Zu den Personen

Carola Smolenski (Fachpsychologin) und Oliver Schwald (ärztliche Leitung) arbeiten im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bern.

Quelle: Keystone/ AP

Beobachter: Sind Ihre Patienten von der Flucht derart traumatisiert? Oder von ihrem Heimatland?
Carola Smolenski: Beides. Wir haben Patienten, die «klassisch» gefoltert wurden: etwa von staatlichen Institutionen oder in Gefängnissen. Aber all das, was auf der Flucht passiert, er­leben sie oft auch als eine Art Folter.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Oliver Schwald: Folter ist eine Defini­tionssache. Um von Folter sprechen zu können, müssen laut Uno staatliche Stellen oder Behörden die Täter sein. Aber für das Opfer ist es letztlich ziemlich egal, ob es von Beamten oder ­einer Schlepperbande gefoltert wird: Wenn eine Frau in Libyen ankommt und von den Schleppern monatelang eingesperrt, verprügelt und vergewaltigt wird, dann ist das vom traumatischen Effekt her nicht wesentlich anders als staatliche Folter. Aber für das Asyl­verfahren spielt es eine Rolle, weil nur staatliche Folter asylrelevant ist.

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Beobachter: Was belastet die Patienten am meisten?
Smolenski: Als sehr schlimm wird das Gefühl der Ohnmacht beschrieben. Oft haben sie alle Mittel, die sie irgendwie noch zur Verfügung hatten, für die Finanzierung der Flucht aus­gegeben. Und sie sind den Schleppern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Schwald: Viele Patienten haben selber massive körperliche Gewalt erlebt. Aber viele erzählen, dass es schlimmer war, die Folterung, Vergewaltigung oder den Tod anderer mitansehen zu müssen, ohne helfen zu können. Teilweise zwingen Folterer ihre Opfer gar zuzuschauen, wie sie einen Menschen bis in den Tod misshandeln. Die Folterer binden zum Beispiel ihren Kopf fest und schlagen sie, wenn sie die Augen schliessen. Das sind ­Sachen, die man nur sehr, sehr schwer ertragen kann. Es ist eine unglaub­liche Ohnmacht.
Solche schrecklichen Szenarien erlebt man auf der Flucht aber wohl kaum.

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«Leute mit einem schweren Trauma wissen oft nicht mehr genau, was wie passiert ist.»

Oliver Schwald, Ärztlicher Leiter

Beobachter: Das passiert eher im Herkunftsland.
Smolenski: Leider nicht nur. Auf der Flucht kann das quasi automatisch passieren. Man muss zuschauen. Weitergehen. Kann nicht helfen. Und das Schuldgefühl entwickelt sich: Man müsste helfen, aber man schaut zu sich, damit man selber überlebt.

Beobachter: Sind diese Schuldgefühle teilweise nicht auch begründet? Gibt es nicht auch Leute, die auf der Flucht zu Tätern werden, indem sie etwa jemandem das Essen wegnehmen?
Smolenski: Doch. Für die Flüchtlinge sind das sehr schambehaftete Erlebnisse. Bis sie diese eingestehen können, braucht es viel Zeit und eine vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten. Schuldgefühle entstehen aber auch häufig, ohne dass man aktiv jemandem Schaden zugefügt hat. Auf der Flucht werden die Schwächsten oft krank, Wunden können nicht versorgt werden, und die Kränksten müssen unterwegs zurückgelassen werden.

Beobachter: Schaffen es Flüchtlinge also nur dann bis in die Schweiz, wenn sie für sich schauen?
Schwald: Ich glaube, man kann keinen Krieg durchleben – und vielleicht auch keine Flucht –, ohne dass man das Gefühl hat, man habe sich auf irgendeine Art schuldig gemacht. Man wird Opfer der Umstände, muss beispielsweise, um das eigene Leben zu retten, jemanden verraten oder zurücklassen. Und es ist enorm beschämend herauszufinden, zu was allem man fähig ist. In der Therapie ist wichtig, dass diese Aspekte nicht verdrängt werden und sich die Patienten nicht nur als Opfer sehen. Sonst gibt es ­irgendwann keinen Therapiefortschritt mehr. Wir helfen den Patienten, solche Handlungen in ihr Selbstbild zu integrieren und zu akzeptieren: «Das habe ich ­getan, aber ich konnte nicht anders.»

Beobachter: Was kann eine gefährliche Flucht bei einem bereits traumatisierten Menschen auslösen?
Schwald: Je mehr traumatische Erfahrungen ein Mensch macht, desto eher erleidet er eine Traumafolgestörung. Unsere Pa­tienten haben durchschnittlich zwischen acht und 14 schwersttraumatische Erfahrungen erlebt, bis sie hierhingekommen sind. Und es hört in der Schweiz nicht auf: Traumafolgen können sich in der Schweiz verstärken. Zum Beispiel durch eine belastende Situation in einer unterirdischen Asylunterkunft oder durch ein langwieriges Asylverfahren.

Hilfsangebot für Flüchtlinge

Im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bümpliz bei Bern wird Flüchtlingen geholfen, die durch Krieg, Folter oder Flucht traumatisiert wurden. Die Männer, Frauen und Kinder stammen aus Europa, Asien, Afrika oder dem Nahen Osten.

Um im Ambulatorium aufgenommen zu werden, brauchen die Flüchtlinge eine schriftliche Überweisung durch einen Hausarzt. Danach werden die Leistungen für die psychiatrische Behandlung über die Krankenkasse abgerechnet. Die effektiven Kosten sind aber höher, da zusätzlich Aufwände für Dolmetscher anfallen und die Behandlungen oft länger dauern.

