Ungläubig blickt der Verkäufer die Kundin an. «Reparieren?» Er schüttelt verächtlich den Kopf: «Vergessen Sies, das lohnt sich nicht mehr. Kaufen Sie einen neuen Wasserkocher – wir haben gerade ein Sonderangebot.» Ein Satz, wie ihn wohl die meisten schon gehört haben. Und einer, der auf den Punkt bringt, wie der Handel funktioniert: nach dem Prinzip des schnellen Konsums.

Manche Dinge werden sogar absichtlich so konstruiert, dass sie kurz nach Ablauf der Garantiefrist den Geist aufgeben. Oder dass einfache Reparaturen wie etwa das Wechseln eines Akkus unmöglich sind. Wegwerfen und neu kaufen heisst es dann. Schuld daran ist aber nicht nur die «böse Wirtschaft». Denn nicht sehr langlebige Waren sind auch viel günstiger und werden deshalb bedenkenlos gekauft – und entsorgt. Ein Beispiel dafür lieferten auch die Bilder des letzten St. Galler Open Airs: Hunderte Besucher räumten danach ihre Billigzelte nicht mehr ab, sondern über­liessen sie den Güselmännern.

Repair-Cafés sind im Trend

Pessimisten sind sich inzwischen sicher: Die Menschheit wird bald an ihrem eigenen Müll ersticken. Optimisten hingegen sehen seit einiger Zeit auch etwas anderes: eine wachsende Zahl von Leuten, die sich gegen die Wegwerfmentalität stemmen, sich verbünden, sich treffen und zusammen stundenlang an alten Radios oder Wasserkochern schrauben oder Ideen, ­Anleitungen und Tipps austauschen – auf Websites wie Ehow.com, Ifixit.com, ­Wikihow.com oder Instructables.com.

In Holland entstanden 2009 die ersten Repair-Cafés – Treffpunkte, um gemeinsam mit anderen defekte Gegenstände und Geräte zu reparieren. Die Bewegung schwappte nach Deutschland über, wo es inzwischen über 40 solcher Einrichtungen gibt. Und jetzt regt sich auch in der Schweiz etwas. Seit letztem Jahr gibt es in Zürich ein offizielles Repair-Café, in Basel entstand die Reparier-Bar, und in Zuchwil bei Solothurn organisiert der Verein Flick+Werk ­regelmässig Reparaturtage.

Der Laie kann nicht alles reparieren

Mit dem Materiallager Offcut ist in Basel letztes Jahr ein weiteres Projekt gestartet, das in eine ähnliche Richtung geht. Hier finden Bastler und Heimwerker zu günstigen Konditionen überschüssiges Material von anderen Bastlern oder von Firmen. Die Idee bleibt die gleiche: Statt Überbleibsel in den Müll zu kippen, haucht man ihnen neues Leben ein. Selbst den «Handydoktor» – ein von der Idee her kommerzieller Betrieb – könnte man zu denjenigen zählen, die einen Beitrag gegen die Materialverschwendung leisten. Immerhin werden hier defekte Teile ersetzt und nicht komplette Geräte ausgetauscht, wie das im Handel üblich ist.

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Einer der ersten Aktiven in der Schweiz war Andreas Rudin. Er repariert schon seit etwa zehn Jahren gegen den Wegwerftrend an. Er hat sich auf den IT-Bereich spezia­lisiert. Mit der Computerwerkstatt Revamp-it in Zürich setzen er und seine ­Mitstreiter ein Zeichen gegen die Hardwareverschwendung. «Es ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber es gibt immer mehr Leute, die nicht einsehen, weshalb sie alle paar Jahre eine neue Kiste kaufen sollen», stellt er fest.

Karin Frick, Forschungsleiterin am Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon ZH, bestätigt diesen Eindruck. «Es gibt so etwas wie Recycling-Chic», sagt sie. Verschiedene Studien des GDI und anderer Forschungseinrichtungen deuteten darauf hin, dass das Bewusstsein für Langlebigkeit und Qualität gestiegen sei. «Eingebaute Verschleissteile werden immer weniger akzeptiert. In Zukunft werden Firmen punkten können, wenn sie qualitativ hochstehende Produkte verkaufen», glaubt Karin Frick.

