Beobachter: Herr Weber, Sie und die anderen Gegner des Energiegesetzes behaupten, dass wir bei einem Ja kalt duschen müssen. Ist das Ihr Ernst?

Lukas Weber: Natürlich. Wenn uns der Staat zwingt, so viel Energie und Strom zu sparen wie im Gesetz vorgesehen, dann müssen wir zwangsläufig verzichten. Der eine verzichtet dann vielleicht aufs Auto, der andere spart beim heissen Wasser.

Marco Pfister: Ach was, es musste noch niemand kalt duschen. Die Vorgaben im Gesetz sind absolut realistisch. Bis 2020 sollte der Stromverbrauch pro Kopf gegenüber dem Jahr 2000 um 3 % sinken - diesen Wert haben wir schon 2015 erreicht. Da fehlt nicht mehr viel bis zu den 13 % im Jahr 2035. Derselbe Trend beim Energieverbrauch, wo wir pro Person schon 12% tiefer liegen (das Ziel liegt bei 43%, Anm. d. Red.). Ihre Wahlplakate sind jenseits von Gut und Böse.

Weber: Sie erhoffen sich Wunder von der Energieeffizienz, dabei verbessert sich diese sowieso, aber zu wenig. Gleichzeitig kommen neue Bedürfnisse auf: denken Sie etwa an die neuen Werbebildschirme in den Bahnhöfen – diese brauchen Strom. Elektroautos sollen Benzin und Diesel ersetzen, diese brauchen Strom. Und Wärmepumpen sollen die Gas- und Ölheizung ersetzen – auch sie brauchen Strom...

Pfister: Genau deshalb ist es wichtig, dass wir auf energiesparende Geräte setzen und die Gebäude sinnvoll sanieren. Um das zu erreichen, werden finanzielle Anreize geschaffen. Aber auch Verbote lohnen sich manchmal für alle. Nehmen wir als Beispiel die Glühbirne: Sie ist zwar beim Kauf billiger als eine LED-Lampe, braucht aber viel mehr Strom. Auf die Lebensdauer gerechnet kommt das umweltfreundlichere LED viel günstiger. Also nützt es doch allen, wenn stromfressende Glühbirnen vom Markt genommen werden.

Weber: Das ist diese typische Haltung von oben herab. Lasst doch die Leute kaufen, was sie wollen. Wenn LED-Lampen überzeugen, dann setzen sie sich von alleine durch. Und wenn jemand eine billige Glühbirne will und dann die Lampe nach zwei Jahren wegwirft, dann soll er das doch tun dürfen. Entscheidend ist die ausreichende Stromerzeugung. Überschüssigen Strom können wir exportieren, bei zu wenig Strom wird es allerdings schnell kritisch. Dann droht Strommangel.

Das umstrittene Plakat der Energiegesetz-Gegner.

Das umstrittene Plakat der Energiegesetz-Gegner.

Quelle: Getty Images
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Beobachter: Wann droht denn dieser Strommangel?

Weber: Bevor Sie ein Gesetz beschliessen, müssen Sie die Folgen bedenken. Wenn der Wind fehlt, braucht es die Sonne. Wenn die Sonne fehlt, dann braucht es eine zuverlässige Alternative. In diesem Fall bedeutet das: Import. Und wenn es keinen Strom mehr zu importieren gibt, dann haben wir ein Problem.

Pfister: Das stimmt einfach nicht. Es ist genau das Ziel der Energiestrategie, dass wir die einheimischen Erneuerbaren ausbauen, damit wir nicht auf mehr Stromimporte angewiesen sind, wenn die alten Atomkraftwerke stillgelegt werden. Im Mix ergänzen sich die Erneuerbaren ideal. Wenn Wind und Sonne fehlen, haben wir dafür die Wasserkraft und die Biomasse.