Das Ambulatorium offeriert ausserdem unterstützende Hilfsangebote wie beispielsweise Beratungen der Angehörigen. Die zusätzlichen Kosten dafür übernimmt das Schweizerische Rote Kreuz. Das Ambulatorium betreut 250 bis 300 Migrantinnen und Migranten jährlich. Weitere Therapiezentren gibt es in Zürich, Lausanne, Genf und St. Gallen.

«Sie erleben die Flucht als Folter»: Afrikanische Flüchtlinge im Hafen von Pozzallo auf Sizilien.

Quelle: Keystone/ AP

Beobachter: In den letzten Wochen sind viele Bilder von ertrinkenden Flüchtlingen und gekenterten Booten durch die Medien gegangen.
Belastet das die Betroffenen?
Schwald: Ja. Wir sagen ihnen, dass sie nicht zu oft auf soziale Plattformen wie Facebook oder Youtube gehen sollen, damit sie nicht von Gewaltbildern überflutet werden. Damals beim Kampf um Kobane in Syrien war das ein starkes Thema bei unseren kurdischen Patienten. Sie kamen nicht davon los, die Videos der Kämpfe zu sehen, aber gleichzeitig destabilisierten sie sich damit. Auch für uns Therapeuten ist es belastend, die Bilder zu sehen, da wir in unserem Alltag immer wieder mit solchen Geschichten konfrontiert sind. Ich persönlich lese nur noch gedruckte Medien und schaue auch keine Videos von solchen Szenen im Fernsehen.

Beobachter: Gibt es überhaupt Heilung für Menschen mit schwerem Trauma?
Schwald: Nicht wirklich. Aber heilsam ist einiges. Das beginnt mit der Kontaktaufnahme, mit dem Wagnis, wieder vertrauen zu lernen. Wichtig ist, dass wir diesem Vertrauen Sorge tragen: Wir müssen alles, was wir versprechen, auch wirklich einhalten. Neben der Traumapsychotherapie ist auch die Wertschätzung des Menschen wichtig, mit allem, was er erlebt hat.
Smolenski: Wir arbeiten mit den Patienten oft mit der Metapher einer Wunde: Tiefe, schwere Fleischwunden müssen erst mal versorgt werden, damit sie sich nicht entzünden. Manchmal muss man die Wunde auch öffnen und etwas herausnehmen, damit sie besser zusammenwachsen kann. Eine tiefe Wunde hinterlässt auch Narben. Mit einer Wunde kann man nicht arbeiten oder am Sozialleben teilnehmen, mit einer Narbe aber schon.

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Beobachter: Kann ein Trauma jemanden sogar daran hindern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen oder eine Arbeit zu finden?
Schwald: Wenn sie unbehandelt bleibt, ja. Es ist schwierig, mit einer schweren Traumafolgestörung zu arbeiten. Geschlossene Räume beispielsweise bereiten den Patienten Mühe. Oder sie haben Schwierigkeiten, Aufträge entgegenzunehmen, weil das als Befehl verstanden wird. Zudem versuchen sie immer wieder, möglichst Kontrolle über eine Situation zu erlangen – für Fremde manchmal auf eine unangepasste Art.

«Fast die Hälfte aller Asylbewerber ist traumatisiert.»

Carola Smolenski, Fachpsychologin

Beobachter: Da höre ich schon den Stammtisch: «Da kommen diese Flüchtlinge hierher, wir nehmen sie auf, und jetzt werden sie auch noch therapiert.»
Smolenski: Unsere Patienten bluten nicht gegen aussen, deshalb sieht der Stammtisch vielleicht nicht, wie verletzt sie sind. Aber wenn man die Wunden nicht versorgt, haben sie fast keine Möglichkeit, sich hier im asyl­gebenden Land zu integrieren.
Schwald: Es gibt Untersuchungen, die aufzeigen, dass die Kosten ohne spe­zifische Behandlung deutlich höher ausfallen. Auch deshalb, weil die Menschen später Schwierigkeiten haben, eine Stelle zu finden. Obwohl sich das die allermeisten Patienten sehnlichst wünschen.

Beobachter: Traumatisiert in einem Asylverfahren – ist das nicht auch ein Vorteil, weil man so eher Asyl erhält?
Schwald: Im Gegenteil. Die schwer traumatisierten Leute sind nicht die, die eine schöne, kohärente Geschichte präsentieren können. Sie sind oft verwirrt, wenn sie über das Trauma sprechen, und bringen Zahlen durcheinander. Viele wissen auch nicht mehr genau, was alles in welcher Reihen­folge passiert ist. Während eines Traumas werden zwar Erinnerungen gebildet, sie sind aber fragmentiert.

Beobachter: Es hätte also überhaupt keinen Sinn zu simulieren?
Smolenski: In einer seriösen und dif­ferenzierten Abklärung kann davon ausgegangen werden, dass zwischen Menschen mit und solchen ohne Traumatisierung unterschieden werden kann.

Beobachter: Der Platz im Ambulatorium ist knapp. Die Behandlung dauert rund zwei Jahre, und es gibt eine Warteliste. Wie viele Plätze fehlen?
Smolenski: Laut einer grossen Studie von 2006 weisen zirka 40 Prozent aller Asylbewerber eine Traumafolgestörung oder eine posttraumatische Belastungsstörung auf. Bei Flüchtlingen aus Kriegsgebieten wie Syrien gehen wir von einer noch höheren Zahl aus.
Schwald: Neben Therapie sind auch andere Hilfestellungen wichtig, um die soziale und die berufliche Integration zu unterstützen. Nach Schätzungen des Staatssekretariats für Migration vom letzten Jahr fehlen in der Schweiz derzeit bis zu 500 Therapieplätze.