Die Umweltorganisationen haben ge­rufen, und 30'000 sind gekommen. Sie tragen bunte Schärpen mit dem Slogan «Wald SOS Forêt», sie halten Plakate hoch mit Sprüchen wie «Mein Freund der Baum ist tot» und «Spiel mir das Lied vom Wald». Es ist der 5. Mai 1984, und die Schweiz kennt seit Monaten fast nur ein Thema: das Waldsterben.

Seit Bundesrat Alphons Egli in einem Wald bei Zofingen erklärt hat, das Waldsterben habe «ein Ausmass angenommen, wie wir es bisher gar nicht realisiert haben», herrscht im Land tiefe Besorgnis. Mit dem Gross­aufmarsch in Bern fordern die Demonstran­tinnen und Demonstranten, Sofortmassnahmen zu ergreifen, um den Schweizer Wald zu retten.

Harald Bugmann hat an diesem Samstag keine Zeit für politische Aktivitäten. Der Gym­nasiast lernt für die bevorstehende Maturaprüfung. «Aber die Diskussion hat mich damals geprägt und meine Studienwahl beeinflusst», sagt Bugmann.

Artenvielfalt

Natürlicher Wald ist ein wertvolles Biotop für viele Tier- und Pflanzenarten. Schweizweit sind 40 Prozent der Vogelarten gefährdet, bei den Waldvögeln nur 12 Prozent. Von den Pflanzen des Waldes stehen nur 18 Prozent auf der Roten Liste, schweizweit hingegen sind es 31,5 Prozent aller Pflanzen.

Je unaufgeräumter ein Wald, desto besser. Verrottende Stämme und Äste (Totholz) sind ein besonders wichtiger Faktor beim Erhalt der Artenvielfalt. Rund die Hälfte der etwa 32'000 im Wald heimischen Tier- und Pflan­zen­arten braucht in mindestens einer Lebensphase Totholz. Um alle Arten zu erhalten, wären je nach Waldtyp 20 bis 40 Kubik­meter Totholz pro Hektare nötig. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 12 Kubikme­tern, im Mittelland sind es deutlich weniger.

Der Bund subventioniert Naturschutzmassnahmen im Wald (unter anderem auch die Sicherung des Totholz-Bestandes) bis 2011 mit insgesamt 34,5 Millionen Franken.

Ein Augenschein im Sihlwald

Jetzt, 25 Jahre nach der grossen Demon­s­tration auf dem Bundesplatz, steht Harald Bugmann, mittlerweile Professor für Wald­ökologie an der ETH, im Sihlwald bei Zürich, schaut sich um, prüft die Bäume, die lebenden und die am Boden liegenden. «Der Wald ist nicht gestorben, das wissen wir heute alle», sagt er. Im ­Gegenteil: «Er ist sogar wilder geworden, natürlicher.» Der Professor freut sich über den Zustand unseres Wal­des, der immerhin ein Drittel der Landesfläche bedeckt.

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Anders als erwartet hat sich der Wald sogar Raum zurückerobert. «In der Schweiz wurden in den letzten Jahrzehnten bereits 825 Wald­reservate eingerichtet», sagt Harald Bugmann. «3,2 Prozent der Waldfläche sind so geschützt.» Damit liegt die Schweiz zwar unter dem gesamteuropäischen Durchschnitt mit acht Prozent.

Aller­dings sei es in der Schweiz um einiges komplizierter, Waldreservate auszuweisen, als in anderen Ländern, sagt Rolf Manser, Leiter der Abteilung Wald im Bundesamt für Umwelt (Bafu). «Grosse Waldreservate einzurichten ist hierzulande schwierig. Mit rund 250'000 Waldbesitzern haben wir in der Schweiz sehr komplexe Verhältnisse.» Trotzdem wollen die Kantone bis 2030 zehn Prozent der Waldfläche zu Schutzgebieten erklären.

Auch der Sihlwald wurde vor neun Jahren als Reservat ausgewiesen. «Viele Leute glauben, der Sihlwald sei nun ein Urwald», sagt Harald Bugmann und lacht. «Doch bis es hier wirklich wie im Urwald aussieht, müssen wir uns noch viele Jahrzehnte bis Jahrhunderte gedulden.» Zwar liegt viel totes Holz am Boden, doch links des Weges steht eine normale Fichtenschonung, vor etwa 80 Jahren angepflanzt. Rechts wächst ein junger Buchenwald heran, Tausende dünne Stämmchen, silbern, mit kreisrunden weissen Flechten. Immerhin finden sich auch ein paar richtig kräftige Bäume, wohl an die 150 Jahre alt. «Die wären normalerweise schon geschlagen worden, hier haben immerhin einige überlebt», sagt Bugmann.

