Was hat ein Coaching für die Stellensuche mit Esoterik zu tun? Nichts, dachte Carola Frey* – bis sie an einem Bewerbungscoaching teilnahm, das die zustän­dige Regionale Arbeitsvermittlung Luzern verfügt hatte. Die 46-Jährige leidet an einer psychischen Erkrankung. Sie nimmt Medikamente und ist nur zu 50 Prozent vermittelbar. «Zu meinem Erstaunen riet mir die Kursleiterin, die Medikamente abzusetzen. Es gebe da Besseres», erzählt sie. Danach erhielt sie eine E-Mail mit ­Angaben zu diesem «Besseren»: dem Nahrungsergänzungspulver Aminas.

Vertrieben wird Aminas samt zu­gehöriger «Theorie» von Rolf Ehlers, einem selbsternannten Ernährungsspezialisten. Das Pulver soll einen besonders hohen Anteil einer Vorstufe des Stimmungshormons ­Serotonin enthalten und ­so dessen körpereigene Produktion ankurbeln. Allerdings ist es mangels medizinischer Nachweise gesetzlich verboten, gesundheitliche Wirkungen des Produkts anzupreisen.

Antisemit und Aidsleugner

Die Kursleiterin empfahl der verdutzten Frau ausserdem eine esoterische Praxis in Winterthur und eine Schrift über Serotonin von Ruediger Dahlke. Der Mediziner und Psychotherapeut tummelt sich in so ziemlich allen esoterischen Untiefen und propagiert sogar Lichtnahrung. Er bezeichnet rund drei Viertel seiner Theorien als fast deckungsgleich mit denjenigen der «Germanischen Neuen Medizin» des deutschen Internisten Ryke Geerd ­Hamer, der wegen seiner kruden ­Theorien und illegalen Kliniken die Zulassung verlor. Aidsleugner und ­Antisemit Hamer wiederum war für schuldig befunden worden, wegen Falsch­behandlung den Tod Dutzender Krebs­patienten verursacht zu haben.

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«So etwas hat nichts in einem Bewerbungscoaching zu suchen», sagt Carola Frey. «Zudem ist es grob fahrlässig, wenn Nichtmediziner medizinische Ratschläge erteilen, und das auch noch im Rahmen einer behörd­lichen Massnahme.» Schliesslich befänden sich RAV-Klienten bis zu einem gewissen Grad in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Betreuer.

Frey geriet ein zweites Mal an eine esoterisch missionierende Beraterin: Jeannette Tanner, die als Selbständige im Auftrag des RAV Luzern ein Einzelcoaching mit ihr durchführen sollte. «Sie schaute sich meine Bewerbungsunterlagen zehn Minuten lang an und machte dann eine sogenannte systemische Aufstellung mit mir», sagt Frey. «Zudem riet sie mir, auf Homöopathie zu wechseln, lieh mir ein religiös-­spirituelles Buch und gab mir weitere esoterische Literaturtipps.»

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Ein Blick auf Jeannette Tanners Website zeigt, dass sie unter anderem Kurse in «neuer Homöopathie nach Erich Körbler» anbietet, bei der geometrische Zeichen wie Sinuskurven auf den Körper gemalt werden, was die Selbstheilung ankurbeln soll. Körbler, einst Elektriker bei der österreichischen Post, vertrieb zudem ein «Transformer-Betttuch», das Strahlungen abhalten soll, und IT-­Stecker, die vor Elektrosmog schützen sollen.

Eine Coachin wird verwarnt

«Die beiden sind keine RAV-Mitarbeiterinnen. Sie wurden als externe Fach­kräfte für diese Kurse verpflichtet», sagt Kurt Simon, stellvertretender ­Leiter der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit des Kantons Luzern. «Natürlich haben aber weder esoterische Medizin, Homöopathie noch systemische Aufstellungen ­etwas in unseren Kursen verloren.» Doch es entspreche nicht der Kultur seiner Dienststelle, einer «Partnerin» gleich beim ersten Fehler die Zusammenarbeit aufzukündigen. «Die Einzelcoachin wurde aber verwarnt.» Die andere Kursleiterin sei nicht mehr für das RAV tätig, weshalb sich eine Verwarnung oder sonstige Massnahmen erübrigten.

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Für Carola Frey ging die Sache trotz den fragwürdigen Ratschlägen gut aus. Sie hat einen Job gefunden.

* Name geändert

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Quelle: Beobachter Edition
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