Der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger rief die Bevölkerung auf: «Arbeiten Sie öfter von zu Hause aus!» Das war 2010 – anlässlich des ersten nationalen Home Office Day. Dies würde nicht nur die Lebensqualität steigern, sondern auch Strassen- und Bahnverkehr entlasten und deshalb der Umwelt guttun, argumentierte der Bundesrat. 

Aus dem Home Office Day wurde mittlerweile die Work Smart Initiative. Diese wird von grossen Schweizer Arbeitgebern getragen und will Unternehmen bei der Umsetzung flexibler Arbeitsformen unterstützen. Seiner Vorbildfunktion entsprechend, hat der Bundesrat im März 2017 beschlossen, dass die Bundesverwaltung der Work Smart Initiative beitritt und damit zur Reduzierung des Energieverbrauchs beiträgt. Home-Office, das Arbeiten zu Hause Home-Office Tipps für das Büro zu Hause , ist das eine. Das andere ist die Nutzung von Coworking-Spaces nahe dem Wohnort, das sind Büroplätze, die man stunden-, tage- oder wochenweise mieten kann. 

Ziel bis 2030: in 15 Minuten erreichbare Coworking-Büros für alle

Tobias Müller, Geschäftsleitungsmitglied beim Zuger Ingenieurunternehmen Hefti Hess Martignoni (HHM), nutzt dieses Angebot seit zwei Jahren. Der 40-Jährige wohnt mit seiner Familie in Sachseln OW. Statt täglich zweieinhalb Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Zug zu pendeln, arbeitet er regelmässig in einem Coworking-Büro beim Bahnhof Sarnen. Mit dem Velo braucht er pro Weg zehn Minuten. «Das steigert meine Lebensqualität ganz klar», sagt Müller.

Die Zeitersparnis habe dabei schon im Vordergrund gestanden, weniger das Energiesparen – auch weil er ja zum Pendeln Katja Walder «Frauen pendeln indiskreter, Männer rüpelhafter» den ÖV benutze. Trotzdem glaubt er, mit diesem Arbeitsmodell zum Energiesparen beizutragen: «Die Masse macht es schliesslich aus.»

Damit liegt er richtig. Das zeigen Berechnungen der Genossenschaft Village Office, deren Ziel es ist, neue, dezentrale Arbeitsformen zu fördern. Bis zum Jahr 2030 will sie erreichen, dass für jede Person das nächste Coworking-Büro innert 15 Minuten per Velo oder ÖV erreichbar ist. Erforderlich sind dafür schweizweit rund 1000 Standorte. Damit könnte man laut Village Office jährlich 4,4 Milliarden Pendelkilometer und 530'000 Tonnen CO2 einsparen.

Dass das Sparpotenzial gross ist, zeigt auch die Studie «Der Arbeitsplatz der Zukunft» der Deloitte AG aus dem Jahr 2016: Danach arbeiten heute erst rund 28 Prozent der Schweizer mindestens einen halben Tag pro Woche von zu Hause aus. Das Potenzial für Home-Office liegt jedoch schon heute bei gut 50 Prozent der Beschäftigten.

Dem Teamgeist Sorge tragen

Auch bei den Unternehmen findet langsam ein Umdenken statt: Viele haben erkannt, dass sie für ihre Mitarbeiter attraktiver sind, wenn sie die Möglichkeit flexibler Arbeitsformen bieten. Für die Firma HHM von Tobias Müller war dies mit ein Grund, auf das Jahresarbeitszeitmodell umzustellen und damit das dezentrale Arbeiten der Mitarbeitenden zu fördern. «In unserer Branche herrscht Fachkräftemangel, weshalb wir einige Mitarbeiter mit langen Arbeitswegen haben. Diese wollen wir auf keinen Fall verlieren», sagt Müller. Er selber schätzt am Coworking-Büro, dass er dort «ungestörter und konzentrierter» arbeiten kann als am Firmensitz. Er sieht aber auch die Herausforderungen des dezentralen Arbeitens: Die Lehrlingsbetreuung sei schwieriger, genauso das Einarbeiten von neuen Angestellten und die Erhaltung des Teamspirits. Deshalb gilt bei HHM: Am Montag müssen alle Mitarbeiter am Sitz in Zug arbeiten, am Freitag wäre es erwünscht. 

Bei Tobias Müller übernimmt die Firma die Büroplatzmiete von 30 Franken pro Tag. «In der Regel bezahlt der Arbeitgeber fürs Coworking», sagt David Brühlmeier, Präsident von Village Office. Es gebe aber auch Beispiele, wo die Miete mit den Arbeitnehmern geteilt würde – etwa weil diese dadurch Mobilitätskosten einsparen.

Auch bei der Axa Schweiz zahlt die Firma die Platzmiete fürs Coworking. Und die Mitarbeiter, die ausschliesslich von zu Hause aus arbeiten, entschädigt sie mit monatlich 250 Franken für das Home-Office. Der Winterthurer Versicherungskonzern fördert flexibles Arbeiten und bietet den Angestellten verschiedene Modelle an. Rund 17 Prozent der Beschäftigten arbeiten derzeit regelmässig einen halben bis zweieinhalb Tage pro Woche von zu Hause aus – daneben noch etliche unregelmässig. 

Die Umwelt ist oft Nebensache

Die Axa hat ausgerechnet, dass dadurch die jährlichen CO2-Emissionen um knapp 90 Tonnen reduziert werden Klimaschutz CO2 reduzieren – in der Schweiz oder im Ausland? . Axa-Sprecherin Christina Ratmoko ist sich aber auch bewusst: «Überlegungen zum Umweltschutz spielen bei den wenigsten die Hauptrolle.» Ihnen geht es, genauso wie Tobias Müller, vor allem um Zeitersparnis und Lebensqualität. Natürlich ist die Energieeinsparung ein willkommener Nebeneffekt. 

Warum Home-Office der Firma nützt

Für Unternehmen gibt es neben der Vermeidung von Pendelkilometern diverse Gründe, die für das Einführen flexibler Arbeitsmodelle sprechen. «Es hilft uns bei der Rekrutierung von Fachkräften und dabei, diese zu behalten», sagt etwa Axa-Sprecherin Christina Ratmoko. Das Bedürfnis nach Home-Office sei in ihrem Unternehmen weit verbreitet, und wenn man dies den Mitarbeitenden ermögliche, erhöhe das selbstverständlich deren Zufriedenheit. 

Auch das Arbeiten im Coworking-Space sieht Ratmoko positiv: «Dort herrscht nochmals eine völlig andere Atmosphäre als zu Hause oder in der Firma.» Dieses andere Umfeld könne beispielsweise viel zur Entwicklung von kreativen Ideen beitragen. Ausserdem sei dort das Ablenkungspotenzial viel kleiner als etwa zu Hause. Welche weiteren Vorteile Unternehmen aus flexiblen Arbeitsmodellen ziehen können, ist unter anderem auf der Website der Work Smart Initiative zu finden. 
 

  • work-smart-initiative.ch: Die Plattform bietet Unternehmen Unterstützung bei der Umsetzung flexibler Arbeitsformen.
  • www.villageoffice.ch: das grösste Schweizer Coworking-Netzwerk
  • www.mobitool.ch: Die Plattform soll Unternehmen und Verwaltungen dafür sensibilisieren, wie sie die Mobilität beeinflussen und optimieren können.

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Matthias Pflume, Textchef Digital

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter