Mehr als drei Jahre lang tüftelten Vertreter von Bund und Kantonen an einer Strategie, damit künftig weniger hochgiftiges PCB in Fleisch, Milch und Käse landet. Das Ergebnis findet sich seit dem 26. August auf der Website des Bundes. Doch nur wer davon weiss, findet den knapp 40-seitigen Bericht «PCB und Dio­xine in Nahrungsmitteln von Nutztieren». Das Bundesamt für Landwirtschaft und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen wollten das Ergebnis nicht an die grosse Glocke hängen und verzichteten auf eine Medienmitteilung. Verständlich, denn der Berg hat eine Maus geboren. Griffige Massnahmen fehlen, die Finanzierung bleibt offen.

PCB, Polychlorierte Biphenyle, sind seit 1986 in der Schweiz verboten. Die Industriechemikalie zählt zu den giftigsten Stoffen überhaupt, ist krebserregend, hemmt die Fortpflanzung und schädigt Immun- und Nervensystem. Doch gemäss Schätzungen der ETH sind schweizweit noch immer über 200 Tonnen in Gebäuden und Anlagen verbaut – meist in ­Farben, Fugen­dichtungen und Isolationsölen.

Besonders gefährlich ist es, wenn PCB in Tierfutter gelangt, sich in den Tieren an­reichert und schliesslich auf dem Teller landet. Solche Fälle entdeckte das Bundesamt für Gesundheit im Jahr 2012. Bei einer Stichprobe hatte es Kalb- und Rindfleisch aus Mutterkuhhaltung untersucht. Bei Proben aus zwei von 53 Betrieben stiess es auf teils massiv erhöhte Konzentrationen. Betroffen waren zwei Höfe, einer in Graubünden, einer im Kanton Luzern.

Vom verseuchten Boden ins Fleisch

Auf dem Luzerner Hof hatten die Tiere höchstwahrscheinlich auf der Weide kontaminierte Erde mitgefressen. Das ist nichts Aussergewöhnliches. Ausgedünstetes PCB findet sich mehr oder weniger in allen Schweizer Böden. Der aktuelle PCB-Bericht kommt zum Schluss, dass bis zu 18 Prozent der Schweizer Mutterkuhbetriebe Fleisch verkaufen könnten, das PCB «im ­Bereich des geltenden Höchstwerts» enthält. Das Phänomen wird schon lange untersucht, in Deutschland gibt es seit 2010 Richtlinien, damit weniger Erde im Futter landet.

Im Bündner Fall – er war weit gravierender – steckte das hochgefährliche PCB im Stall, wie der Beobachter vergangenes Jahr publik machte PCB Das Gift, das man vergessen möchte . In manchen Proben betrug die PCB-Konzen­tration fast das Fünffache des Grenzwerts. In den siebziger Jahren war die Stallwand mit PCB-haltiger Farbe gestrichen worden. Ein einziger Farbsplitter genügte gemäss der ­Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa, um eine ganze Kuh so zu kontaminieren, dass sie den Giftstoff über die Milch an ihr Kalb weitergab. Der Hof musste monatelang gesperrt werden.

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Bereits 2014 forderten aufgeschreckte Fachleute, dass weitere Ställe kontrolliert und wenn nötig saniert werden. Doch ihre Vorschläge verschwanden in den Schubladen der Behörden.

Erst auf Druck der Kantone setzte der Bund 2016 eine Arbeitsgruppe ein, die nun eine ­nationale PCB-Strategie ausgearbeitet hat. Darin heisst es zu den gesundheitlichen Risiken: «Aus toxikologischer Sicht sind PCB und Dioxine als relevanter einzustufen als Zusatzstoffe oder Pflanzenschutzmittel.» Vor allem über tierische Produkte lande heute so viel PCB auf Schweizer Tellern, dass die Bevölkerung deutlich mehr PCB und Dioxine aufnimmt, als von der WHO im Jahr 2000 «über eine längere Zeit als sicher eingestuft wird».

Gift in zwei von drei Gebäuden

Erst kürzlich senkte die Europäische Lebensmittelbehörde aufgrund neuer Erkenntnisse die tolerierbare Aufnahmemenge so massiv, dass die geschätzte Belastung in der Schweiz nun fast sechsmal höher ist als in der europäischen Empfehlung.

