«Bei uns hat niemand Zeit, sonst wären wir bei der Juso», ruft jemand aus der hintersten Reihe. Zu lautes Lachen. Die Zürcher Jungfreisinnigen haben zur Mitgliederversammlung geladen. Es ist Ende September, kurz vor der AHV-Abstimmung.

Gekommen sind rund 30 junge Männer. Ein paar wenige Frauen auch. Gespottet wird über Linke und Grüne. Sie würden nicht arbeiten, sondern dem Staat auf der Tasche liegen. Trotz mehr Bier werden die Witze nicht besser.

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Natürlich, der Jungfreisinn ist auch kein Spassverein, sondern «der Herzschrittmacher der FDP», schrieb die «NZZ» kürzlich. Die Jungpolitiker seien der «Stachel im Gesäss» ihrer Mutterpartei. Auf diese Huldigung ist man sichtlich stolz hier.

Die Schlagzeilen haben viel mit dem Star des Abends zu tun: Matthias Müller. Der 30-Jährige, der immer Schwarz trägt, präsidiert den Jungfreisinn seit 2019. Er steht vor einer ähnlich kometenhaften Karriere wie sein Vorgänger Andri Silberschmidt. Aus dem Stand wurde dieser in den Gemeinde- und dann in den Nationalrat gewählt.

Nun versucht auch Müller den Sprung nach Bern. An weiteren Vorbildern mangelt es nicht. Auch Christian Wasserfallen, Christa Markwalder oder der Aargauer Ständerat und aktuelle FDP-Präsident Thierry Burkart haben sich die Sporen bei der Jungpartei abverdient.

 

Unpolitisches Elternhaus

Matthias Müller hält sich mit Witzen über Linksgrün zurück – zumindest an diesem Abend. Vielleicht weil ein Journalist im Raum ist. Vielleicht auch weil er so wenig dem stereotypen Bild des freisinnigen Schnösels entspricht, wie das alternative Winterthurer Kulturzentrum «Alte Kaserne» zum Parteianlass passt.

Müller wurde nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Aufgewachsen ist er in Merenschwand im Aargau. In einem mittelständischen und unpolitischen Elternhaus. Man habe zwar die «Tagesschau» geschaut, aber weder der Vater noch die Mutter waren in einer Partei, so der Politiker. Der Vater sei kein Studierter, er arbeite bei einer Versicherung. Ein «Bünzli-Haushalt», wie Müller selber sagt.

Wäre da nicht seine iranische Mutter, die mit ihm französisch spricht. Sie ging in Teheran zur Schule, bevor sie vor dem Mullah-Regime nach Paris flüchtete und Literatur studierte. Dort lernte sie Müllers Vater kennen, der einen Sprachaufenthalt machte.

 

Bodenständig statt verkopft

Doch Müller interessiert sich kaum für seine iranischen Wurzeln. Das wird im Gespräch deutlich. Er spricht nur wenig Persisch. «Ich verstehe mich in erster Linie als Schweizer. Selbst in iranischen Restaurants glaubt man, ich sei Brasilianer.»

Müller passt besser an einen Stammtisch. Er spricht so, wie es in der bürgerlichen Schweiz gut ankommt – bodenständig statt verkopft. Und er erinnert an den ehemaligen SVP-Nationalrat und Zugbauer Peter Spuhler. Ein hemdärmliger Machertyp. Ob er sich durch den Vergleich geehrt fühle? «Seine Millionen würde ich schon nehmen», sagt Müller und schiebt nach: «Im Ernst: Spuhler ist einer der besten Unternehmer der Schweiz.»

Müller beim Gewichtheben

«House of Pain» nennt Müller das Fitnessstudio, in dem er dreimal pro Woche trainiert.

Quelle: Nik Hunger

Bei Matt, wie ihn seine Freunde nennen, spannt sich das Hemd genau an den richtigen Stellen, wie bei vielen Freisinnigen. Er stählt sich dafür dreimal in der Woche im «House of Pain». So nennt er sein Fitnessstudio. «Damit es nicht weiter in den Süden geht», sagt Müller – und tätschelt seinen Bauch. Das ist stark untertrieben: Müller stemmt Hanteln, die der Journalist nicht einmal mit beiden Händen vom Boden heben kann.

Studium an der HSG

Beeindruckend ist auch sein Lebenslauf: Jus-Studium an der Kaderschmiede HSG, Doktorat an der Uni Zürich, Praktikum in der renommierten Wirtschaftskanzlei Homburger im Zürcher Prime Tower und bis vor kurzem Auditor am Kantonsgericht in Zug. Aktuell büffelt er für die Anwaltsprüfung. Voranschreiten durch eigene Leistung – das ist sein Motto.

Und so schreibt er es auch selbst auf seiner Website. Da bleibt wenig Zeit für anderes. «Meine Freundin ist praktisch mein einziges Hobby», sagt Müller. Momentan müsse sie aber zurückstecken. «Sie wusste von meinen Plänen. Wir haben das besprochen, und sie hat sich darauf eingelassen.»

