Einmal wurde Chris­tian Theler gerufen, weil ein Wolf Schafe angegriffen hatte. Das Raubtier hatte gleich mehreren Tieren Fleischfetzen aus dem Leib gebissen und die Schafe dann ­einfach liegen lassen. «Das war ein richtiges Massaker», sagt Theler, «wir mussten die schwerverletzten Tiere sofort töten.»

Es war seine direkteste Begegnung mit dem Wolf, der für so ­gros­se Emotionen sorgt. Ganz besonders im Wallis.

Zu dem Erlebnis kam Theler in seiner Tätigkeit als Hilfswildhüter. Hauptberuflich ist der 49-Jährige Förster, in seiner Freizeit ist er als Jäger unterwegs - und nicht zuletzt ist er auch noch Vater eines Hobbyschafhalters. Ein Mann ­also, der die Wolfsproblematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennt. Wenn uns einer das komplizierte Verhältnis der Walliser zum Wolf erklären kann, dachten wir, dann dieser Mann.

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«Dass der Wolf je wieder aus dem Wallis verschwindet, ist eine ­Illusion.»

Christian Theler, Förster und Jäger

Ennet dem Lötschberg ist die Debatte aufgeheizt. Eine starke Lobby macht Stimmung gegen den Wolf, mit dem CVP, CSP und SVP sogar Wahlkampf ­betreiben. Eine fast archaische Angst vor dem «Urbösewicht» vermischt sich mit Widerstand gegenüber der angeblich wolfsfreundlichen Bundesverwaltung und der «Üsserschwiiz» allgemein. Das Raubtier habe nichts verloren im Wallis, so der Tenor. Mit einer Standesinitiative und einer kantonalen Volksinitiative macht das Wallis politisch Druck. Da spiele auch der Trotz der Bergler gegen die Unterländer mit, sagt Theler. Er selbst ist pragmatisch: «Dass der Wolf je wieder aus dem Wallis verschwindet, ist eine ­Illusion. Auch wenn man ihn bekämpft, wird er immer wieder einwandern.» ­Daher müsse man sich endlich mit ihm arrangieren.

Zwei Initiativen gegen Grossraubtiere

Das sehen offenbar nicht alle so. Im ­September hat sich der Nationalrat – im Gegensatz zum Ständerat – für die Walliser Standesinitiative ausgesprochen. Sie fordert, dass der Wolf gejagt werden darf und die Schweiz das wichtigste inter­nationale Artenschutzabkommen, die Berner Konvention, kündigt. Der «Wolf tötet wahllos», aus «blosser Lust», heisst es in der Begründung. Bisher ist er eine streng geschützte Art. Abschussbewilligungen gibt es nur in Ausnahmefällen, etwa für Wölfe, die Nutztiere gerissen haben. Die Standesinitia­tive geht nun wieder in den Ständerat, entschieden ist noch nichts. Für die zweite, kantonale Initiative werden ­Unterschriften gesammelt, sie fordert den «Schutz vor Grossraubtieren» und will «die Förderung des Grossraubtierbestands» verbieten.

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In ihrem Haus oberhalb von Naters tischen Christian und seine Frau Myriam dem Gast aus dem Unterland zum Zmittag vom selbstgeschossenen Hirsch auf. Sie tun alles, um Walliser Lebensart und Denkart zu vermitteln. Sie sehen sich durchaus als Walliser «Patrioten», haben jedoch eine gewisse Distanz zur Wolfsproblematik. Man kann mit ihnen offen diskutieren – und auch lachen.

Christian Theler ist gespalten. Hauptberuflich, als Förster, ist er klar für den Wolf. Zusammen mit dem Luchs reguliert das Raubtier den Wildbestand und sorgt dafür, dass Reh, Hirsch und Gämse weniger Jungbäume schädigen. Deren Knospen und Zweige gehören zu ihren bevorzugten Speisen. «Durch Wildverbiss verzögert sich das Wachstum der Jungpflanzen um bis zu 20 Jahre», sagt Theler. Doch wo Raubtiere vorkommen, hat das Wild weniger Musse, an den Pflanzen zu knabbern. Für den Wald ist das positiv.

Jäger sehen Raubtiere als Konkurrenten

Von der Walliser Flora und Fauna spricht Theler mit einer fast grenzen­losen Begeisterung und Zärtlichkeit. Er ist ein Naturbotschafter, wie man ihn sich kaum besser ausdenken könnte. Als Ranger bietet er Führungen an und ini­tiiert Biodiversitätsprojekte. Seine Frau Myriam, die für ihn die Büroarbeit er­ledigt, hört «Biodiversität» und «sensi­bilisieren» so häufig, dass sie eine Art Allergie entwickelt hat. «Ich vertippe mich immer bei diesen Wörtern», erzählt sie schmunzelnd.