Die Arbeits­grup­pe anerkennt auch erstmals, dass der Bündner Stall kein Einzelfall ist. Bis in die siebziger Jahre wurde PCB häufig verbaut. Etwa im Kanton Genf. Gemäss einer neuen Studie enthalten zwei von drei Gebäuden, die vor 1977 erstellt wurden, PCB-­haltige Farbe. Die brisante Folgerung: «Höchstwertüberschreitungen für PCB in Lebensmitteln aufgrund von Punktquellen sind grundsätzlich bei allen Produktionsformen und allen Tierarten möglich, sofern die Tiere einer Quelle ausgesetzt sind.»

Wie viele PCB-Quellen es in Landwirtschaftsbetrieben gibt, sei schwierig abzuschätzen: «Es existiert kein systematisches, schweizweites Inventar mit Bauten, die historische PCB-haltige Bauprodukte enthalten.»

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Statt drauf zu dringen, das Versäumte nach­zuholen, schlägt die Arbeitsgruppe ein Pilotprojekt vor, das viele Fragen offenlässt. Unter «Massnahmen zur Verbesserung des Zustands in der Schweiz» heisst es in ein paar dürren Zeilen, Kantone könnten sich freiwillig an einem «Pilotprojekt zur Inventarisierung von historischen Punktquellen» beteiligen. Welche Kan­tone das sind, wie der Zeitplan aussieht, wer die Sanierungen zahlt, davon steht nichts. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen erklärt nur: «Zum aktuellen Zeitpunkt können wir noch keine detaillierten Angaben dazu machen.» Seit den ersten alarmierenden Messungen sind fünf Jahre verstrichen.

Wer zahlt für die Dekontaminierung?

So klar der Bericht zur Situation ist, so ­zögerlich sind die Massnahmen. Grösstes Problem: Wer zahlt für die Dekontaminierung? Im Bündner Fall kostete allein die Sanierung des Stalls 60'000 Franken. Der Betrieb überlebte nur, weil der Kanton einen Grossteil bezahlte.

Doch die vom Bund geleitete Arbeitsgruppe schiebt den Schwarzen Peter den Bauern zu: «Nach geltendem Recht sind solche Sanierungen von der Eigentümerin / vom Eigentümer zu tragen.» Von finanzieller Unterstützung des Bundes, wie Kantone im Vorfeld gefordert hatten PCB Gift im Fleisch – und niemand tut etwas , ist im Strategiebericht nirgends die Rede. Die Kantone hätten nach geltendem Gesetz immerhin die Möglich­keit, Sanierungen finanziell zu unterstützen.

Auffällig blass auch der Rest der Strategie. Nach Jahren sollen die Bauern über das PCB-Problem informiert werden, doch die Arbeitsgruppe will sich zunächst auf Mutterkuhhaltung konzentrieren. Erkenntnisse sollen später «auf andere Produktionszweige» übertragen werden. Den Start­schuss gab der Bund Anfang Jahr mit einem Artikel in der Fachzeitschrift «Die Mutterkuh». Darin informierte er ausführlich über die PCB-Gefahr in Landwirtschaftsgebäuden.

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Grenzwerte: nicht vorgesehen

Geplant sind in einer ersten Phase neun Massnahmen wie ein Merkblatt zu sauberem Futter, Hinweise aufs Lebensmittelrecht und verstärkte Kontrollen durch die Kantone. Erst wenn der Erfolg ausbleibe, will die Arbeitsgruppe schärfere Regeln in Betracht ziehen. Momentan nicht vorgesehen sind etwa PCB-­Grenzwerte für Böden. Obwohl sie nötig ­wären, um an besonders heik­len Orten Viehwirtschaft Tierhaltung Wie gut geht es unseren Tieren wirklich? verbieten zu können.

Einen Geldtopf stellt der Bund bloss für den ökonomischen Krisenfall in Aussicht – falls wegen kritischer Medienberichte der Markt für Rindfleisch zusammenbricht. Das Landwirtschaftsgesetz ermögliche es dann, sich «an den Kosten befristeter Massnahmen zur Markt­entlastung» zu beteiligen. 

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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