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AlpenDie neuen Wilden

Yaks auf der Alp Stabbio: Sind wir etwa in Nepal?

Sie trauen dem Ungezähmten und wollen die Natur einfach in Ruhe lassen.

von aktualisiert am 2017 M08 29

Wildnis hiess 1742 Wildnus, ihr Mittelpunkt lag in den Bündner Bergen. In Avers, dem Ort, «deme an Wildigkeit kaum eine andere zu vergleichen» sei. Den Aversern soll es ganz ordentlich gegangen sein, schrieb Chronist Nicolin Sererhard. Ausser den drei, vier Wochen Heuen hätten sie «das ganze Jahr hindurch gleichsam Ferias, indeme sie ausser der Wartung ihres Viechs so zu sagen nichts zu thun haben».

Elf Monate Ferien würden sich viele Bergler wohl noch heute wünschen. Aber Wildnis? Damit wollen sie lieber nichts zu tun haben. Weil Wildnis Bären, Wölfe, vergandete Weiden sind. Wer das gut und schön findet, muss Städter sein. Doch ist das mit der Wildnis so einfach, wie die Bergler meinen? Herrscht oben wirklich brutaler Realismus, im Unterland naiver Glaube?

Katerstimmung, neun Monate danach

Anfang August in Acquacalda, vier Kilometer unter der Lukmanierpasshöhe. Neun Monate zuvor haben 17 Tessiner und Bündner Dörfer das Projekt für den Nationalpark Adula versenkt. Unter den Verlierern, die sich nun im Centro Pro Natura Lucomagno versammeln, herrscht Katerstimmung – fast wie am Tag nach der Abstimmung. 

Marino Truaisch, der im letzten Herbst abgewählte Bürgermeister von Blenio, erinnert fast verzweifelt daran, dass die Parkbewegung getragen wurde «von demjenigen Teil der Bevölkerung, der sich wirklich für die Entwicklung der Talschaft engagiert». Die Gegner, «anarchisti», seien von ausserhalb gekommen, hätten behauptet und geleugnet. Lega-Leute halt, die sich die Angst vor Veränderung zunutze gemacht hätten.

«Wildnis ist ein kultureller Akt, ein Konzept der Kultur.»


Sebastian Moos, Projektleiter Mountain Wilderness

Mit von der Partie ist Biogeograf Sebastian Moos. Ein junger, kräftiger Mann aus dem Luzerner Seetal, die blonden Haare zum Dutt hochgebunden. Moos ist Projektleiter bei Mountain Wilderness, jener Organisation, die Heliskiing bekämpft und sich als Greenpeace der Berge einen Namen gemacht hat. Er kämpft für mehr Wildnisflächen. Kein einfaches Anliegen in einem Land, in dem bis in die höchsten Höhen jeder Quadratmeter verplant ist und Grashalme wie gegelte Haare im Wind zu stehen pflegen. 

Moos redet nur kurz. Die Adula-Abstimmung habe gezeigt, dass wir als Gesellschaft nicht bereit seien für die Idee der Wildnis. Noch nicht. Dann folgt der Satz, der nicht nur die Bleniesi etwas ratlos zurücklässt: «Wildnis ist ein kultureller Akt, ein Konzept der Kultur.»

Der dröhnende Sound der Berge

Sein Satz hallt noch tags darauf beim Aufstieg vom Lukmanier zur Cadlimohütte nach. Der schmale Pfad führt vom Stausee durch Büsche und über Felsen ins Val Termine hoch. Unten schleift der Rein da Medel die Gotthardgranitplatten blank. Das Flüsschen ist eine geografische Besonderheit. Es führt das einzige Wasser, das auf der Alpensüdseite entspringt und in der Nordsee landet. Hier kommt der Rhein her und nicht vom Tomasee – behaupten zumindest Tessiner.

