Nicht selten beginnen grosse Dinge während einer Kaffeepause. So war es auch damals, als die Biologin Sonja Wipf in der Cafeteria des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung mit einer Kollegin ins Gespräch kam. Diese war auf ein über hundertjähriges Werk des Davoser Arztes Wilhelm Schibler gestossen, der die Flora auf den Berggipfeln rund um Davos akribisch aufgezeichnet hatte. «Daraus müssen wir etwas machen!», sagte sie.

Wipf war zuerst skeptisch, ob man so alte Daten wissenschaftlich nutzen könne. Nie hätte sie gedacht, dass daraus eine europaweite Forschung, eine 26'950 Kilometer lange Bergtour, eine aufsehenerregende Dokumentation des Klimawandels auf abgelegenen Berggipfeln und schliesslich eine Publikation in der renommierten Fachzeitschrift «Nature» entstehen würde.

Sie liess sich von Veronika Stöckli überreden, schon am nächsten Wochenende auf Schiblers Spuren den Bündner Gipfel Baslersch Chopf zu besteigen. Gemeinsam mit Wipfs Partner Christian Rixen, ebenfalls Biologe, kraxelten sie mit der historischen Liste hinauf und kreuzten weit über der Baumgrenze die Pflanzen an, die sie entdeckten. Sie fanden fast alle Arten, die Schibler vor 100 Jahren notiert hatte – und viele mehr.

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Schibler hatte 1897 keinen einzigen Baum auf dem Gipfel gefunden. Wipf und ihr Team hingegen entdeckten Fichten, Lärchen und Arven. Zwar nur als 10 Zentimeter grosse Bäumchen, die sichtlich mit den widrigen Umständen zu kämpfen hatten – aber sie waren da. Konnte es sein, dass Schibler sie nicht bemerkt hatte? Wohl kaum, hatte er doch kleinste Arten aufgenommen, die man viel eher hätte übersehen können.

Auffällige Veränderungen

Schibler war nicht der Einzige, der Ende des 19. Jahrhunderts die Gipfelflora dokumentierte. In einer Art Volkssport ging es den Gipfelbotanikern darum, die höchsten Vorkommen der Arten zu entdecken und in Herbarien zu dokumentieren. Mit der Zeit fiel den Botanikern auch auf, dass sich die Alpenflora veränderte.

Josias Braun-Blanquet, der die Pflanzenwelt auf den Gipfeln des Schweizerischen Nationalparks erforschte, hielt 1958 fest, dass Pflanzen und Tiere «nach oben drängen, wogegen Eis und Firn in rapidem Rückgang begriffen sind». Zukunftsweisend hielt er fest, dass «die möglichst genaue Fixierung der Höhengrenzen von Pflanzen und Tieren» helfen konnte, «Klimaänderungen einzuschätzen».

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In den 1950ern war der Zusammenhang zwischen Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre und Temperatur bereits bekannt. Der kanadische Physiker Gilbert Plass nutzte erstmals Computer zur Berechnung der zu erwartenden Erwärmung. Auch der mögliche Einfluss des Menschen auf den Temperaturanstieg wurde diskutiert.

Aber nachdem in den Alpen von den 1950er-Jahren bis in die 1970er-Jahre vorübergehend kühlere Sommertemperaturen gemessen wurden – damals vermochten natürliche und menschengemachte Aerosole in der Atmosphäre die Erwärmung zu bremsen –, kam die menschengemachte Erwärmung erst in den 1980er-Jahren in den Fokus der Forschung.

Ein Hobby wird zum Projekt

Sonja Wipf, die heute Leiterin der Abteilung Forschung und Monitoring im Schweizerischen Nationalpark ist, zieht die orange Forscherweste über, bevor sie den Wanderweg im Nationalpark verlässt. «Sonst melden die Wanderer einen Verstoss gegen die Parkvorschriften, die soziale Kontrolle funktioniert hier gut», sagt sie und lacht. Sie will uns zeigen, wie sich die Vegetation im Nationalpark verändert.

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Grundsätzlich nimmt die Anzahl der Pflanzenarten ab, je weiter man die Waldgrenze hinter sich lässt: Wegen der kalten und kurzen Sommer überleben dann nur noch wenige Pflanzen. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass sich mit der rasanten Klimaerwärmung der vergangenen Jahre die Lebensbedingungen für viele Arten in der Höhe verbessern und sie sich ausbreiten können.

Nach den ersten Exkursionen erkannte Wipf, dass sich solche Veränderungen der Flora mit den historischen Daten ziemlich genau beweisen lassen. Während die meisten historischen Bestandesaufnahmen nicht sehr wertvoll sind, weil man nie ganz sicher sein kann, wo genau die Pflanzen gefunden wurden, sind die Gipfel auch nach 100 Jahren noch genau zu lokalisieren. Die Daten würden sich also geradezu ideal als Grundlage für eine neuerliche Zählung eignen.

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Was als Hobby begann, wurde zum Forschungsprojekt. Mit ihrem Team erklomm Wipf bereits in der ersten Feldsaison 90 Gipfel – was ziemlich Spass gemacht haben muss. «In unserem Fachgebiet gibt es viele coole Leute. Wir haben alle Freude daran, auf dem Boden herumzukriechen und Pflanzen zu bestimmen, und helfen uns bei unseren Projekten.»