Die letzten Schweizer Urwälder

Der Hunger nach Holz während der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert hat die Entwicklung des Waldes massiv beeinflusst. Als echte Urwälder gelten heute noch etwa 100 Hektaren oder 0,01 Prozent der Schwei­­zer Waldfläche: der Bödmerenwald über dem Muotatal, der Wald von Derborence im Wallis und der kleine Urwald Scatlé oberhalb von Brigels. Sie erfüllen laut Bugmann die wichtigsten Merkmale, die für Urwälder gelten: «Bäume in allen Altersstadien, uralte Baumriesen und ganz junge Bäum­chen, daneben aber auch viele abgestorbene und umgestürzte Bäume.»

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Waldgebiete zu Reservaten zu erklären ist immerhin ein Anfang, schafft vielfältige Le­bens­räume für unzählige Ar­ten. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem toten Holz zu. Bugmann stochert im verrottenden Holz eines umgestürzten Baumes. «Auf einem solchen Stamm leben Hunderte von Kleintieren – und noch mehr Pilze. Viele von ihnen hat die Wissenschaft noch nicht einmal beschrieben, niemand weiss etwas über sie, niemand hat ihnen einen Namen gegeben.»

Bugmann hebt das Baumgerippe zur Seite, ein Mausloch, modriges Pilzgeflecht, Spinnweben und millimeterkleine Tierchen kommen ans Tageslicht. «Etwa die Hälfte der 32'000 im Wald lebenden Tier- und Pflanzenarten ist zwingend auf Totholz angewiesen», sagt Bugmann, «je mehr totes Holz herumliegt, umso lebendiger ist der Wald in Wirklichkeit.» Und weil der Bund auch im normalen Wirtschaftswald diese Art der Naturförderung finanziell belohnt, findet sich immer mehr Totholz im Schweizer Wald. «Zum Glück», sagen die Fachleute – auch wenn Spaziergänger den Wert der Unordnung bisweilen nicht erkennen und sich in Leserbriefen für einen aufgeräumten Wald starkmachen.

Schutzwald

Zwischen 40 und 60 Prozent der Schweizer Wälder schützen nach Schätzungen des Bundesamts für Umwelt gegen Naturgefah­ren, der Anteil schwankt aber von Kanton zu Kanton stark. Ohne Schutzwälder müsste die Schweiz riesige Summen in den Schutz von Bevölkerung und Infrastruktur investieren, wie das Beispiel eines Hangrutsches im Melchtal OW im Jahr 2005 zeigt: Als Ersatz für zwei Hektaren Schutzwald mussten Verbauungen für 1,3 Millionen Franken errichtet werden. Ein Vergleich des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts Davos (SLF) zeigt, dass es bis zu 48 Mal billiger sein kann, einen Schutzwald zu pflegen, als in Verbau­ungen zu investieren.

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Viele Schutzwälder sind heute zu wenig gepflegt. Die Bewirtschaftung der steilen Wälder ist aufwendig und auf jeden Fall defizitär. Der Bund subventioniert die Schutzwaldpflege mit knapp 40 Millionen Franken pro Jahr.

Wo die Wildnis wuchert

Mehr Totholz, immer mehr Waldreservate – wächst so die «neue Wildnis» heran, von der Bugmann gesprochen hat? «Es ist ein Anfang», sagt er und fügt hinzu: «Die eigentliche neue Wildnis findet man nicht im Mittelland, sondern in den Alpen und vor allem in den Südtälern.»

Zum Beispiel im Misox, dem engen Bünd­ner Tal am Südhang der San-Bernardino-Passstrasse. Luca Plozza, der Regio­nalforstingenieur für das Misox, steht am Strassenrand und weist in die Weite der Landschaft. «Alles vergandet», sagt er, «alles vergandet und zugewachsen.»