Dominik Siegrist hat für den Streit um die richtige Rheinquelle ein feines Lächeln übrig. Den Professor für naturnahen Tourismus und Pärke an der Rapperswiler Hochschule für Technik plagen andere Sorgen. Er regt sich noch immer darüber auf, was er am Vortag zwischen Olivone und dem Lukmanier erlebt hat. Den Sound der Berge: Motorräder, laut, stark, alles zudröhnend. Am liebsten würde er einen neuen VgT gründen, den Verein gegen Töfflärm. Siegrist lacht herzhaft über die kleine Boshaftigkeit und enerviert sich dann umso mehr über das neue Langlaufzentrum Campra, das er sich angeschaut hatte. Ein Zweckbau mit Restaurant, Umkleideraum und künstlich beschneibarer Loipe, mitten ins Hochmoor gepflanzt, das teilweise ins nationale Inventar der Biotope aufgenommen ist. Eine Frechheit.

Politische Wanderer auf Spurensuche

Siegrist war zehn Jahre Präsident der internationalen Alpenschutzorganisation Cipra, der «Spiegel» hat ihn kürzlich zum Mister Alpiversum gekürt. Diesen Sommer ist er als politischer Wanderer unterwegs, zusammen mit seinem Kollegen Harry Spiess, der nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Winterthur lehrt. 

Mitte Juni sind sie in Wien gestartet, Ende September wollen sie in Nizza ankommen. Ihr Projekt heisst Whatsalp; das Wort spielt auf den Messenger-Dienst und das englische «What’s up?» an, «Was ist los?». Siegrist und Spiess wollen mit Wandern und in täglichen Diskussionsrunden mit lokalen Umweltgruppen, Gemeindevertretern und Wissenschaftlern herausfinden, wie es um die Alpen steht. 

Die gleiche Route haben sie schon vor 25 Jahren unter die Füsse genommen. Damals hiess das Projekt TransALPedes. Es gab der neuen Alpendiskussion wichtige Impulse, zum Beispiel der 1994 von Volk und Ständen angenommenen Alpeninitiative. Diesmal wandern Siegrist und Spiess ohne eigene Botschaft, sie wollen vor allem zuhören. Ihr Reiseblog Whatsalp.org liest sich wie eine Bestandesaufnahme: wer was wo im Alpenbogen macht und wie sich was verändert hat.

Es gibt auch positive Entwicklungen

«Die Betonierung der Alpen ist weiter fortgeschritten. Der Verkehr hat sich über die letzten 20 Jahre verdoppelt. Viele Täler gleichen langgezogenen Alpenstädten», sagt Siegrist. Es gebe aber auch positive Entwicklungen. Das Thema gutes Essen etwa, das unheimlich wichtig geworden sei. Hochwertige Bioprodukte versprechen lokale Identität und ein Einkommen jenseits von Subventionen. Selbst radikale Entwürfe hätten in der Landwirtschaft heute eine Chance – wie jener österreichische Hof, der voll auf Geissen setzt und Geissenkäse, Geissenmilch, Geissenfleisch, Geissenwolle verkauft. Geiss «from head to toe» sozusagen, von Huf bis Horn. 

Aber die jungen Leute, die zum Studieren in die Städte ziehen, kehren nicht mehr zurück. Dass sich die Alpen entvölkerten, davon könne in Österreich und der Schweiz trotzdem nicht die Rede sein. Im Gegensatz zum Piemont und zu den französischen Seealpen gebe es hier kaum verlassene Täler und Dörfer. Wildnis habe kaum mehr Platz. Man stosse auf sie höchstens in hohen Lagen und schwer zugänglichen Waldgebieten. Der lokale Widerstand gegen Wildnisgebiete sei aber enorm. «Projekte wie der Parc Adula haben in Volksabstimmungen viel Gegenwind.» Umgekehrt zeigen Erfahrungen aus dem Ausland, dass die Zustimmung zu neuen Nationalpärken steigt, sobald die lokale Bevölkerung die praktischen Vorteile erkennt. Eine paradoxe Situation.

