Der rote Faden in Lior Etters Leben heisst Basil. Basil zeigte seinem kleinen Bruder immer wieder neue Wege. Wenn Lior Etter davon erzählt, lacht er viel. Er spricht von seiner Zeit als Fussballer, den Reisen nach Argentinien und Indien, Fotos, die er dort machte und dann an Ausstellungen zeigte, und von der engen Beziehung zu seinen Brüdern. Besonders zu Basil. Dann ist das Lachen plötzlich weg. Etter spricht langsam, leiser als sonst.

Basil starb vor zwei Jahren an Krebs. Er war 22, Lior 21. Lior hatte seine Profifussballkarriere beendet und war dabei, sich ein neues Leben zurechtzulegen.

Er war gerade in Buenos Aires, als er von einer heiklen Operation erfuhr, die Basil wegen seines Lebertumors bevorstand. «Ich stieg sofort ins nächste Flugzeug», erinnert er sich. Und war bis zu Basils Tod ein halbes Jahr später praktisch ununterbrochen am Bett des Bruders. Mal zusammen mit den Eltern, mal mit Basils Freundin, mal mit dem ältesten Bruder Morris. Oft allein. Als Basil zu schwach war, beriet ihn Etter bei medizinischen Entscheidungen. «Ich und Basil, das war etwas ganz Besonderes», sagt Etter. «Er prägt meine Denkweise und alle meine Handlungen.»

Nach dem Tod seines Bruders war er nicht bereit, in den alten Trott zurückzukehren: Lior Etter

Quelle: Herbert Zimmermann
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Leitungswasser in der Beiz tut Gutes

Basils Tod machte die Aufgaben, die Lior und Morris Etter zu jener Zeit vor sich hatten, unwichtig. «Ein solches Ereignis», sagt Lior, «setzt alle Dinge in deinem Leben in ein ganz anderes Verhältnis.»

Er war nach Basils Tod genauso wenig wie Morris bereit, einfach so in feste Strukturen zurückzukehren. Die beiden brachen zusammen auf zu einer mehrmonatigen Reise. Sie reisten von Südeuropa über Thailand bis nach Indien – und sahen die Probleme, die Menschen dort hatten.

Das rief ihnen eine Idee in Erinnerung, die sie bereits vor längerer Zeit gehabt hatten: «Wasser für Wasser». Wieder zu Hause, gründeten sie einen Verein, suchten Experten zur Unterstützung und legten Vor­gehen und Ziele fest. So fanden sie eine Tätigkeit, die ihr Leben langsam wieder in geregelte Bahnen lenkte. Mittlerweile machen über 50 Schweizer Restaurants bei «Wasser für Wasser» mit. Sie verpflichten sich, mindestens zwei Franken zu verrechnen, wenn ein Gast einen halben Liter Leitungswasser bestellt, drei Franken für einen Liter. Das spenden sie vollumfänglich an «Wasser für Wasser». Der Verein unterstützt Wasserprojekte in Afrika.

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Die Etter-Brüder sind nicht die ersten mit dieser Idee. Aber sie meinen es ernst, investieren viel Zeit. «Ohne Basil, der uns die Vergänglichkeit des Lebens bewusst machte, hätten wir die Idee nicht umgesetzt», sagt Lior Etter. Vielleicht hätte er in einer schönen Stadt ein Studium begonnen. «Aber eigentlich ist das nicht so wichtig. Es gibt für mich nur dieses Leben.»

Mittlerweile haben die Etter-Brüder für ihr Engagement mehrere Preise gewonnen, so den Young-Caritas-Award oder den Förderpreis des Internationalen Menschenrechtsforums. In Lusaka, der Hauptstadt Sambias, finanzieren sie Sanitärinstallateur-Ausbildungen für vorerst 15 Personen jährlich. Zudem fördern sie den Aufbau von Wasserkiosken, wo die Leute für wenig Geld sauberes Trinkwasser kaufen können.

«Die Projekte laufen vorerst drei Jahre. Wir hoffen, dass sich das System dann selber aufrechterhält und wir in neue Projekte investieren können», sagt Etter. Er strahlt, wenn er von weiteren Ideen erzählt – etwa auch Firmen und Behörden davon zu überzeugen, Leitungswasser in den eigens hergestellten Karaffen mit dem «Wasser für Wasser»-Logo auszuschenken und so für das Thema zu sensibilisieren. Etter malt sich aus, wo das Projekt in fünf Monaten steht. Und in fünf Jahren. Für die nächsten drei Jahre hat er eben das Budget erstellt.

