Wie ein Artist im Chapiteau springt das possierliche Tier mit dem buschigen Schwanz von Baum zu Baum. Dann pflückt das Eichhörnchen eine Nuss und saust wie ein geölter Blitz kopfüber den Stamm hinunter. Hastig sucht es am Boden nach einem Versteck. Es zuckt mit dem Schwanz, legt die Nuss auf den Boden und überdeckt sie nachlässig mit etwas Laub. Geschwind zurück auf den Baum, ein letzter Blick, ein Rascheln – fort ist es.

Ob der Waldkobold sein Nüsschen später wiederfinden wird, ist alles andere als sicher. Eichhörnchen merken sich die Verstecke nicht genau. Doch sie können Futterdepots in einem Abstand von 30 Zentimetern riechen. Ihre Vergesslichkeit dient dem Wald: Aus vielen unentdeckten Vorräten entwickeln sich bald junge Bäumchen. Nutzniesser sind auch Mäuse, Häher oder Krähen.

Eichhörnchen sind perfekte Überlebenskünstler und beinahe gegen jede Unbill gewappnet. Kalten Wintern trotzen sie mit ­­ihrem ­dicken Fell und einem winddichten Nest. Nahrungsengpässe kennen sie kaum, dank ihren Nussverstecken und dank Pilzen, die sie zum Trocknen auf Astgabeln legen. Mit ihren Feinden – Mardern, Füchsen und Greifvögeln – haben sie leben gelernt.

Doch einem Widersacher können die ­pelzigen Survival-Experten nichts entgegensetzen: dem amerikanischen Grauhörnchen.  Ausgerechnet ein enger Verwandter – nur grösser, konkurrenzstärker und anpassungsfähiger. Darum fragen sich ­Naturschützer: Wird das Eichhörnchen aussterben?

Über Jahrmillionen lebten die beiden Arten voneinander ­getrennt. Sciurus vulgaris besiedelte Europa und Asien, Sciurus carolinensis wuselte durch die nordamerikani­schen Wälder. Ende des 19. Jahrhunderts aber ­hatten Tierliebhaber die ­fatale Idee, Grauhörnchen in England auszusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg drangen auch in Nord­italien Paare in den Lebensraum der angestammten Art ein. Seither pflanzt sich die Art ­rasant fort, wobei sie das Eichhörnchen effi­zient ­verdrängt.

Fatal ist, dass die Einwanderer doppelt so schwer sind und entsprechend hungrig nach Nüsschen. Anscheinend versetzt ihre Anwesenheit im Forst die Eichhörnchen generell in Stress, weshalb diese ihre Reviere kampflos verlassen. Zudem übertragen die Grauen ein Hörnchenpocken-Virus, an dem nur die Roten sterben.

Anzeige

Kann sich das Eichhörnchen mit dem grauen Konkurrenten arrangieren? Experten sind sich in dieser Frage uneinig. Manche fürchten, die Spezies könnte dereinst aussterben. Andere glauben, in reinen Nadelwäldern habe das Eichhörnchen bessere Karten als der Eindringling, womit sich ein paar Refugien bewahren liessen.

Damit uns die niedlichen Nagetiere ­erhalten bleiben, wurden europaweit Aktio­nen gegen das Grauhörnchen ins Leben gerufen. In England versucht man, den Norden «grauhörnchenfrei» zu halten, in Italien will man die weitere Ausbreitung der Art stoppen. «Wir müssen unbedingt verhindern, dass das Grauhörnchen auch andere Länder besiedelt», sagt Sandro Bertolino von der Universität Turin, der Leiter des EU-Projekts «European Squirrel Initiative».

Noch turnen Eichhörnchen durch die Wälder. Bald, im Januar, beginnt ihre Hochzeit: Die Männchen riechen die Weibchen auf eineinhalb Kilometer Ent­fernung, suchen sie auf und jagen ihnen im Pulk nach. Gleichzeitig versuchen sie, durch Schnalzen und Schwanzzucken zu imponieren. Die Weibchen entscheiden, wer sich mit ihnen ­paaren darf.

Eichhörnchenmännchen bedienen sich eines Tricks, um ihre Rivalen auszubooten. Ihre Spermien verfestigen sich in der Vagina des Weibchens zu einem Pfropfen, der die Aufnahme weiterer Samen verhindern soll. Manche Weibchen entfernen den Pfropfen aber und fressen ihn auf – bevor sie sich mit weiteren Männchen ver­lustieren.