Stellenweise liegt jetzt noch Schnee, doch weiter unten im Tal blühen bereits Forsythien und Magnolien. Gäbe es die Autobahn nicht, das Idyll wäre perfekt. Beschauliche Dörfer reihen sich entlang der Moesa auf, über den steilen, bewaldeten Hängen und den Schneebergen im Hintergrund scheint die Sonne. «Alles vergandet», repetiert der Beamte. Wo einst Getreide wuchs und Kühe weideten, recken sich nun Haselsträucher und Birken in den Himmel. Die Landwirtschaftsfläche schwin­det, «bauern» will hier kaum noch jemand, das Land ist zu steil, die Bewirtschaftung zu mühsam. Breite Hänge sind bewachsen, der Wald erobert die Talschaft zurück – eine Entwicklung, die nicht nur im Misox stattfindet, sondern im gesamten Alpenraum, vor allem aber in den Südtälern. So wächst die Schweizer Waldfläche jährlich um die Fläche des Thunersees – seit 1840 sind 70 Prozent Wald hinzugekommen. 

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Artenarmer Wald statt Vielfalt

Vergandung bedeutet zwar neue Wildnis, doch keineswegs mehr ökologischen Nutzen. «Das Kulturland und vor allem die Kastanienselven waren ökologisch äusserst wertvoll», sagt Luca Plozza. «Sie waren Hei­mat von seltenen Tierarten wie Wiedehopf, Smaragdeidechse und von gefährdeten, wunderschönen Schmetterlingen.» Wenn solche Flächen «verwalden», verschwinden all diese wärmeliebenden Tiere. Es wächst ein junger Wald, der über viele Jahrzehnte ziemlich artenarm bleiben wird.

Noch mehr ins Gewicht fallen Fehler, die im Schutzwald begangen wurden, dem Wald, der die steilen Hänge vor dem Abrutschen und die Siedlungen vor Lawinen und Steinschlag schützen soll. Zu lange wurde dieser Wald nicht verjüngt – oder falsch bepflanzt, mit Fichten statt mit Laubbäumen: Eichen, Linden, Buchen. Luca Plozza führt den Beweis in einem Waldstück oberhalb von Mesocco. «Diesen Bestand müssen wir komp­lett ersetzen», sagt der Förster. Denn Fichten gedeihen nur oben im Nadelwaldgürtel gut, im unteren Teil des Hangs faulen sie zu schnell. «Erst wachsen sie, doch irgendwann klappen sie bei einem stärkeren Wind kollektiv zusammen.» Ein Problem, das sich in vielen Schutzwäldern im Alpenraum ähnlich präsentiert.

Holzwirtschaft

Bis vor wenigen Jahren schrieb die Waldwirtschaft rote Zahlen, seit 2003 ist Holz indessen wieder eher gefragt. Pro Jahr werden in der Schweiz etwa 5,5 Millionen Kubikmeter Holz geschlagen; dies entspricht etwa 80 Prozent der Holzmenge, die jährlich nachwächst. In der Wald- und Holzwirtschaft arbeiten zurzeit etwa 75'000 Menschen.

Mit einem Anteil von 95 Prozent sind Fichte und Tanne der wichtigste Rohstoff für die Schweizer Sägereien – und ein eigentlicher Exportschlager: 2008 wurden 406'000 Kubikmeter gesägtes rohes Nadelholz ins Ausland verkauft, aber nur 122'000 Kubikmeter importiert.

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Ein Viertel des geschlagenen Holzes wird derzeit zur Wärme- und Energiegewinnung genutzt. Es deckt allerdings nur 3,6 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. Dieser Anteil kann in Zukunft bestenfalls verdoppelt werden – ohne den Wald erneut zu schädigen.

Die Wildnis wächst

Plozza hat ein klares Bild von der Zukunft des Misoxer Waldes. Im Café in Mesocco breitet er Karten aus, die den gan­zen Tisch bedecken. Farbig ist die Entwicklung aufgezeichnet: dunkelgrün ist der Schutz­wald, rot sind zukünftige Kastanienselven und braun die Wälder, die nicht mehr bewirtschaftet werden. Sie machen schätzungsweise die Hälfte aller Wälder des Bezirks aus und liegen vor allem in den Nebentälern. In einigen wird seit 60 Jahren kein Holz mehr geschlagen, in anderen seit den achtziger Jahren. An solchen Orten wächst sie heran, die neue Wildnis der Schweiz.

