Während einer Migräneattacke entgleise ich völlig. Es ist, als zerfalle die Wirklichkeit um mich herum, und dieses Gefühl ist noch entsetzlicher als der hämmernde Schmerz im Hirn.» Christoph M. ist eines von rund 1,4 Millionen Migräneopfern in der Schweiz. Und obwohl der 38-Jährige in den letzten fünf Jahren unzählige Attacken durchstand, hat die Krankheit nichts von ihrem Schrecken verloren.

Schon bevor der Schmerz durch seinen Kopf tobt, überfällt ihn tiefe Existenzangst. Christoph M. leidet an einer klassischen Migräne, einer Migräne mit vorausgehender Aura: Innert weniger Minuten brechen verschiedene Körperfunktionen zusammen. Die häufigsten Aurasymptome sind Seh- und Sprechstörungen, Lähmungserscheinungen und Schwindel.

Etwa ein Fünftel aller Migränepatienten leidet an den neurologischen Aussetzern, meist des visuellen Nervensystems. «Es beginnt mit einem irren Flimmern, steigert sich in grelle Blitze und gipfelt darin, dass den Gegenständen oder Gesichtern, die ich betrachte, ganze Teile fehlen.» Und obwohl Christoph M. weiss, dass der Spuk höchstens 30 Minuten dauert und schliesslich von pulsierenden einseitigen Kopfschmerzen abgelöst wird, versetzen ihn diese Auraphasen jedes Mal in Angst und Schrecken.

Jeder Anfall ist ein Teporärer Abschied von der Aussenwelt

Aussenstehenden ist diese Krankheit oft suspekt; sich in sie hineinzufühlen ist schwierig, denn Kopfweh Kopfschmerzen Kurieren mit Köpfchen haben wir doch alle mal, oder? Aber Migräne ist eben nicht einfach «nur» starkes Kopfweh, sondern setzt die Betroffenen mit Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit sowie einem allgemeinen Krankheitsgefühl vorübergehend ausser Gefecht. Ein Anfall kann von drei Stunden bis zu drei Tagen dauern. Migräniker haben bestimmte Tage einfach aus ihrer Agenda zu streichen – im Schnitt sind es 36 pro Jahr.

Jeder Migräneanfall ist ein temporärer Abschied von den Menschen, der Umwelt und ihren Reizen, die allesamt unerträglich werden. Diese Flucht und ihr «Rühr mich nicht an»-Charakter sind wohl dafür verantwortlich, dass der Migräne noch heute der Beigeschmack der «faulen Ausrede» oder eines «hysterischen Frauenleidens» anhaftet.

Bis zur Pubertät Kopfschmerzen Jedes zehnte Kind hat Migräne verteilen sich die Migränefälle mit je fünf Prozent gleichmässig auf Mädchen und Knaben. Erst später verschiebt sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern: Fünfzehn Prozent aller Frauen leiden an Migräne, bei den Männern sind es sieben Prozent.

Das Hirn spielt verrückt

Überhaupt tappt die Migräneforschung noch weitgehend im Dunkeln vor allem was die Ursachen anbelangt. Sicher ist, dass die «Halbschädelige», wie Migräne aus dem griechischen Wortstamm übersetzt werden könnte, kein modernes Leiden ist. Ihre medizinische Beschreibung findet sich bereits auf Papyrusrollen aus dem Jahr 1000 v. Chr.

Seit neustem weiss man, dass sie nicht eine Gefäss- oder Durchblutungskrankheit ist, sondern eine krankhafte Fehlfunktion des Hirns, bei der der Neurotransmitter Serotonin aus dem Ruder läuft und für das schmerzhafte Anschwellen der Gefässwände verantwortlich ist. Hier setzen auch die Migränemedikamente an, allen voran die Ergotamine und die neueren Triptane. Sie können zwar keine Attacke verhindern, aber den Schmerz und die Übelkeit lindern. Bei etwa einem Drittel aller Migräniker versagen aber selbst die chemischen Keulen.