«Die Berge gehören uns allen, nicht nur den Ortsansässigen.»


Dominik Siegrist, Professor für naturnahen Tourismus und Pärke

Es sei wohl eine Schwäche der Schweizer Pärkepolitik, in solchen Fragen nur die direkt betroffene Bevölkerung entscheiden zu lassen. Warum? «Weil die Berge nicht nur den Ortsansässigen gehören, sondern uns allen», sagt Siegrist. «Vielleicht sollte man bei Projekten von nationaler Bedeutung besser das ganze Land fragen.» Ein provokanter Gedanke gegen zu viel direkte Demokratie.

Auf dem Weg dem Medelser Rhein entlang verwischen sich – zumindest für ein Städterauge – die letzten Spuren der Zivilisation. Man freut sich an der wilden Natur. In der Schweiz sind noch 800'000 Hektaren Natur sich selbst überlassen. Sie liegen zur Hauptsache auf der Alpensüdseite und in den Zentralalpen. 18 Prozent der Waldfläche wurden in den letzten 50 Jahren nicht mehr angetastet, 23 Prozent des Waldes sind älter als 120 Jahre. Orte, an denen der Mensch nie Spuren hinterlassen hat, existieren in der Schweiz nicht. Was nicht verwundert. In ganz Europa gibt es nur einen kleinen Fleck, der nie angetastet wurde: ein 200 mal 200 Meter grosses Stück Wald in den Karpaten.

Nach dem Mittagshalt führt der Weg auf der Alp Stabbio Nuovo an einem Hirtenhaus vorbei, das sich in den Hang duckt. Nepal-Fähnchen flattern im Wind, ein paar Plastik-Gebetsmühlen drehen auf dem Fensterbrett. Ein wohliger Ort. Dann, ein paar Schritte weiter, vernimmt man seltsames Gebimmel. Glocken, vom Wind verzerrt. Wie in Trance schiebt sich eine Yak-Herde über den Wiesengrund, ein paar Tiere saufen im See. Eine stille Prozession. Die Welt hält den Atem an, der Gotthard liegt in Nepal.

Wildnisgedanke versus Bergmythos

Die Alpen haben in der Schweiz schon immer eine herausragende Rolle eingenommen. Jahrhundertelang waren sie bedrohlich und schrecklich, der einsetzende Tourismus im 18. Jahrhundert hat sie schrecklich-schön verklärt. Der Wildnisgedanke widerspricht diesem Bergmythos, der die Bauernkultur feiert, die seit dem Hochmittelalter die Landschaft zwischen Berggipfel und Baumwipfel beherrscht. 

Wildnis ist in dieser Denkart ein invasiver Neophyt. Ein Fremdling, aus Amerika importiert, geprägt vom Schotten John Muir, dem Vater der amerikanischen Nationalpark-Bewegung. Die Berge waren ihm heilig, «voll von der Schönheit Gottes». Sie waren der Ort, der von der Zivilisation verschont geblieben ist. Man konnte tagelang wandern, ohne einer Menschenseele zu begegnen.

In die Schweiz kam das Wildniskonzept erst mit der modernen Umweltbewegung. Der nationale Ableger von Mountain Wilderness wurde 1994 gegründet. Das Datum markiert den Beginn einer Debatte, die Naturschützer bis heute nur unter Vorbehalten führen. Weil Wildnis mehr ist als das Bekenntnis zu unberührter Natur: Sie ist die Abkehr vom Nutzendenken, die Zurückweisung des abendländischen Imperativs, sich die Welt untertan zu machen. Man überlässt die Natur der Natur, gibt jede Kontrolle ab. 

