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ÖkolabelDer Palmöl-Maulkorb

Palmöl-Plantage auf Borneo
Wie nachhaltig ist Palmöl mit dem Nachhaltigkeitslabel wirklich? Plantage auf Borneo. Bild: Getty Images

Schweizer Grossverteiler werden von ihrer eigenen Nachhaltigkeitsorganisation unter Druck gesetzt. Sie will ein «Palmölfrei»-Label verhindern.

von Yves Demuthaktualisiert am 2017 M11 09

Es steckt im Migros-Semmeli und in der Coop-Brezel, in Aldis marinierter Pouletbrust und in Lidls Mehrkornbrot. Palmöl. Die Lebensmittelindustrie liebt den günstigen Rohstoff. Der asiatische Exportschlager landet mittlerweile selbst in Produkten, die mit dem Schweizerkreuz werben. Zum Beispiel im Terrasuisse-Kartoffelbrot der Migros.

Viele Konsumenten nervt dieser Ölboom. Denn er führt in Indonesien und Malaysia zur Abholzung riesiger Urwaldflächen. Wer kein Palmöl im Essen wolle, brauche eine Lupe für das Entziffern der Zutatenliste, kritisieren Kunden im Migros-Onlineforum.

«Es ist fast unmöglich, palmölfrei einzukaufen», bestätigt Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz. Sie möchte mehr Transparenz. Die Detailhändler sollten Produkte als «palmölfrei» bezeichnen – wie in Italien oder Frankreich. Nur dann könnten die Kunden Gegensteuer geben.

Wo Palmöl oder Palmfett drinsteckt, müssen Schweizer Hersteller erst seit 2016 deklarieren. Die geschmacksneutrale Zutat findet sich in fast jedem Babymilchpulver und jeder Margarine, in Fertiggerichten, Schokolade und Gemüsebouillon.

Palmöl ist «alternativlos»

Darin sehen die Detailhändler kein Problem. Migros, Coop, Aldi und Lidl erklären, dass sie als Mitglieder des Runden Tischs für nachhaltiges Palmöl (RSPO) fast ausschliesslich nachhaltiges Palmöl verwenden, das weitgehend unproblematisch sei. Das zertifizierte Öl stamme aus Plantagen, für die keine neuen Urwaldflächen abgebrannt worden seien. Die RSPO-Produzenten würden soziale und ökologische Mindeststandards einhalten und keine Einheimischen enteignen.

Die Grossverteiler versichern zudem, dass sie die Zutaten regelmässig überprüfen. Lidl etwa will sein Mehrkornbrot neu mit Rapsöl herstellen. 

Doch alle vier Grossverteiler sagen, dass es grundsätzlich keine Alternative zu Palmöl gebe. Das Öl habe eine bessere Ökobilanz als andere Pflanzenöle. Ein Wechsel zu Soja- oder Kokosöl verschlimmere die Situation nur, erklären sie mit Verweis auf eine WWF-Studie. Und da ein Verzicht unmöglich sei, brauche es auch kein «Palmölfrei»-Label.

Negativwerbung ist nicht erlaubt

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die vier Detailhändler sind als Mitglieder des Ökolabels RSPO gezwungen, den Absatz von nachhaltigem Palmöl «zu fördern und nicht zu beeinträchtigen». Das schreiben die internen Richtlinien zur Marktkommunikation seit November 2016 vor. Der springende Punkt: Negativwerbung ist nicht erlaubt. Die Mitglieder dürfen nicht einmal sagen, dass der Verzicht auf Palmöl bei einem Produkt umweltverträglicher sei als nachhaltiges Palmöl. Falls sie sich nicht daran halten, kann die RSPO-Organisation rechtliche Schritte gegen sie einleiten. 

«In der Tat dürfen wir als RSPO-Mitglied das ‹Nichtvorhandensein von Palmöl› nicht hervorheben», bestätigt die Migros. Doch das sei nicht der Grund, weshalb man kein «Palmölfrei»-Label führe. Bei Coop heisst es zwar, ein generelles Verbot von «Palmölfrei»-Werbung gebe es nicht. Doch unter welchen Bedingungen sie erlaubt wäre, kann der zuständige RSPO-Direktor in Indonesien nicht erklären.