Als Jäger sieht Theler den Wolf etwas ­weniger wohlwollend. Viele Jäger empfinden Grossraubtiere als Konkurrenten. In Thelers Jagdgebiet gab es bisher keine Wölfe, aber Luchse. Als Folge wurden nur noch halb so viele Rehe geschossen. «Wir jagen zusammen mit den Raubtieren», sagt Theler diplomatisch. Er weiss aber, dass sich viele Kollegen ärgern, wenn sie rund 1300 Franken jährlich für ihr Jagdpatent bezahlen, zwei Wochen Ferien nehmen und dann keinen Erfolg haben. Dass die Jagd der Regulierung des Wilds und nicht dem Wohl der Jäger dient, rückt in den ­Hintergrund.

Theler sagt, manch ein Jäger würde wohl abdrücken, liefe ihm zufällig ein Wolf vor die Flinte. Prominente Jäger wie etwa Christophe Darbellay, der ehema­lige Präsident der CVP Schweiz, sagten solches öffentlich, obwohl ein Abschuss strafbar ist. Gewildert wird regelmässig: 2016 wurden im Wallis und im Bündnerland zwei Wölfe illegal geschossen. Die Täter wurden bisher nicht gefunden.

Christian Theler (Bild: Sedrik Nemeth)

Quelle: Getty Images
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Ein indirekter «Biodiversitätskiller»

Am emotionalsten wird Theler, wenn er über die Schafe seines Sohnes spricht. Dabei skizziert er eine lokale Kultur­geschichte, die von der Urbarmachung der Wildnis und dem entbehrungs­reichen Leben der Vorfahren handelt. Er beginnt bei der letzten Eiszeit und schliesst mit den Hobbybauern, die ­heute mit viel ­Liebe ihre Schwarznasenschafe pflegen.

An diesem Punkt wird auch Myriam lauter. Sie kommt aus einer Schafzüchterfamilie, eben hat der gemeinsame Sohn die Herde seines Grossvaters übernommen. In den schönsten Farben schildert Christian Theler die Bräuche rund um das offenbar tief in der Bevölkerung verankerte Schäfertum.

Der Wolf sei ein indirekter «Biodiversitätskiller», findet er. Weil viele Schafhalter wegen des Wolfs die Schafzucht aufgäben, vergandeten Alpwiesen und -weiden, die Artenvielfalt schwinde. Der Wolf gehört für Theler ­offenbar nicht zu dieser Biodiversität.

Fehlt der Herdenschutz?

David Gerke kennt die Situation vor Ort. Der Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, der «politischen Stimme der Grossraubtiere», war als Schafhirte auf Walliser Alpen tätig. Nicht der Wolf, ­sondern fehlender Herdenschutz sei das Problem. «Die Schafhalter sind meist Hobbybauern mit kleineren Herden.» Für sie seien die Schutzmassnahmen zu kostspielig. Erst ab Herden von 300 Schafen lohne es sich, einen Hirten samt Herdenschutzhund anzustellen. «Es müssen Alpen zusammengelegt werden.»

Gerke kennt die Argumente, die ­gegen den Herdenschutz im Wallis ­sprechen, und hält faktenreich dagegen. Dass der Herdenschutz funktioniere, zeige sich im Bündnerland: Dort würden etwa gleich viele Schafe wie im Wallis gesömmert, Risse gebe es aber bedeutend weniger. Die Zahlen relativieren ­zudem das Problem der Wolfsrisse: Schweizweit verbringen jährlich 230'000 Schafe den Sommer auf der Alp. Rund 4000 sterben «natürlich», etwa durch Abstürze oder Krankheiten. Dem Wolf zum Opfer fallen 200.

Quelle: Getty Images

«Die Fronten sind so verhärtet, dass nicht mehr anständig diskutiert wird.»

Christian Theler, Förster und Jäger

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Für manche Naturschützer ist der Wolf eine Ikone der wilden Natur, für Bergbauern und Jäger ein Dämon. Das poli­tische Seilziehen wird andauern: «Die Fronten sind so verhärtet, dass nicht mehr anständig diskutiert wird.» Immerhin glaubt Theler, der Herdenschutz werde sich auch im Wallis durchsetzen. «Die jungen Schäfer sind offener dafür.»

Auch sein Sohn Elia will entsprechende Massnahmen ausprobieren. Es besteht Hoffnung, dass sich das Wallis und der Wolf doch noch anfreunden.