Für manche Bergler ist das absurd, eine Idee, die nur auf dem Mist von Naturschützern aus der Stadt wachsen kann. «Dabei übersehen sie, dass die Alpen eigentlich tiefgreifend vom Menschen veränderte Kulturlandschaften sind und dass die schützenswerte Pflanzenvielfalt und die vielfältigen Landschaften eng mit den bäuerlichen Nutzungen verflochten sind», kritisiert etwa Werner Bätzing in seiner Streitschrift «Zwischen Wildnis und Freizeitpark».

Der grosse Alpenforscher ist ein Gegner der Wildnisbewegung. Ihm geht es um den Schutz der Alpenkultur. «Stellt man eine solche Landschaft unter Naturschutz, dann verschwinden die schützenswerten Pflanzen schnell in den aufkommenden Büschen, und die Kleinräumigkeit der Landschaft geht durch Verbuschung und Verwaldung stark zurück – der Naturschutz läuft ins Leere, weil das schutzwürdige Objekt gar nicht die Natur, sondern eine menschlich veränderte Natur ist.» 

Zweckbauten und Wolkenzungen

Auf 2570 Metern ist Schluss. Die Cadlimohütte, 1916 gebaut, 2002 erweitert. Zwei Zweckbauten, grauer Stein, orange Läden, die Fahnenstange mit dem Schweizerkreuz. Hinter der Hütte der Alpenhauptkamm, über den die Wolken wie Zungen ins Tessin stossen, aber sich auflösen, bevor sie es in die Leventina und ins benachbarte Val Piora schaffen. Der Blick schweift weit, kein Haus in Sicht. Im Südosten leuchtet im roten Abendlicht das Rheinwaldhorn mit seinem Gletscher, der halbnackt daliegt. Die Sommersonne hat ihm den schützenden Schnee geschmolzen. Der Berg hätte den Mittelpunkt des Parc Adula bilden sollen.

Eine kleine Gruppe setzt sich auf der Terrasse zusammen. Es ist empfindlich kühl. «Wir haben noch Wildnisräume», setzt Biogeograf Moos an, «doch die letzten unberührten Gebiete verschwinden. In den letzten 20 Jahren sind weltweit 10 Prozent der Wildnisflächen verlorengegangen.» 

Moos hat eine Karte mitgebracht, das Ergebnis mühseliger Kleinstarbeit. Mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft hat er die Schweiz in 100 mal 100 Meter grosse Quadrate geteilt und jedes nach vier naturwissenschaftlichen Wildniskriterien bewertet. Das Ergebnis sieht aus wie eine Reliefkarte. Je gebirgiger und abgelegener, desto wilder die Schweiz. 

Die Naturschutzverbände müssten umdenken. Dass nur der Mensch, der die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht habe, sie wieder ins Gleichgewicht bringen könne, sei ein eigenartiger Gedanke. «Man traut der Natur nicht. Wir müssen sie aber nicht bändigen, sondern sie zulassen», so Moos. Der Naturschutz konzentriere sich darauf, zu hegen und zu pflegen. Er wolle die Natur so bewahren, wie wir sie gern haben möchten. «Nichts tun ist manchmal die bessere Option. Und Wildnis zulassen ein zutiefst kultureller Akt.»

Da ist sie wieder, diese unerhörte Behauptung: Die völlige Absenz von Kultur sei auch Kultur. Nicht alles zu machen, was machbar ist, ein Akt höchster Kultur. Und: «Wildnis zeigt uns unsere Begrenztheit auf. Sie lehrt uns Demut.» 

Wildnis lasse sich auch nicht an Afrika oder die Alpen delegieren. «Sie beginnt im eigenen Garten und findet ihre Fortsetzung im Gebirge und in den Urwäldern.» Dann fordert Sebastian Moos seine Zuhörer auf, die Augen zu schliessen, und fragt, was denn die Faszination der Berge ausmache. Statt Antworten abzuwarten, sagt er bloss: «Ihr müsst euch nur vor Augen führen, was ihr heute beim Wandern gesehen habt. Dann wisst ihr es.»

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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