Von einem Gegentrend hin zum Reparieren und weg vom Wegwerfen könne man jedoch nicht sprechen. Karin Frick: «Es ist eine Nische.» Und zwar eine, die sich nur beschränkt weiter ausdehnen könne: «Wir leben in einer hochtechnologisierten Welt, viele Dinge sind für Laien schlicht nicht mehr reparierbar, weil einfach Fachkenntnisse und Fachwerkzeug dafür nötig sind.»

Bewusst einkaufen könnte Mode werden

Was den Konsum angeht, könnte laut der GDI-Forscherin aber durchaus eine Entwicklung zu weniger Abfall stattfinden – dann nämlich, wenn die Moral einsetze und sozialer Druck entstehe. «Billigware zu kaufen, die man nach kurzer Zeit ersetzen muss, könnte zum Makel werden, für den man sich rechtfertigen muss», so Karin Frick. Ähnliches hat man schon mit dem Biotrend erlebt. Vor nicht allzu langer Zeit wurde noch über die «Körnlipicker» ge­lächelt. «Und heute muss man sich in ­gewissen Kreisen schon fast rechtfertigen, wenn man keine Bioware kauft.»

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Andreas Rudin ist versiert auf Soft- wie auch Hardware.

Quelle: Gerry Nitsch

Revamp-it: Die ­IT-Aufmöblerei

Der Weg zur Computerwerkstatt im Zürcher Kasernenareal ist verschlungen, zum Glück gibt es alle paar Meter ein Schild mit Pfeil: «Revamp-it, 15 m», «Revamp-it, 8 m». Schliesslich ­landet die Besucherin in einem grossen, zweigeteilten Raum, wo sich Kartonkisten, PCs, Tastaturen, Drucker und Harddisks bis unter die Decke stapeln. Irgendwo dazwischen Andreas Rudin, einer der Verantwortlichen: «Ich komme gleich», tönt es hinter dem Bildschirm hervor.

Einen Computernerd stellt man sich anders vor: Rudin trägt ­Zottelbart und Hippierock – und seit sieben Jahren keine Schuhe. «Bei dieser Kopfarbeit den ­ganzen Tag mag ich einfach den ­direkten Kontakt zur Erde», erklärt er spürbar ungern. Denn um ihn geht es hier nicht, sondern um Revamp-it. Übersetzt bedeutet das ungefähr: «Möble es auf». Gemeint sind Computer und alles, was dazugehört.

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Die vor zehn Jahren von Rudin und zwei Kollegen gegründete Werkstatt hat sich dem «funktionellen Recycling» verschrieben: «Wir reparieren oder wechseln defekte Teile an Computern, Laptops oder anderen verwandten Geräten aus und verkaufen auch Occasionsgeräte», erklärt Rudin. Oft sei nämlich nur ein Kondensator defekt – für die ­Revamp-it-Mannschaft ein Klacks. Der Kunde bezahlt 30 Franken für die erste Abklärung, danach 70 pro Stunde für die Reparatur. «Ich finde es zudem ökologisch extrem unverantwortlich, dass heute die meisten Computer, die weggeworfen werden, noch einwandfrei funktionieren», sagt Rudin. Neue Software werde so konzipiert, dass sie auf älteren Geräten nicht mehr laufe. «So werden Kunden gezwungen, alle paar Jahre ­einen neuen Computer zu kaufen.» Bei Revamp-it gibt es deshalb auch nur Occasionsgeräte mit dem Betriebssystem Linux, denn das funktioniert auch auf uralter Hardware und kann von jedem, der sich auskennt, angepasst werden.

Revamp-it beschäftigt etwa 15 Mitarbeiter, ein Teil davon ­Sozialhilfe- oder IV-Bezüger, die zwar keinen Lohn erhalten, aber eine Tagesstruktur und eine sinnvolle Tätigkeit. Pro Monat verkaufen sie etwa 200 bis 300 Geräte. Vieles geht auch in den Export. Und bei der Währung ist man flexibel: «Von einem Tune­sier haben wir auch schon einen Sack Datteln bekommen.»

Thomas Stucki rettete schon manches Handyleben.