Und die ist gross. Insgesamt 13 Prozent der Wälder unseres Landes haben laut Bundesamt für Umwelt seit mindestens 50 Jahren keine Axt mehr gesehen. Dabei sind die ­Unterschiede je nach Region eklatant: Im Mittelland ist nur ein Prozent des Waldes sich selbst überlassen. In den Nordalpen sind es zwischen 10 und 26 Prozent, in den ­Südalpen aber ganze 41 Prozent. Schweizweit entstehen immer mehr Wälder, die auf natürliche Weise wachsen, altern und sich verjüngen – auch ohne Waldreservate. Die Urwälder, die man einst abgeholzt hat, kehren langsam zurück.

Allerdings wäre es unrealistisch zu hoffen, dass sich die Schweiz zu einem Urwaldreservat entwickeln wird. Zu dicht besiedelt ist das Land, zu gross sind die Bedürfnisse der Freizeitgesellschaft. Die Wälder der Agglomerationen sind intensiv genutz­te Freizeiträume: Bratfeuer glühen, grosse Flächen werden niedergetrampelt, Hundebesitzer, Mountainbike-Fahrer, Familienverbände nutzen die Forste – die
Unrast der Städte ist längst in die grünen Zonen eingedrungen, sehr zum Unmut reiner Naturfreunde. Es wurde auch schon die Idee aufgeworfen, für die Waldnutzung Eintritt zu verlangen.

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Eine seltsame Idee. «Die Freizeitnutzung», sagt Ueli Meier, Kantonsforst­inge­nieur beider Basel, «ist einer der grössten volks­wirtschaftlichen Nutzen des Wal­des.» Darum müsse dieser auch künftig allen frei zugänglich sein – selbst wenn «der 24-Stunden-Betrieb in den agglomerationsnahen Wäldern» der Natur und speziell den Tieren nicht gut bekomme. Doch solange die Hunde an der Leine geführt werden, sieht er keinen Bedarf, den Wald «komplett zur unberührten Natur» zu deklarieren. Die Menschen sollen sich einfach bewusst sein, dass sie im Wald «nur Gastrecht» geniessen – und sich entsprechend verhalten.

Freizeit

Der freie Zugang zum Wald ist in der Schweiz seit 1907 gesetzlich garantiert – egal, ob er in öffentlichem oder in Privatbesitz ist. Heute ist der Wald ein unentbehrlicher Ort für Freizeit und Erholung: Im Sommer besuchen laut Bundesamt für Umwelt über 90 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal pro Monat den Wald, im Winter sind es 80 Pro­zent. Zu den bekannten Freizeitein­rich­tungen wie Vita-Parcours sind in den ver­gangenen Jahren neue hinzugekommen: So wurden inzwischen 30 Seilparks und unzählige Bike-Trails installiert.

Doch der «Fitnesspark Wald» ist nicht ganz gratis zu haben: Gemäss einer Studie kostet die Bewirtschaftung eines vorwiegend als Er-holungsraum genutzten Waldes in Stadtnähe zwischen 190 und 418 Franken pro Hektare und Jahr. Aus Kosten- und Naturschutzgründen wird darum ab und zu auch gefordert, für den Wald einen Eintrittspreis zu verlangen.

Wald aus der Vogelperspektive

Auch Freizeitangebote wie Seilparks stören Meier nicht grundsätzlich. Am richtigen Ort platziert und seriös geführt, helfen sie, die Besucherströme zu kanalisieren. Und den Besuchern gewähren sie eine unbekannte Sicht auf den Wald – die von oben. So tolerant sind allerdings nicht alle. Das erfahren derzeit die Betreiber des Seilparks im Berner Dählhölzliwald. Gegen die Baubewilligung für Kassen- und WC-Häuschen und einen Waldlehrpfad hat die Grüne Partei Einsprache erhoben. Die «uferlose Vereinnahmung für nutzungsfremde kommerzielle Interessen» ist ihnen ein Dorn im Auge. Pit Bangerter, der Seilparkbetreiber, versteht das nicht: Er wolle doch den Leuten ein Naturerlebnis bieten.

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Unmissverständlich kommerzielle Interessen treiben indessen die Holzwirtschaft an. Und die werden generell nicht bestritten, sofern die Anliegen der nachhaltigen Bewirtschaftung berücksichtigt werden. Der Baumbestand der Wälder hat einen realen Wert. Allein mit dem Holz, das derzeit in den nicht oder wenig genutzten Wald­flächen pro Jahr anfällt, könnte man 60'000 Einfamilienhäuser bauen. Doch in diesen Zonen lohnt sich zurzeit die Bewirtschaftung nicht. «Die Kosten für die Holzgewinnung wären höher als der Erlös», sagt der ETH-Professor Harald Bugmann.

