Originaltüten», «Thermoskannen», «Töpfe» – darüber fachsimpeln nicht Konditoreilehrlinge, sondern Motorradfans. Sie meinen die Auspuff­anlagen ihrer Maschinen.

Fans wie Crow88. Er freut sich. Letzte Woche habe er sich eine «Night Rod» bestellt, schreibt er im Swiss Harley Forum im Internet. «Power pur» und «aggressives Dark Dragster Design» zeichnen dieses Motorrad­modell aus (Eigenwerbung Harley-Davidson-Webseite). Doch Crow88 will mehr: eine «richtige» Auspuffanlage, «möglichst Krach» soll sie machen, der «Sound» muss «satt» sein, wie Fans es nennen.

Fündig werden die Töff-Fans bei Anbietern im Internet und in Ladengeschäften. Etwa bei der Hess Motorrad AG. Der Händler aus Ostermundigen bietet einen besonderen «Topf» feil: eine «Auspuffanlage, die brüllt». Der Auspuff sei legal und vom Stras­senverkehrsamt genehmigt. «Der Ausdruck ‹brüllen› ist vielleicht ein wenig ­unglücklich gewählt. Aber Werbeslogans sind immer pointiert formuliert», sagt Co-Geschäftsführer Wolfgang Hess.

Hergestellt wird das Teil von der deutschen Kess-Tech. Die Firma verkauft Auspuffanlagen, die mehr Krach machen als nötig. «Elektronisches Soundmanagement» lautet das Zauberwort. Eine elektronisch gesteuerte Auspuffklappe kann regeln, wie laut der Motor tönt.

Im 3. Gang bei 50 Kilometern pro Stunde ist die Klappe zu. Bei diesem Tempo wird der Lärm gemäss EU-Vorschriften ­gemessen.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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So funktioniert eine Auspuffklappe

Bei höherem oder tieferem Tempo öffnet sich die Klappe, der Töff macht mehr «Sound».

Quelle: Thinkstock Kollektion

«Optimiert die Motorenleistung»

Das System ist in der Schweiz verboten. Doch Töffhändler Hess hat dennoch recht, wenn er die Brüllklappe als legal anpreist. «Wenn Fahrzeuge über eine EU-Typen­genehmigung verfügen, muss die Schweiz bei Motorrädern wegen des autonomen Nachvollzugs des EU-Rechts diese Genehmigung akzeptieren. Leider wurden in der EU in jüngster Zeit auch Systeme mit Auspuffklappen typen­geneh­migt», sagt ­Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Stras­sen.

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Dumm für Anwohner vielbefahrener Strassen: Die Lärmvorschriften der EU enthalten eine Gesetzeslücke. Wie viel Lärm ein Fahrzeug machen darf, wird mit einer Beschleunigungsmessung ermittelt. Zum Beginn der Messung muss das Tempo 50 Kilometer pro Stunde betragen. Von Tempo 50 bis 70 bleibt die Auspuffklappe zu, die Lärmgrenzwerte werden eingehalten. Bei anderen Geschwin­dig­keiten gibts dann die volle Dröhnung.

Längst haben auch die Fahrzeughersteller die Lücke im EU-Recht entdeckt. Töffbauer wie BMW oder Harley-Davidson liefern die Klappe bereits ab Werk. «Die Auspuffklappe optimiert die Motorenleistung und sorgt gleichzeitig für das Einhalten der Lärmschutzbestimmungen», sagt Ludwig Sievi, Leiter Technik Harley-Davidson. Auch Sportwagenhersteller wie Ferrari verbauen die Klappensteuerung. Bei Porsche ist sie als Sonderausstattung erhältlich, «um die Leistungsentfaltung des Motors zu verbessern und weil manche Kunden einen sportlichen Klang bevorzugen», sagt Hermann-Josef Stappen, Leiter Technikpresse bei Porsche.

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Krach für 1,3 Millionen Schweizer

Den Nachteil haben Leute, bei denen sich die Begeisterung über den «Sound» aus den «Töpfen» in Grenzen hält. Laut Bundesamt für Umwelt ist der Strassenverkehr mit Abstand die grösste Lärmquelle. 1,3 Millionen Menschen sind tagsüber übermässigem Lärm ausgesetzt. Eine Studie des Bundes beziffert die Lärmkosten des Strassen- und Schienenverkehrs auf jährlich 1,2 Milliarden Franken.

Die Vereinigung der Schweizer Motorrad- und Rollerimporteure relativiert. «Wer Motorradfahrer im täg­lichen Strassenverkehr beobachtet, stellt fest, dass der weitaus grösste Teil mit Motorrädern unterwegs ist, die sehr leise sind und keinen störenden Lärm verursachen», sagt Sprecher Roland Fuchs. Zwar gebe es schwarze Schafe, doch das seien wenige.

Anbieter von Auspuffklappen kümmert das Problem Lärm weniger. ­«Unser Soundmanagement-System wird von begeisterten Motorradfahrern gekauft und hat eine europaweite Betriebserlaubnis, die bescheinigt, dass alle Geräuschwerte immer eingehalten werden», beantwortet Kess-Tech-Geschäftsführer Christian Schütte den ausführlichen Fragekatalog und verbleibt mit freundlichen Grüssen.

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Doch Brüssel hat schlechte Nachrichten für Anbieter wie Kess-Tech. «Die Lücke in den internationalen Vorschriften ist erkannt worden», sagt Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen. ­Eine Arbeitsgruppe prüfe neue Methoden zur Messung des Lärms. Vorgesehen sei ein Verbot von Umgehungseinrichtungen wie der Aus­­puff­klappe, die nur der Erfüllung des Lärmprüf­zyklus dienten.

Fans des gepflegten Gedröhns muss das noch lange nicht kümmern: Die EU braucht Zeit. Die neue Vorschrift wird frühestens 2016 in Kraft treten – und bereits gekaufte Krachmacher sind davon nicht betroffen.