Sogar den Bundesrat überrascht. Müller weiss, was er will. Das bewies er dieses Jahr in mehreren «Arena»-Sendungen. Er ist rhetorisch talentiert, selbstbewusst und präzise vorbereitet. Damit überraschte er selbst Alain Berset, der wohl weniger Gegenwind erwartet hatte. Gewerbeverbandschef Hans-Ulrich Bigler, der Müller zur Seite stand, sagte der «Aargauer Zeitung»: «Müller war so stark, dass ich mich in der Debatte zurückgenommen habe.» Die «Weltwoche» titelte: «Berset-Schreck aus Oerlikon».

 

«Ich war ein schwieriges Kind.»

Matthias Müller, Präsident der Jungfreisinnigen

Der 30-Jährige war nicht immer so strebsam. «Ich war ein schwieriges Kind», sagt er. Als Jugendlicher zockte er zehn Stunden am Stück «Age of Empires», ein Strategiespiel. Unter der Gamesucht litten seine Noten. Es reichte darum zuerst nicht für die Kanti, sondern nur für die Wirtschaftsmittelschule. Dort waren Praktika Pflicht. Müller musste sich zum ersten Mal in seinem Leben bewerben. Wegen der schlechten Noten erhielt er nur Absagen.

«Ich habe damals realisiert, dass mich meine schwachen Leistungen in meiner Freiheit einschränken», sagt Müller. «Das war, wie wenn ein Lämpchen in meinem Kopf angeknipst worden wäre.» Er hörte auf zu gamen, lernte und machte später die Matura.

Kritik an ihm ist kaum zu hören – selbst bei seinen politischen Gegnern Debatte ums Rentenalter «Ich bin es leid, gegen die ältere Generation ausgespielt zu werden» . Müller wird für seine sachliche und faire Art gelobt. Einzig einige Juso-Politikerinnen sagen, Müller profitiere stark von der Arbeit seines Vorgängers und habe das Niveau der Jungfreisinnigen höchstens halten können.

Weggefährte Silberschmidt

Der Erfolg einer Jungpartei wird gern an der Höhe der Subventionen gemessen, die der Bund verteilt. Die Jungfreisinnigen erhielten letztmals 2019 mehr Geld als die Juso, die als stärkste Jungpartei gilt. Das war noch unter Silberschmidts Ägide. Unter Müller stiegen die Einnahmen aus dem Subventionstopf zwar deutlich, auf rund 150'000 Franken pro Jahr. Die Jungfreisinnigen liegen seither aber jeweils knapp hinter der Juso.

 

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Müller und Andri Silberschmidt sind aber tatsächlich eng verbandelt. Die Freunde sind auch Geschäftspartner. Müller sitzt etwa im Verwaltungsrat der Restaurantkette Kaisin AG, die Silberschmidt gegründet hat. Auch die Idee für die Renteninitiative entwickelte er gemeinsam mit dem Vorgänger. Müller ist anzurechnen, dass er die Knochenarbeit geleistet hat. Er brachte die nötigen 100'000 Unterschriften zusammen. Allerdings nur mit bezahlten Unterschriftensammlern, behaupten Kritiker, die nicht genannt werden möchten.

Der Jungfreisinnige gibt unumwunden zu, Sammler «für ein paar wenige Tausend Unterschriften» bezahlt zu haben. Das ist legal, aber verpönt. Angesichts der beinahe 140'000 Unterschriften sei das nicht der Rede wert – eine «Nebelpetarde». Die Roten und die Grünen würden das genauso machen.

«Achte auf die Armen»

Und was ist nun mit seiner Initiative für ein höheres Rentenalter? Trotz dem Ja an der Urne zum Frauenrentenalter 65 zeigt sich Müller pragmatisch. Ein Büezer dürfe nicht gleich behandelt werden wie ein Bürogummi, sagt er. «Die Gesellschaft darf aber erwarten, dass jemand wie ich, der lange studiert hat, bis 70 arbeitet.» Es soll grundsätzlich von der Ausbildung abhängig sein, wie lange jemand arbeiten muss.

Er relativiert damit seine eigene Initiative. Das überrascht. Dass er an die Schwächeren in der Gesellschaft denkt, sei ihm von seinem Grossvater eingetrichtert worden, einem Linken, sagt Müller. «Er hat mir immer gesagt: ‹Achte auf die Armen und teile.›»

Müller antwortet denn auch auf die Frage, was er als Erstes machen würde, wenn er in den Nationalrat gewählt werden würde: «Ich ginge das Problem der Obdachlosigkeit an. Das ist inakzeptabel. Und man soll mir nicht damit kommen, dass diese Menschen das freiwillig machen.»

Renteninitiative

Mit der Renteninitiative der Jungfreisinnigen soll das Rentenalter zuerst auf 66 Jahre und dann schrittweise weiter erhöht werden. Zudem soll das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt und damit entpolitisiert werden. Der Bundesrat ist gegen die Initiative. Das Parlament hat noch nicht darüber befunden.

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