So billig ist Palmöl

Caroline Schiller kennt die absurden Auswirkungen des Werbeverbots hingegen genau. Die Qualitätsbeauftragte der Grossbäckerei Bertschi hat in den letzten Monaten Palmöl aus nahezu allen Rezepten gestrichen. «Traditionellerweise steckt in 80 Prozent aller Backwaren Palmöl», sagt Schiller. Seit November verkauft die Firma aus Kloten aber fast keine palmölhaltigen Brote und Patisseriewaren mehr. 

Doch die neuen «Palmölfrei»-Produkte darf Beck Bertschi nicht bewerben. Das habe der Nachhaltigkeitsinspektor der RSPO-Labelorganisation bei seinem Besuch erklärt. «Wir werden daher das Wort ‹palmölfrei› nirgends aufdrucken und nur auf mündliche Weiterempfehlung setzen», sagt Schiller. Sonst könnte die Bäckerei das Recht verlieren, nachhaltiges RSPO-Palmöl zu beziehen. Und dieses braucht sie für die wenigen Produkte, die noch nicht palmölfrei sind. 

Schiller kann nicht überall auf das Öl verzichten. Zu gut sind seine Haltbarkeitsdauer, Hitzebeständigkeit und Konsistenz. Besonders schwierig sei es, Margarine zu ersetzen. «Butter ist für manche Backwaren zu fettig oder zu weich» – und viel teurer als Palmöl-Margarine.

Das Verbot, für palmölfreie Produkte zu werben, führt zu heftiger Kritik: «Dieser Artikel verunmöglicht es RSPO-Mitgliedern, ehrlich über Palmöl zu informieren», sagt Irena Wettstein von der Zürcher Stiftung Paneco. Diese betreibt ein Schutzprogramm für Orang-Utans in Indonesien und hat wegen der neuen Richtlinien die RSPO-Mitgliedschaft letztes Jahr gekündigt. 

«Das Label hat zwar auch Positives bewirkt», erklärt David Dellatore, Paneco-Mitarbeiter in Nordsumatra. Doch widerrechtliche Urwaldrodungen zertifizierter Palmölfirmen seien ungenügend aufgeklärt und die Nachhaltigkeitsstandards zu wenig durchgesetzt worden. «Statt diese Probleme anzugehen, hat RSPO interne Kritiker im letzten November mit einer Maulkorb-Richtlinie ruhiggestellt.»

Am besten gar kein Palmöl

«Das RSPO-Label ist zwar ein guter Ansatz», sagt Alex Rübel, Direktor des Zürcher Zoos. «Doch die steigende Nachfrage nach Palmöl kann nur mit Urwaldabholzungen gestillt werden. Tiere wie der Orang-Utan verlieren dadurch ihren Lebensraum.» Der Zoo Zürich will deshalb seinen Palmölverbrauch reduzieren und hat die palmölhaltigen Nestlé-Glacen aus den Tiefkühlern verbannt. Das Eis des neuen Lieferanten Emmi ist palmölfrei.

«Augenwischerei», sagt Miges Baumann von der Entwicklungsorganisation Brot für alle beim Thema RSPO-Label. «Es dient hauptsächlich der Gewissensberuhigung der Lebensmittelindustrie.» Das Engagement der Detailhändler für Nachhaltigkeit sei zwar erfreulich, doch die Schweizer Grossverteiler müssten ihren Palmölverbrauch senken. «Nur das nützt etwas.»

Die Entwicklungshelfer werden in den nächsten Wochen den Verantwortlichen von Migros, Coop, Aldi und Lidl eine Petition mit über 12'000 Unterschriften überreichen. Unterschriften von Kundinnen und Kunden, die gern weniger Palmöl im Essen hätten.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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1 Kommentar

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ursula.mccormack
Ich bin immer wieder entsetzt, in welch exotischen Produkten wie Broten nun ebenfalls Palmöl eingesetzt wird. Deshalb sollte "Negativwerbung" in diesem Falle absolut erlaubt, ja ein Muss sein. Wer mag schon mit der Lupe einkaufen? Ob nachhaltig oder nicht, Palmöl zerstört Regenwald und vermindert die ökologische Vielfalt, vom Lebensraum unzähliger Tiere ganz zu schweigen.