Das kann sich allerdings schnell ändern: Als Baustoff und Energielieferant wird Holz zunehmend attraktiv. Und steigen die Holzpreise, ist es gut möglich, dass nach den Wäldern des Mittellandes auch die weit abgelegenen Reviere wieder der Kettensäge zum Opfer fallen. Umso wichtiger sei es, dass ausreichend Reserva­te geschaffen werden, sagt Bugmann.

Katastrophe hilft

Unerwartete Schützenhilfe hat die «neue Wildnis» paradoxerweise durch eine Katastrophe erhalten. Am Stephanstag 1999 ist der Sturm Lothar übers Land gefegt und hat in den Wäldern gigantische Schäden angerichtet. Peter Brang, Leiter einer For­schungs­gruppe an der Eid­genössi­schen Forschungs­anstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), klettert durch einen viele Hektaren grossen Sturmwald in Windisch, Kanton Aargau. Obwohl nur noch wenige Bäume stehen, gibt es stellenweise kaum ein Durchkommen: Dicke alte Stämme liegen kreuz und quer übereinander, als ob ein Waldgeist Mikado gespielt hätte. Dichtes Brombeerge­strüpp überwuchert alles. In diesem Stück «haben wir etwa 5000 junge Bäumchen pro Hektare gezählt», sagt Brang. «Nur etwa 400 werden sich durchsetzen können und zu mäch­tigen Bäumen heranwachsen.»

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Das Gebiet gehört zu einem Netz von 20 Sturmflächen, in denen die WSL derzeit erforscht, wie sich die Natur nach Stürmen entwickelt. Die ersten Ergebnisse bestätigen, was die Forscher schon länger wissen: Von den Unwettern profitieren viele Tier- und Pflanzenarten – vor allem jene, die besonders licht- und wärmebedürftig sind. So leben auf den Sturmflächen mehr Insekten als in den benachbarten unversehrten Wäldern.

Zudem wird hier kein reiner Fichten-, sondern artenreicher Mischwald heranwachsen. Ohnehin passt die Fichte nicht an diese «windexponierte Lage», sagt Brang. «Sie ist zu sturmanfällig.» Und so sind Biologen gar nicht so unglücklich, wenn ab und zu ein Sturm über das Mittelland fegt und einige Hektaren Fichten umlegt.

Reservate

Die Schweiz hat in den letzten Jahr­zehnten 825 Waldgebiete zu Reservaten erklärt. Bei den meisten handelt es sich um Natur­wald­­reservate: Der Wald wird vollstän­dig sich selber überlassen. Hinzu kommen die Sonder­waldreservate; in diesen werden gefähr­dete Arten oder spezielle Nutzungs­formen gezielt gefördert. So hat man zum Beispiel Reservate  eingerichtet als Lebensraum für das Auer­huhn und den Mittelspecht, aber auch zur Erhal­tung der Waldweiden im Jura oder der Kastanienhaine in der Südschweiz.

Die meisten Waldreservate sind nur einige Hektaren gross. Insgesamt ma­chen sie 3,2 Prozent der Waldfläche aus – wenig im euro­päischen Vergleich: Europa­weit stehen durch­schnittlich 8 Prozent der Wälder unter Schutz. Vorreiter sind Luxemburg (über 40 Prozent geschützte Wald­fläche), Liechten­stein (28 Prozent), Italien (28 Prozent) und Deutschland (25 Prozent). Bis 2030 will die Schweiz 10 Prozent der Waldfläche schützen. 

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«SOS Wald» gilt nach wie vor

Trotz allen Fortschritten: Ein Problempatient ist der Wald vielerorts noch immer. «Der saure Regen», der die De­mon­stranten vor 25 Jahren auf die Strassen trieb, ist zwar kein öffentliches ­Thema mehr. Doch nach wie vor bereitet die Versauerung des Bodens den Fachleuten Sorge. Dieser eigentlich natürliche Prozess wird durch men­schliche Einflüsse – etwa durch den Eintrag von Stickstoff- und Schwefelverbindungen aus Verkehr und Industrie – deutlich beschleunigt. Heute sind 30 Prozent aller Waldböden stark säurebelastet (in den achtziger Jahren waren es 60 Prozent). Saure Böden aber wirken sich direkt auf das Wurzelwachstum der Bäume aus. Die Folge: Die Bäume werden in­stabil und können leichter Stürmen zum Opfer fallen.

