Eine Frau liegt reglos auf der nackten Erde, das Gesicht gen Himmel gewandt, die Hände über dem Bauch gefaltet. Bald ist sie von Rindern umringt, die sich erst zögerlich, dann immer neugieriger um sie scharen. Sie bleibt liegen, Hufe nur Zentimeter von ihrem Körper, vom Kopf entfernt. Grosse, feuchte Kuhmäuler neigen sich ihr zu, inspizieren, schnuppern. Die Frau bleibt liegen und beobachtet. Sie weiss: Droht keine Gefahr, siegt bei Kühen die Neugier über die Vorsicht.

Die Frau heisst Temple Grandin und ist Dozentin für kommerzielle Tierhaltung an der University of Colorado in Fort Collins. Sie hat über 200 wissenschaftli­che Arbei­ten veröffentlicht und hält 35 Vor­lesungen pro Jahr. Sie hat Schlachtanlagen, Stallsysteme und Leitfäden zur Vieh­hal­tung entwickelt, die sie anhand von Beobachtungen wie der oben beschriebe­nen entwirft. Und sie ist Autistin.

Grandin wurde am 29. August 1947 in Boston geboren. Mit zwei Jahren attestierten ihr die Ärzte einen «Hirnschaden». Bis sie drei war, sprach sie nicht. Trotzdem weigerten sich ihre Eltern, sie in ein Heim zu geben. In der Schule wurde sie von ihren Mitschülern unter anderem «tape recorder» gerufen. Mit gutem Recht, wie sie heute selber sagt: Wie viele Autisten kann sie nur in Phrasen sprechen, die sie gespeichert hat. Neue, eigene Sätze zu bilden vermag sie nicht. Dass sie heute Vorträge halten kann, liegt daran, dass ihr Re­pertoire an gespeicherten Sätzen mittlerweile sehr gross ist.

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Grandin hat eine Inselbegabung, sie ist eine sogenannte Savant. Sie verfügt über eine ganz spezielle Fähigkeit, die normale Menschen nicht besitzen. Während andere Savants jedoch anhand eines Geburtsdatums in Sekundenschnelle errechnen können, an welchem Wochentag jemand geboren wurde, oder im Nu die Quadratwurzel von 129' 986 '578 ziehen, sind Grandins Spezialität Tiere. Sie versteht deren Verhalten meist besser als dasjenige ihrer Mitmenschen.

Tiere denken in Bildern

Autisten fehlt die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Sie tun sich damit schwer, Gesichtsausdruck und Tonfall ihres Gegenübers zu interpretieren. Kurz: Für sie ist die Welt der menschli­chen Kommunikation enorm verwirrend und dadurch auch beängstigend. Tiere hingegen sind für Grandin vergleichsweise klar in ihren Aussagen. Die Gemeinsamkeit liegt darin, glaubt Grandin, dass Tiere wie Autisten durch das angetrieben werden, was sie sehen – sie denken in Bildern statt in Worten. Und beide werden weitgehend durch Angst gesteuert.

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«Wenn ich eine Schlachtanlage besu­che, in der sich Kühe an einer bestimmten Stelle durchzugehen weigern, muss ich herausfinden, was sie sehen. Denn es ist klar, dass sie etwas sehen, was ihnen Angst macht und sie daran hindert, die Stelle zu passieren», erläutert Grandin ihre Arbeitsweise. Dafür begibt sie sich kurzerhand in Kuhposition und begeht die Stelle selber – aus der Warte der Tiere.

Angstauslöser können grosse Schat­ten sein, das Glitzern des nassen Bodens oder eine gelbe Leiter – Kühe hassen die Farbe gelb. Ist das Hindernis ausgeräumt, passieren die Rinder die fragliche Stelle oh­ne Problem. So müssen die Tie­re nicht mit Schlägen oder Elektroschocks durchgeprügelt werden, das Fleisch enthält ­weniger Stresshormone und der Betrieb arbeitet wirtschaftlicher. 

Buchtipp

Temple Grandin and Catherine Johnson: «Animals in Translation. The Woman who thinks like a Cow»; Bloomsbury, 2005, CHF 25.90. Infos: www.grandin.com

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