung im Innern der Blutgefässe legt die Grundlage für Arteriosklerose.

Acetaldehyd und Ammoniak wirken stark hustenreizend, Benzol, Kadmium-, Nickel- und Arsensalze sind krebserzeugend; bei Akrolein und Formaldehyd besteht der Verdacht. Bleisalze können das Kind im Mutterleib schädigen.

Tabakzusatzstoffe wie Zucker, Menthol, Lakritze, Vanille oder Gewürznelken werden den Zigaretten beigemischt, um den Geschmack zu verbessern und das scharfe Aroma der Zigarette weicher zu machen.

So schädigt das Rauchen den Körper

Bereits geringste Mengen Tabakrauch wirken krebserzeugend. Das Deutsche Krebsinformationszentrum hält fest, es gebe keine Menge, die unschädlich wäre.

Rauchen schädigt neben den Lungen, Blutgefässen, Herz und Hirn nahezu alle Organe. Krebs der Lungen, der Mundhöhle, des Kehlkopfs und der Bronchien entsteht bis zu 90 Prozent so. In der Schweiz sterben jährlich über 9000 Personen vorzeitig an den Folgen des Tabakkonsums. 41 Prozent dieser Todesfälle wurden laut Bundesamt für Gesundheit im Jahr 2007 durch tabakbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht. 27 Prozent erlagen einem Lungenkrebs, 18 Prozent Atemwegserkrankungen, und 14 Prozent starben durch andere Krebsarten.

Weltweit sind jedes Jahr mehr als fünf Millionen Tote die Folge des Tabakkonsums. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Rauchen eine Krankheit – und die Zigarette das einzige Konsumgut, das bei der dafür vorgesehenen Verwendung seinen Konsumenten tötet.

Das Risiko für folgende Leiden steigt:

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Hier gehört Zigarettenrauchen zu den wichtigsten Risikofaktoren für Ablagerungen in den Arterien (Arteriosklerose), Verengung der Herzkranzgefässe (Angina Pectoris), Herzinfarkt, Hirnschlag, Blutgerinnsel in den Venen (Thrombosen) und Herzschwäche.

Bei Rauchern ist das Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden viermal häufiger, als bei Nicht-Rauchern. Der Grund: Rauchen verengt die Blutgefässe, lässt den Blutdruck ansteigen und erhöht die Herztätigkeit. Die Risikofaktoren verstärken sich, wenn Bewegungsmangel, Stress, Übergewicht oder erhöhter Blutdruck hinzukommen.

Wenn Frauen rauchen und gleichzeitig mit der Pille verhüten, steigt das Risiko für Thrombosen, Schlaganfälle und Herzinfarkte zusätzlich.

Krebs: Raucherinnen und Raucher haben ein zehnmal erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Die toxischen Verbindungen im Tabakrauch gelten als wichtigste Ursache für Lungenkrebs und begünstigen Krebs in der Mundhöhle, am Kehlkopf, in der Speiseröhre, im Magen, in der Bauchspeicheldrüse, der Blase, der Niere und am Gebärmutterhals.

Lungenerkrankungen: Rauchen ist die häufigste Ursache von Atemwegserkrankungen. Die Atemwege werden gereizt, was vermehrt zu Husten, Auswurf und Erkältungen führt. Was ziemlich harmlos als leichter Husten beginnt, kann schlimme Folgen haben. Die umgangssprachliche «Raucherlunge» heisst medizinisch COPD (englisch für «chronic obstructive pulmonary disease», chronische hemmende und verstopfende Lungenerkrankung). Darunter versteht man länger bestehende Erkrankungen der Atemwege wie chronische Bronchitis oder das Lungenemphysem (Lungenblähung). Ihnen gemeinsam ist die Behinderung der Atmung, starker Husten mit Auswurf, Kurzatmigkeit und gehäuftes Auftreten von Lungenentzündungen. Vor allem spätere Stadien der Krankheit können lebensbedrohlich sein. Die Mehrzahl der Todesfälle (80 bis 90 Prozent) infolge COPD geht auf das Rauchen zurück. Wer raucht, hat ein sechsmal höheres COPD-Risiko.

Worauf das Rauchen zudem Auswirkungen hat

Zähne, Zahnfleisch, Mundhöhle: Tabakrauch fördert die Zerstörung des Kieferknochens, erhöht das Entzündungsrisiko und verdoppelt das Risiko, dass Zähne ausfallen. Eine Untersuchung der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft bei Rekruten ergab, dass Raucher einen signifikant höheren Kariesbefall hatten als Nichtraucher.

Impotenz: Raucher bekommen leichter Erektionsstörungen. Eine Studie der Tulane University in New Orleans belegt, dass Männer, die täglich mehr als 20 Zigaretten rauchten, ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko dafür hatten.

Fruchtbarkeit: Ungünstige Auswirkungen hat das Rauchen auf den Reproduktionstrakt von Mann und Frau. Wie Studien zeigen, verzögert sich bei rauchenden Frauen die Empfängnis um durchschnittlich zwei Monate. Erwiesenermassen wirkt sich das Rauchen auch auf die Sterblichkeit von Föten und Neugeborenen aus. Frauen, die während der Schwangerschaft geraucht haben, haben ein höheres Risiko für eine Fehlgeburt. Wird während der Schwangerschaft geraucht, steigt ausserdem das Risiko eines plötzlichen Kindstods.

Die Leistungsfähigkeit nimmt ab, da Kohlenmonoxid den Sauerstofftransport im Blut behindert.

Das Raucherbein ist eine drastische Folge der Durchblutungsstörungen: Weil das Gewebe immer schlechter versorgt wird, stirbt es ab. Als Folge kann eine Amputation der Zehen, des Fusses oder des ganzen Beins nötig werden.

Rauchstopp: Wie schnell sich der Körper erholt

Nach 20 Minuten: Blutdruck und Puls norma­lisieren sich, Hände und Füsse werden ­besser durchblutet.

Nach 120 Minuten: Der ­Nikotingehalt im Blut ist auf die Hälfte gesunken.

Nach acht ­Stunden: Die Menge des giftigen Kohlenmonoxids im Blut nimmt ab, der Sauerstoffwert wird wieder normal.

Nach 24 Stunden: Das Risiko für einen Herzinfarkt sinkt.

Nach 48 Stunden: Der Geschmacks- und der Geruchssinn verbessern sich.

Nach zwei bis vier Tagen: Nikotinabbau­stoffe sind nicht mehr im ­Körper nachweisbar.

Nach zwei bis neun Monaten: Die Atmung macht ­Fort­schritte, der Körper wird leistungs­fähiger, die ­Sper­mienqualität verbessert sich. Ebenso die Empfängnisbereitschaft bei Frauen.

Nach einem Jahr: Das Herzinfarktrisiko ist bereits nur noch halb so gross wie bei einem Raucher. Die ­typische Haut von Rauchern (faltig, trocken) verschwindet.

Nach fünf Jahren: Das Risiko für ­Lungenkrebs sinkt um die Hälfte, und auch andere Krebsrisiken (Mund, Rachen, Speiseröhre, Blase, Niere, Bauchspeicheldrüse) ­sinken deutlich.

Nach fünf bis fünfzehn Jahren: Das Risiko für ­einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ist gleich hoch wie bei einem Nichtraucher.