Problematisch ist aber auch das hohe Alter der Bäume im Schweizer Wald. «Aus forstlicher Sicht sollte der Wald verjüngt werden. Überdurchschnittlich viele Bäume kom­men nun in die Jahre und werden damit immer anfälliger auf Sturmschäden und Krankheiten», sagt Harald Bugmann. Das Problem werde die Waldwirtschaft noch viele Jahre beschäftigen.

Droht neuer Kahlschlag?

Gesamthaft betrachtet sieht der Waldöko­loge aber keinen Anlass zu Klagen. «In den vergangenen 100 Jahren», sagt Harald Bugmann, «ging es dem Wald nie so gut wie heute.» Sorge bereitet ihm aber das sich abzeichnende Ende der Erdölzeitalters. Es besteht kein Zweifel, dass Holz als Energielieferant in der Zukunft wieder stark gefragt sein wird. Vor allem die gut erschlossenen ­Wälder des Mittellan­des werden einem immer stärkeren Nutzungsdruck ausgesetzt, denn als Energieholz ist vor allem das ­Laubholz gefragt.

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«Hoffentlich werden in Zukunft die Errungenschaften für mehr Natur im Wald nicht wieder unter die Räder geraten», sagt der ETH-Professor. Derweil fordert der Verband Holzindustrie Schweiz bereits neue Fichtenpflanzun­gen, ein Moratorium für weitere Waldreservate und lockerere Bestimmungen für Kahlschlag.

Wie man sich als Gast im Wald verhalten soll

  1. Der Wald steht in der Schweiz allen offen. Bedenken Sie aber bei allen Ihren Aktivitäten, dass dieser auch ein Lebensraum für etwa 32'000 Tier- und Pflanzenarten ist.
  2. Beachten Sie die Informationstafeln und allfällige Absperrungen. Insbesondere dürfen markierte Wildruhezonen, Wildschongebiete und Naturschutzzonen nicht betreten werden.
  3. Jagende Hunde stellen für das Wild eines der grössten Probleme dar. Führen Sie Ihren Liebling daher zu jeder Jahreszeit an der (langen) Leine.
  4. In siedlungsnahen Wäldern können streunende Katzen viel Unheil anrichten. Vermeiden Sie insbesondere im Frühling, dass Ihre Katzen den Jagdtrieb unkontrolliert ausleben.
  5. Beachten Sie beim Reiten im Wald die Verbotstafeln. Reiten Sie nur auf Wegen und nicht quer durch den Wald.
  6. Beachten Sie, dass viele Pflanzen geschützt sind und nicht gepflückt werden dürfen.
  7. Partys und Grossveranstaltungen gehören in den Stadtpark, nicht in den Wald. Sie stören die Tiere und verursachen beträchtliche Waldschäden.
  8. Velofahrer und Mountainbiker bewegen sich nur auf den dafür vorgesehenen Wegen und Bike-Trails. Auf den Waldwegen haben Fussgänger immer Vortritt.
  9. Lassen Sie auch im Wald keinerlei Abfälle liegen.
  10. Auf Waldwegen und -strassen herrscht generelles Fahrverbot für Motorfahrzeuge. Allgemeine Fahrverbote gelten sogar für Biker.
  11. Fassen Sie Jungtiere nicht an und lassen Sie auch die Finger von verletzten oder toten Tieren. Melden Sie verletzte Tiere sofort dem Wildhüter (Nummer bei der Polizei erfragen).
  12. Halten Sie als Gast im Wald Ihren Sammlertrieb in Schranken: Masshalten beim Pflücken von Pilzen, Beeren und Blüten gehört zum guten Ton. 
  13. Beschädigen Sie die Bäume nicht. Brechen Sie keine Äste ab und verletzen Sie die Rinde nicht.
  14. Campen und Zelten im Wald ist nicht verboten, bedarf aber der Genehmigung des Waldbesitzers.
  15. Entfachen Sie Feuer nur auf speziell dafür eingerichteten Grillplätzen. Löschen Sie das Feuer anschliessend vollständig und entfernen Sie alles Brennbare in der näheren Umgebung.
  16. In Sumpf- und Riedgebieten und an den Ufern von Teichen und Seen leben besonders viele Tiere. Betreten Sie diese Flächen nicht und benutzen Sie nur Stege und offizielle Wassereinstiege.
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