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«Da kannst du nicht so rasch aussteigen»

Morris schmunzelt, wenn er den jüngeren Bruder so reden hört. «Von Planung wollte Lior früher nichts wissen. Drei Wochen im Voraus war ihm bereits zu viel.» Morris musste ihn überreden, für das Vorhaben Projektmanagementkurse zu besuchen. «Ich sagte immer zu Lior: ‹Wenn wir das zusammen aufziehen, kannst du nicht nach einem Jahr aussteigen!›» Damit spielt ­Morris auf die Fussballkarriere an, die Lior nach nur einem Jahr als Profi beendete.

Vom SC Kriens, bei dem Etter zusammen mit Valentin Stocker spielte, wechselte er zur U 21 des FC Luzern. Nebenbei spielte er kurz in der U-17-Nationalmannschaft. Nach einem Trainingslager mit der ersten Mannschaft des FC Luzern erhielt er einen Profivertrag. «Das ist alles vorbei», sagt er und lacht. Im Mai 2010, ein knappes Jahr vor Basils Tod, zog er mit 20 einen Schlussstrich. Nun sitzt er mit zerzaustem Lockenkopf und engen Hosen, die er schon immer so mochte, in einer Luzerner Beiz. Seine John-Lennon-Sonnenbrille hat er zu Hause gelassen. Weil er sie nicht braucht, und nicht etwa, weil er blöden Sprüchen ausweichen will. Nicht mehr. Als Fussballer wechselte er vor dem Training jeweils die Hose, damit die Kollegen nicht spotteten. «Mein bester Freund in den Trainings­lagern war der iPod.» Etter störte die Art, wie Fussballer denken.

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Während eines Teambildungswochenendes sollte jeder Spieler aufschreiben, was ihm im Leben am wichtigsten ist. Bei Etter stand, anders als bei den Teamkollegen, nichts mit Fussball. Sondern Fotografie, Film, Architektur. Und Morris und Basil.

Das Fussballerdenken nervte ihn erstmals in der U-17-Nationalmannschaft. Es war das Spiel gegen Irland, es endete eins zu eins. Er war Kapitän, machte ein super Spiel, fühlte sich stark, war stolz. Doch bald begann er zu zweifeln. «Diese ‹Nach dem Spiel ist vor dem Spiel›-Mentalität machte mir Mühe. Ich realisierte: Ein Sieg ist kein Sieg. Es geht immer weiter, nichts ändert.» Von nun an würde man bei jedem Spiel Spitzenleistungen von ihm fordern, wusste er. Kurz darauf erkrankte Basil. Es gab Wichtigeres als das nächste Spiel gegen GC.

Diese Erkenntnis und die Erwartungen anderer setzten ihn unter Druck. Er spielte schlecht. Schliesslich entschied er sich gegen die Junioren-Nati. Er spielte nur noch für den Verein. Er war zufrieden. Und doch beschritt Etter den Weg zum Profi weiter. Aus Neugier, wie er sagt. Vielleicht war auch die Freude am Spiel einfach zu gross.

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«Ein Künstlertyp», sagt Trainer Fringer

Trainer Rolf Fringer sagte nach Lior Etters Rücktritt, ihm habe der Ehrgeiz gefehlt. Heute formuliert er es anders: «Lior Etter war ein sehr talentierter Spieler, ein guter Techniker. Aber im Inneren liebäugelte er immer mit etwas anderem als Fussball. Er ist ein Künstlertyp.»

Etter lebt noch heute von dem Geld, das er mit Fussball machte. Mit Ausstellungen seiner Fotografien und Fotoaufträgen verdient er ein wenig dazu. «Ich bin ein sparsamer Mensch.» Er wohnt mit Morris beim Vater in Kriens. Bald wollen sich die beiden aber eine eigene Wohnung suchen. Im Juli zahlen sie sich von «Wasser für Wasser» erstmals einen Lohn aus. «Nicht viel. Einen Praktikumslohn», sagt Etter.

Obwohl immer wieder Anrufe von Vereinspräsidenten unterer Ligen kommen, kickt Etter nur noch mit Kollegen. Fussball war für ihn stets ein Spiel. Mehr wurde es nie. Während er als Junior beim FC Luzern das Morgentraining gern mal ausliess – «ich mochte am Morgen einfach nicht trainieren» –, arbeitet er für «Wasser für Wasser» auch mal mehr als zehn Stunden am Tag.

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«Er hat eine erstaunliche Wandlung durchgemacht», sagt Bruder Morris. Lior hat etwas gefunden, das ihn glücklich macht. Der verstorbene Basil sagte ihm einmal: «Wenn dich etwas unglücklich macht, lass es sein.»