Während unsere kleine Expeditionsgruppe strammen Schrittes – die vielen Gipfelbesteigungen scheinen die Kondition gestählt zu haben – von Buffalora nach Il Fuorn wandert, referiert Wipf in munterem Ton die Ergebnisse ihrer Forschung: Zwischen 1918 und 1927 seien auf den sieben Gipfeln, die im Park oder auf der Nationalparkgrenze liegen, 48 verschiedene Arten vorgekommen. Heute sind es 72 Arten. Die Artenzahl auf den obersten 10 Höhenmetern der Gipfel sei im Vergleich mit den historischen Daten durchschnittlich von 15 auf 26 Arten angestiegen. Das entspricht einer Zunahme von 74 Prozent.

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Wipf stellte die Ergebnisse auf einer Konferenz vor und motivierte Kollegen aus ganz Europa, bei der Studie mitzumachen. Denn: «Richtig spannend wird es, wenn wir unser Wissen vernetzen können.» Gemeinsam gruben sie historische Aufzeichnungen von Botanikern in ganz Europa aus und trugen die Daten zusammen.

Das Resultat: Auf 90 Prozent dieser Gipfel haben die Arten stark zugenommen, im Schnitt sind 10 zusätzliche Arten dazugekommen. Die neu eingewanderten sind zum grössten Teil «Allerweltsarten» wie der Löwenzahn und das Alpenrispengras, das allein im Schweizerischen Nationalpark drei neue Berggipfel erobert hat. Sie bedrohen die Besonderheit der alpinen Flora, die eigentlich aus hoch spezialisierten, ans raue Klima angepassten Arten besteht.

Da die neu eingewanderten Arten aus tieferen Lagen stammen, in denen mehr «Dichtestress» herrscht, sind sie Konkurrenz gewohnt. «Gebirgsspezialisten werden auf längere Sicht den Kürzeren ziehen und verdrängt werden.» Diejenigen, die wie die einwandernden Allerweltsarten auf Humus wachsen, werden zuerst verschwinden. Pflanzen, denen eine Geröllhalde reicht, werden weniger bedrängt werden.

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Ernsthafte Bedrohung

Den Klimawandel hat man im Nationalpark in den 1990er-Jahren zu untersuchen begonnen. Eine moderate Erwärmung gab es bereits im 19. Jahrhundert. Deshalb stellten die alten Botaniker auch fest, dass sich die Arten ausbreiten. «Seit den 1980er-Jahren steigen die Sommertemperaturen in den Bergregionen frappant», sagt Wipf. «Ein halbes Grad in 10 Jahren, das ist wirklich viel.»

Sie kann nicht verstehen, dass es angesichts dieser Tatsachen immer noch Menschen gibt, die nicht glauben wollen, dass die Klimakrise eine ernsthafte Bedrohung ist. «Man kann dieses Problem nicht einfach auf die nächste Generation verschieben», sagt sie aufgebracht. Wenn Klimawandelskeptiker unseriös argumentieren, Zitate aus dem Zusammenhang reissen, nicht zwischen Wetter und Klima unterscheiden können, macht sie das wütend. «Wir Wissenschaftler sind vielleicht zu nett», sagt sie. «Wir geben uns alle Mühe, sachlich zu bleiben. Aber letztlich hört man uns dann weniger gut.»

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Mit ihrer Forschung hat sie bewiesen, dass der Klimawandel nicht einmal vor unseren höchsten Berggipfeln haltmacht. Wilhelm Schibler – geplagt vom Fortschreiten der Industrialisierung – stilisierte die Berge noch zur «letzten ruhigen Insel, auf der allein noch dem Menschen die alte, grosse Natur, wie sie seit Uranfängen her bestanden, unentweiht gegenübertritt». Über 100 Jahre später müssen wir feststellen: Die Industrialisierung, unter der Schibler litt, ist definitiv auf den höchsten Gipfeln angekommen. 

Die Tiere im Nationalpark leiden

Weil es den Murmeltieren im Sommer oft zu heiss ist, ziehen sie sich in die Höhlen zurück, statt zu fressen. Sie beginnen den Winterschlaf mit einem knappen Fettvorrat und sind so weniger gut vor der Kälte geschützt. Fehlt die isolierende Schneedecke, gefriert der Boden. Die Murmeltiere brauchen mehr Energie, um sich warm zu halten.

Auch dem Alpenschneehuhn und dem Schneehasen wirds zu warm, und sie wandern nach oben. Der Lebensraum des Alpenschneehuhns hat sich im Nationalpark bereits um 120 Meter bergaufwärts verschoben. Nicht überall sind die Berge so hoch, dass die Tiere ausweichen können.

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Wandern im Nationalpark: Auf Tour im Park

Auch wenn sich die Natur im Nationalpark langsam verändert – schön ist sie nach wie vor. Bestaunen lassen sich bezaubernde Föhrenwälder und spektakuläre Felsformationen etwa auf einer Wanderung von Buffalora (Postauto) zur Nationalparkgrenze, Alp la Schera. Von dort geht es weiter bis zum Nationalparkhotel Il Fuorn, wo ein kühles Bier und ein Bett warten – oder das Postauto. Der Aufstieg zum Munt la Schera ist fakultativ, die Aussicht lohnt den Effort aber!

Schwierigkeitsgrad: T2, Wanderzeit: 4:45 Stunden.

Wanderung im Nationalpark von Buffalora nach Il Fuorn
Quelle: Alexandra Del Prete
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