Es gibt kein Migräne-Gen

«Man hat immer versucht, das Mysterium Migräne mit einem mechanischen Vorgang zu erklären und ist dabei jedes Mal kläglich gescheitert», sagt Hansruedi Isler, Zürcher Neurologe und bis vor kurzem Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft. Und obwohl eine gewisse familiäre Häufung festgestellt wurde, ist weder die Vererbung nachgewiesen, noch wurde so etwas wie ein Migräne-Gen gefunden.

Spezialisten gehen heute davon aus, dass bei der Entstehung von Migräne biologische und vermutlich auch psychische Ursachen zusammenspielen. Isler: «Migräne kann auch als Alarmvorrichtung des Gehirns, als eine Art Druckventil betrachtet werden. Deshalb gibt es keine Therapieformel. Jede Migräne muss individuell angegangen werden.»

Das Leben steht Kopf

Die Migräne als sinnvolle Notbremse des Körpers? «Mag sein, dass diese Krankheit einen tieferen Sinn hat», sagt Gabrielle Keller, die seit 20 Jahren an Migräne leidet. «Aber wenn die Schmerzen während einer Attacke an der Grenze des Erträglichen sind, einen zum Erbrechen bringen und funktionsunfähig machen, dann ist es schon schwierig, dieser Krankheit einen Sinn abzugewinnen.»

Zehn Jahre lang fühlte sich die Journalistin und Mutter zweier Kinder diesem wiederkehrenden Phantom ausgeliefert. «Ich wollte die Migräne nicht akzeptieren, denn sie passte absolut nicht in mein Selbstbild. Sie gab mir das Gefühl zu versagen, machte mich ängstlich und drängte mich in die Isolation.» Während der schlimmsten Zeiten hatte sie zwei bis drei Attacken pro Woche. Immer wieder musste sie notfallmässig die Kinder irgendwo unterbringen, berufliche Aufträge hinausschieben, Einladungen absagen, Pläne ändern.

Auf das Verständnis ihrer Umwelt konnte Gabrielle Keller kaum mehr hoffen. «Ich lebte in einem Provisorium, weil ich nie wusste, wann ich wieder den Rückzug in die Verdunkelung antreten musste.»

Globuli halfen schliesslich gegen Migräne

Wie viele andere Migränepatienten begann auch Gabrielle Keller eine verzweifelte Odyssee von Arzt zu Ärztin. «Ich ass Chemie bis zur Vergiftung, aber nichts half.» Darauf versuchte sie es mit psychologischer Beratung und Betablockern. Vergeblich. Auch die Akupunktur versagte. «Irgendwann war ich nur noch wütend: auf meine Migräne, auf die Ärzte und auf mich selbst.» Mit dieser Wut in Bauch und Kopf schluckte sie auch jene «blöden weissen Kügeli», die sie von einer Homöopathin erhielt und an deren Wirkung sie sowieso nicht glaubte.

Ein Placeboeffekt kann es also nicht gewesen sein, der Gabrielle Keller nach und nach Linderung verschaffte: Die Migräne verabschiedete sich für immer längere Phasen. Sie schluckte ein Extrakt der Nux vomica, zu Deutsch Brechnuss, ein pflanzliches Heilmittel, das auch gegen die «Manager-Krankheit» eingesetzt wird.

Vielleicht waren es die Kügelchen, die halfen. Vielleicht aber auch Gabrielle Kellers veränderte Einstellung zum Leben und zur Migräne. «Ich begann mich von falschen Idealbildern und von äusserlichem Druck zu befreien und warf meinen hausgemachten Perfektionismus über Bord.»

Seit etwa zehn Jahren leidet Gabrielle Keller noch ein- bis zweimal pro Monat an Migräne. Und obwohl sie schon lange keine Medikamente mehr nimmt, sind die Schmerzattacken erträglicher geworden. Mittlerweile versucht sie, die Migräne als eine «alte Bekannte» zu betrachten, die sie nicht mögen, aber auch nicht mit Gewalt bekämpfen muss.