Beobachter: Wie ist diese Energiestrategie eigentlich mit den Zielen von Greenpeace zu vereinbaren, die…

Weber: Genau! Ihr setzt euch ein für Naturschutz, für Tierschutz und für Umweltschutz. Mit dem Energiegesetz wird aber der Naturschutz schlechter, denn unsere wunderschöne Landschaft wird verschandelt mit Windrädern. Der Tierschutz wird auch schlechter, denn es sterben Tausende Vögel in den Windrädern. Und der vermeintlich bessere Umweltschutz ist ebenfalls fragwürdig.

Pfister: Die grossen Umweltorganisationen stehen geschlossen hinter der Strategie. Wir sind der Meinung, dass der Strommix so, wie wir ihn vorschlagen, das Optimum bietet zwischen Umweltverträglichkeit, gesellschaftlicher Akzeptanz, Kosten und Versorgungssicherheit. In unserem Strommix macht die Wasserkraft weiter 60 % aus, Photovoltaik wird vor allem mit der Nutzung von Hausdächern auf 25 % ausgebaut, den Rest steuern Wind, Biomasse und weitere neue Erneuerbare bei. Es braucht maximal 400 Windräder - und diese werden nicht, wie von den Gegnern behauptet, mitten in Dörfer im Toggenburg gestellt.

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Weber: Das tönt ja alles schön und gut. Aber im Winter, an einem nebligen und windstillen Tag, funktioniert es leider nicht.

Pfister: Allein unsere Wasserkraftwerke haben die Leistung, um die Höchstlast an einem solchen Tag decken zu können. Aber sie sind nicht alleine. 

Weber: Was ist, wenn die Stauseen leer sind?

Pfister: Wir haben Pumpspeicherkraftwerke, um tägliche Schwankungen auszugleichen. Und unsere Stauseen sind riesig. 

Weber: Unser Verbrauch ist es auch. Und wenn es 30 Tage lang neblig und windstill ist?

Pfister: Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Auch im Winter gibt es in der Schweiz vor allem in den Bergen viel Sonnenschein. Zudem gibt es auch noch die Biomasse. Aber damit das auch funktioniert, müssen wir jetzt den Ausbau der Erneuerbaren in die Hand nehmen.

Weber: Aha, Sie wollen unsere Alpen zubauen?

Pfister: Nein, die Solar-Anlagen kommen auf die Hausdächer.

Weber: Und wie transportieren Sie diesen Sonnenstrom von den Alpen ins Flachland?

Pfister: Wir haben ein äusserst leistungsfähiges Stromnetz. Über diesen Punkt müssen wir uns noch lange keine Sorgen machen.

«Ihre Alternative ist Flatterstrom aus Wind, der weder genügend noch konstant weht, und aus Sonne, die nicht immer scheint.»

Lukas Weber, Gegner des Gesetzes

Quelle: Getty Images
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Beobachter: Herr Weber, auch wenn Sie dieses Energiegesetz ablehnen, müssen Sie einen Vorschlag präsentieren, wie unsere Stromversorgung in Zukunft ausschauen soll. Denn die AKW gehen nach und nach vom Netz…

Weber: Erst mal wissen wir nicht, wie lange Beznau, Leibstadt und Gösgen noch betrieben werden. Es ist kein Ausstiegsdatum gesetzt. Momentan gibt es keinen Handlungsbedarf für neue Kraftwerke.

Pfister: Es ist offensichtlich, dass die Zuverlässigkeit von AKW mit zunehmendem Alter abnimmt. Wir haben ja bereits das älteste AKW der Welt, das seit mehr als zwei Jahren stillsteht. Es ist also höchste Zeit, dass wir unsere Stromversorgung neu ordnen. Was Sie vorschlagen, Herr Weber, ist eine Nichts-Machen-Politik. 

Weber: Ich wäre sofort auf Ihrer Seite, wenn Sie einen überlegenen Ersatz für die AKW vorschlagen. Aber das tun Sie nicht. Ihre Alternative ist Flatterstrom aus Wind, der weder genügend noch konstant weht, und aus Sonne, die nicht immer scheint, um die nötige Grundlast-Produktion zu ersetzen.