Quelle: Gerry Nitsch
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Handydoktor: Der Arzt mit dem Schraubenzieher

Mit flinken Fingern löst Thomas Stucki die kleinen Schrauben des Mobiltelefons, hebt das zerbrochene Display ab, zieht win­zige Stecker heraus und greift zum Föhn. «Manche Displays muss man erwärmen, um sie vom Gerät zu lösen», sagt er. Der Mann macht das offensichtlich nicht zum ersten Mal. «Etwa 90 Prozent der Kunden kommen zu uns, weil das Display zersplittert ist», erklärt der Handydoktor. In diesem Fall war ein Pferd auf das Gerät getreten. Doch meist ist der Anwender selber schuld, wenn er Stuckis «Praxis» in der Luzerner Altstadt besucht.

Der gelernte Elektroniker ist Mitinhaber des jungen Dienstleistungsbetriebs mit bereits sieben Filialen, hervorgegangen aus dem iPhonedoktor in Zürich. Handydoktor Stucki trägt zwar keinen weissen Kittel, um seinen Hals hängt kein Stethoskop, aber sonst ist in seinem Betrieb alles so, wie es sich bei einem Arzt gehört. Es gibt eine Empfangs­theke, ein Wartezimmer mit Klatschheftli und nebenan den «Behandlungsraum». Die Krankengeschichte wird direkt an der Theke aufgenommen. Hier wird auch jedes Smartphone ­zuerst durchgecheckt. Ein- und Ausschalter, Lautsprecherregler, Wi-Fi-Empfänger und weitere Funktionen werden überprüft. Die gleiche Prozedur findet nach der Reparatur statt. «Zur Sicherheit für den Kunden und für uns», wie Stucki erklärt.

Er findet, so teure Geräte sollten länger funktionstüchtig sein als zwei Jahre. «Die Hersteller tauschen bei Garantiefällen oft das Gerät aus. Doch in vielen Fällen ist das unnötig und eine Reparatur ökologisch sinnvoller», sagt er. Viele liessen auch ihre alten Geräte bei ihm auf Vordermann bringen und ­verschenkten sie dann weiter.

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Die Wartezeit beträgt in der Regel 30 bis 40 Minuten – doch für manche ist selbst das zu lang. «Besonders junge Kunden halten es oft kaum aus ohne ihr Smartphone. Die müssen wir dann jeweils beruhigen. Wir ­raten ihnen, am See spazieren zu gehen oder einen Kaffee zu trinken.» So wird der Handydoktor manchmal auch zum Seelenklempner.

Ein Paradies für Selbermacher: Tanja Gantner und Simone Schelker haben das Zeug dazu.

Quelle: Gerry Nitsch

Offcut: Das Rohstofflager

Ein paar Kinder schwirren in der ungeheizten Lagerhalle in Basel-Kleinhüningen herum, wedeln mit blauen Kartonstreifen. Wenn man ihnen sagen würde, sie hielten Abfall in den Händen, gäbs wohl Protest. Für sie ist das ein Polizeiauto, und das Einzige, was ihm noch fehlt, ist die Sirene. Wer ihre Begeisterung spürt und sich im Raum umschaut, kann mit Sicherheit ­sagen: Sie werden die Sirene noch finden. Es gibt nichts, was der Bastler bei ­Offcut nicht ­findet. Nur die ­eigene Fantasie muss er selber mitbringen.

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Offcut heisst so viel wie Überbleibsel, und genau das bietet der gleichnamige Verein mit Zwischennutzung in der Aktienmühle auch an. «Bei uns findet man Rohmaterialien, für die ­andere keine Verwendung mehr haben, die sie aber auch nicht einfach wegschmeis­sen wollen», erklärt Simone Schelker. Die 31-jährige Kulturmanagerin hat Offcut zusammen mit drei Gleichgesinnten im letzten Sommer ins Leben gerufen. «Wir schliessen eine Lücke zwischen den Brockenhäusern, die ­gebrauchte Möbel und Kleider anbieten, und den Bauteilbörsen, die eher auf Gerätschaften ­ausgerichtet sind», sagt sie.

Klebefolien oder Glasscheiben, Bretter, Werkzeug, Knöpfe, ­Styroporwürfel, Schläuche, ­Kabel, Stoff ab Rolle – all das und noch viel mehr stapelt sich auf etwa 120 Quadratmetern. «Ich finde hier immer etwas», sagt Gregory Vines, Grafiker und Offcut-Kunde der ersten Stunde. «Oft habe ich eine Idee im Kopf, weiss aber nicht genau, wie ich sie umsetzen soll. Hier finde ich dann meist eine Lösung – und viele Dinge, die ich gar nicht ­gesucht habe.»