Nach 38 Tagen Tragzeit kommen in einem gut gepolsterten Nest, Kobel genannt, zwei bis fünf Junge zur Welt. Zwei Monate später verlassen sie es. Bald schon lernen sie, Nüsse zu knacken und artistengleich in den Baumwipfeln Samen aus den Zapfen zu holen. 

Anzeige

Steckbrief der Hörnchen

Eichhörnchen: Heimischer Schaffer

Das Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) ­existiert seit rund 2,6 Millionen Jahren. Es ­bevölkert die Misch- und Nadelwälder von Irland bis Japan, wobei man 17 Unter­arten unterscheidet. Das Fell ist oft rotbraun gefärbt, es gibt aber auch gelbe, graue oder schwarze Varianten. Der Bauch ist immer weiss. Die charakteristischen Ohr­pinsel bilden sich nur im Winterfell aus. Eichhörnchen haben eine Länge von etwa 20 Zen­timetern; der Schwanz ist noch einmal so lang. ­Sie erreichen ein Gewicht von 280 bis 350 Gramm.

Quelle: Luke Massey/2020Vision/naturepl.com, F1online, Gettyimages
Anzeige

Grauhörnchen: Konkurrent aus Nordamerika

Das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) kommt natürlicherweise in den östlichen USA und im Südosten Kanadas vor. Es lebt lieber in Laub- und Mischwäldern als in ­Nadelwäldern. Das Fell ist silbern bis dunkelgrau, weist jedoch selten auch rötliche ­Partien auf. Vom Eichhörnchen kann es an den weissen Schwanzrändern und an den fehlenden Ohrpinseln im Winter ­unterschieden werden. Mit etwa 26 Zenti­metern Länge ist das Grauhörnchen zudem etwas grösser und etwa doppelt so schwer. Es ist weniger scheu und öfter am Boden zu sehen.

Quelle: Luke Massey/2020Vision/naturepl.com, F1online, Gettyimages

Grauhörnchen in Europa

Anzeige

Experten kämpfen gegen die rasante Verbreitung

Südlich von Manchester (England) ent­-­liess Thomas Brocklehurst 1876 ein Grauhörnchenpaar in die Freiheit, bald setzte man ­weitere Tiere aus. Rasch besiedelten sie Wälder, Parks und Gärten. Heute okku­pieren Grauhörnchen rund 90 Prozent der Fläche Englands und 50 Prozent der irischen Insel. Eichhörnchen haben in Nordengland, Teilen Schottlands und im Westen Irlands überlebt; noch 140'000 Tiere stehen zirka 2,5 Millionen Grauhörnchen gegenüber. Zwischen 1947 und 1957 wurden über eine Million der grauen Einwanderer geschossen, was aber eine weitere Ausbreitung nicht verhinderte. Heute versuchen mehrere Naturschutzorganisationen, wenigstens den Norden Englands «grauhörnchenfrei» zu halten.

Grauhörnchenstaat: 2,5 Millionen der Einwanderer verdrängen die einheimischen Nager auf den Britischen Inseln.

Quelle: Luke Massey/2020Vision/naturepl.com, F1online, Gettyimages
Anzeige

Auch in Oberitalien breiten sich die Grauhörnchen aus. Ab 1948 wurde die Art bei Turin, im Piemont und bei Genua ausgesetzt. Weitere Tiere fand man in der Nähe von Padua und bei Perugia. Die Populationen breiten sich mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Kilometern pro Jahr aus. In 20 Jahren könnten die Grauhörnchen das Tessin erreichen; Ende des Jahrhunderts könnten in der Schweiz bereits 3,5 Millionen Tiere leben und in Italien sechs Millionen. Allerdings bekämpft man die Grauhörnchen seit 1997 im ­Rahmen eines EU-Projekts, indem man sie mit Fallen einfängt und dann einschläfert. Wegen Klagen von Tierrechtsaktivisten musste das Projekt von 1997 bis 2000 unter­brochen werden. In dieser Zeit konnten sich die Grauen rapide vermehren.

Stete Zunahme: Die Zahl der Grauen wird per Monitoring überwacht, die der Roten geschätzt.

Quelle: Luke Massey/2020Vision/naturepl.com, F1online, Gettyimages

Sollten in der Schweiz Grauhörnchen auftauchen, will man sie einfangen und töten. Das Bundesamt für Umwelt hat bereits einen entsprechenden Aktionsplan entwickelt.

Anzeige