Pfister: Das ist falsch. Unsere Fluss-Wasserkraftwerke alleine reichen schon fast, um die Grundlast abzudecken. Heute ist es so, dass wir nachts wegen den AKW zu viel Strom produzieren. Deshalb gibt es auch den niedrigen Nachttarif – als Anreiz, den Stromverbrauch von Heizungen und Boilern in die Nacht zu verlagern. Zudem werden dann die Speicherseen gefüllt. In Zukunft werden die Speicherseen dann wieder gefüllt, wenn die Sonne scheint.

«Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Stromversorgung neu ordnen. Was Sie vorschlagen, Herr Weber, ist eine Nichts-Machen-Politik!»

Marco Pfister, Befürworter des Gesetzes

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Beobachter: Sie schlagen also vor, das Gesetz abzulehnen und nichts zu tun?

Weber: Wir wissen schlicht nicht, wie die Lage in 10 oder 15 Jahren aussehen wird. Es ist eine Anmassung, wenn der Bundesrat heute entscheidet, wie wir in den nächsten Jahrzehnten unseren Strom herstellen sollen. Es ist unglaublich, dass der Staat diese Energiewende nach 100 Jahren perfekter Stromversorgung durchdrücken will. Wir sollten den Markt befreien, den Staat raushalten und alle Subventionen streichen. Das steht derzeit leider nicht einmal zur Diskussion.

Pfister: Zu Recht nicht, weil die Schweiz nicht den europäischen Strommarkt ändern kann! Die Strompreise sind im Keller, diese liegen derzeit bei 3 bis 4 Rappen pro Kilowattstunde. Die Wasserkraftwerke leiden darunter, und kein neues Kraftwerk ist wirtschaftlich. Ist Ihnen die Wasserkraft egal?

Weber: Im Gegenteil, die Wasserkraft ist sehr wertvoll. Wir sollten ihr vorübergehend wirksame Nothilfe gewähren. Das hiesse, für kurze Zeit genügend Geld für die Wasserkraft bewilligen und dann den Markt entscheiden lassen.

Pfister: Das neue Gesetz sieht vor, grosse Wasserkraftwerke zu unterstützen. Wenn wir es ablehnen, gibt’s gar nichts. 

Weber: Das ist zu wenig Geld, um sie wirklich zu retten, und offenbar genug, um die Zustimmung der Eigentümer zu kaufen. Das Gesetz bindet die finanziellen Mittel in falsche Technologien und steckt die Krümel in Wasserkraftwerke.

Pfister: Wenn Sie die Fördermittel zurückschrauben, dann schrauben Sie in erster Linie die einheimische Wertschöpfung und die einheimische Energieproduktion zurück.

Weber: Nach Ihrer Logik sollten wir auch alle Autos in der Schweiz bauen. Aber das machen wir nicht, weil wir nicht konkurrenzfähig wären. Deshalb importieren wir diese Autos und exportieren stattdessen Hightech. 

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Pfister: Sie wollen den Strom also importieren?

Weber: Das machen wir im Winter ja heute schon und es sollte nicht mehr werden. Nein, ich bin dagegen, dass wir unsere Gelder in teuren und unzuverlässigen Strom stecken und erst noch Strom importieren. Wir sollten warten und schauen, welche Optionen die Zukunft bietet. Entscheiden sollen die Stromunternehmen, nicht der Staat.

Die Diskussionsteilnehmer

Dr. Lukas Weber ist Elektroingenieur ETH und Geschäftsführer des Netzwerks «Alliance Energie». Er hat zusammen mit der SVP, der jungen SVP, den Jungfreisinnigen, Wirtschaftsverbänden und weiteren Organisationen das Referendum gegen das Energiegesetz ergriffen. Er ist ausserdem Inhaber der Beratungsfirma «Agentur E» und Vorstandsmitglied der «Arbeitsgruppe Christen + Energie» (ACE).

Marco Pfister arbeitet bei der Umweltorganisation Greenpeace Schweiz und ist dort für Politik verantwortlich. Er hat in der Schweiz und den USA Politikwissenschaften studiert und war von 2014 bis 2016 für die Grünliberalen im Stadtrat von Bern. Er ist ausserdem Vorstandsmitglied bei der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz (SAFE).