Das Material stammt aus privaten Kellern und Werkstätten, hauptsächlich aber von Firmen, die so auch Entsorgungskosten sparen können. Denn Offcut holt die Ware nach vorgängiger Abklärung ab. Die Verkaufspreise sind oft Verhandlungssache.

«In der Regel orientieren wir uns am Neupreis und berechnen ­etwa die Hälfte davon», sagt Schelker. «Wer kein Budget hat, kriegt schon mal zusätzlich ­Rabatt.» Willkommen seien alle, die das Material wiederverwenden und kreativ nutzen.

Wer selber nicht so recht weiss, wie er das anpacken soll, kann sich auch beraten lassen. Aus­serdem gibts eine Leseecke mit einschlägigen Büchern und ­eigenhändig fabrizierte Bei­spiele, etwa ein Regal aus Brettern und PET-Flaschen. Und über allem wacht Herr Obermayer – eine ausrangierte Schneider­büste, die beim Eingang steht.

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Mia Wilds Bügeleisen wird repariert: Elektroingenieur Beat Voser hilft auch bei schwierigeren Fällen.

Quelle: Gerry Nitsch

Reparaktion: Die Flickwerkstatt

Mia Wild wirft jubelnd die Arme in die Höhe: «Juhuu, es geht wieder, das ist ja super!» In der Hand hält sie ein Jura-Bügel­eisen, das schon einige Jahre auf dem Buckel hat. «Ich bin ja schliesslich auch ein älteres ­Modell, wir passen zusammen», sagt sie und lacht. Es sei einfach verrückt, was man alles weg­werfen müsse. «Vor kurzem ­habe ich eine Kaffeemaschine entsorgt, weil man mir sagte, ­eine Reparatur lohne sich nicht mehr.» Dem geliebten roten Bügel­eisen sollte es nicht gleich ergehen.

Deshalb ist Mia Wild heute damit in die Eingliederungswerkstatt Regiomech im solothurnischen Zuchwil ­gekommen. Immer am ersten Samstag im Monat bietet der vor zwei Jahren gegründete Verein Flick+Werk hier unter dem Titel «Reparaktion» einen Reparaturtreffpunkt an: Man bringt ­einen defekten Gegenstand mit und repariert ihn ­unter Anleitung von Fachleuten selber. Kostenpunkt: ein Franken pro Minute Fachmannsarbeit. Mia Wild hat bei ­ihrem Bügel­eisen so weit als möglich selber Hand angelegt und sonst dem Elektroingenieur Beat Voser über die Schulter geschaut.

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Das Angebot wird rege genutzt. In jeder Ecke der weiträumigen Halle wird geflickt und gewerkt, hier sprühen Funken, dort kreischt eine Metallsäge. Vom kaputten Spielzeugkran aus den Sechzigern über das Radio mit defektem Lautstärkeregler bis hin zur kaputten Alphornhülle wird alles repariert, was Keller und Estrich hergeben. «Aus­geschlossen sind nur Dinge, die man noch flicken lassen könnte, wir wollen nicht das Gewerbe konkurrenzieren», erklärt Vereinspräsident Heinz Bätscher. Die Idee stammt aus einer vom lokalen WWF initiierten Diskus­sionsrunde, in der es um nachhaltiges Wirtschaften ging. Die meisten Vorstandsmitglieder sind im Pensionsalter oder kurz davor. Künftig wollen sie auch vermehrt Kurse anbieten, bei denen Reparatur- und Basteltechniken erlernt werden können. «Schliesslich heisst es ja ‹Flick und Werk›», sagt Bätscher.

Dass die Reparaturwerkstatt nicht nur Ältere anspricht, beweist eine Gruppe junger Leute, die den Weg hierhergefunden haben und lange ausharren, bis der Metallfachmann Zeit hat. Sie haben einen wackligen Stuhl mitgebracht, dem eine Verstrebung fehlt. Einen neuen zu kaufen wäre wohl schneller gegangen, doch die Wartezeit macht ihnen nichts aus: «Sonst hätten wir eh nur bis Mittag geschlafen. Und das ist eine gute Sache hier», sagt einer grinsend.