Insekten? «Lästig!» – «Gruusig!» – «Gefährlich!» Thomas Marent weiss um das schlechte Image von Mücken, Käfern, Faltern, Wespen, Wanzen oder Grashüpfern. Aber er hält dagegen: «Insekten sind wunderschön – diese Formen, diese Farben!» Marent muss es wissen. Kreucht und fleucht es irgendwo, schaut kaum jemand so genau hin wie der 54-jährige Wildtierfotograf aus dem Aargau.

Er nimmt die sechsbeinigen Viecher aus nächster Nähe vor die Linse, um ihre versteckte Schönheit zu zeigen. Ihr Leben spiele sich zu weiten Teilen im Verborgenen ab, sagt Marent. «Und bekommt man sie doch mal zu Gesicht, kann man vieles an ihren Körpern mit blossem Auge gar nicht erkennen. Diese feinen, fragilen Details will ich hervorholen.»

Käfer und Co. sind bei näherer Betrachtung nicht nur schön, sondern auch nützlich: Sie sind die akribischen Arbeiterinnen, die die ökologischen Systeme am Laufen halten. Insekten bestäuben drei Viertel aller wichtigen Kulturpflanzen. Auch tragen sie massgeblich zur Fruchtbarkeit der Böden bei, indem sie Bakterien, Pilze, abgestorbene organische Substanzen oder den Kot von grösseren Tieren fressen und zersetzen. Schliesslich sind sie selber Nahrung für etliche andere Lebewesen.

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Marents Schlussfolgerung lautet: «Insekten sind die wahren Helden der Natur!» Diese Hommage steht in seinem neuen Bildband. Über 350 Makrofotografien zeigen die faszinierende Welt der Insekten, kurze Texte liefern Hintergrundinformationen.

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«Die schönsten Insekten der Schweiz» ist das zehnte Buch des Mannes, der Maschinenmechaniker lernte, sich aber schon als Jugendlicher mehr für die Natur und die Fotografie begeisterte. 1990 reiste er nach Australien, um Englisch zu lernen, verbrachte dort aber mehr Zeit mit der Kamera im tropischen Regenwald als auf der Schulbank.

«Damals hat es klick gemacht», sagt der Fotograf. Seither ist die Wildtierfotografie Marents Passion und sein Beruf. Das Erstlingswerk über den Regenwald, Spätfolge jenes australischen Sommers, erreichte eine Auflage von 300'000 Stück und wurde in 16 Sprachen übersetzt.

Beobachten schärft den Blick

Nebst der Fotografie erstellt Thomas Marent für verschiedene ökologische Institutionen Monitorings von Tagfaltern, Heuschrecken und Libellen. Das sei ein gutes Training. «Es schärft den Blick, um auf meinen Streifzügen durch die Natur die oft winzigen, gut getarnten Insekten besser zu erkennen.»

Gute Tierfotografie entstehe erst, wenn man unterschiedliches Know-how kombiniere. Das fototechnische Wissen – Zusammenspiel von Blende, Verschlusszeit und Schärfentiefe, das Gefühl für die Bildkomposition, den Hintergrund, das richtige Licht – mit dem biologischen Wissen: Wo hält sich welche Art bevorzugt auf? Um welche Tageszeit zeigt sie sich am ehesten?

Eine exakte Wissenschaft könne die Wildtierfotografie jedoch nie sein, erst recht nicht beiden kleinen Insekten. «Viele Motive im Buch sind durch zufällige Begegnungen entstanden. Es braucht auch Glück, im richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, um ein Tier zu entdecken», sagt Thomas Marent. Gefragt seien ausserdem Ausdauer, eine Portion Perfektionismus und Talent. «Das optimale Bild muss man sich erarbeiten. Dabei bin ich eigentlich ein eher ungeduldiger Mensch.»

Über 100 ausgestorbene Arten

Mit geschätzten 5,5 Millionen unterschiedlichen Arten stellen die Insekten vier Fünftel aller Tierarten auf der Welt. Etwa 30'000 Arten gibt es in der Schweiz, schätzen Entomologen. Untersucht sind längst nicht alle. Aber auch so wissen die Insektenkundler: 40 Prozent davon gehören gemäss der Umweltorganisation Pro Natura zu den «gefährdeten Arten». Und von mindestens 163 Insektenarten weiss man, dass sie hierzulande ausgestorben sind.

Besonders bedenklich ist, wie schnell das Insektensterben Insekten Das stille Sterben voranschreitet. Innerhalb von bloss drei Jahrzehnten wurden in verschiedenen Gebieten die Insektenpopulationen um bis zu 75 Prozent dezimiert, schreibt Pro Natura. Betroffen sind insbesondere die landlebenden Tiere.

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Der Anwalt der Insekten

Die Hauptschuld an dieser Entwicklung trägt aus Sicht von Thomas Marent die intensive Landwirtschaft mit dem Einsatz von Pestiziden. Dazu komme, dass der Natur generell zunehmend Raum genommen werde.

Manchmal zieht es ihn zurück an die Waldränder seines Heimatorts Fislisbach, wo er als Jugendlicher mit der Kamera reichlich Sujets eingefangen hatte. «Heute ist da weniger Vielfalt und mehr verbaut, alles wurde aufgeräumt und zurechtgestutzt. Dabei brauchen Insekten genau das Gegenteil: Unordnung.»

Mit seinen Bildern wird Thomas Marent, der Beobachter der Insekten, zum Anwalt der Insekten, daraus macht er keinen Hehl. «Mein Buch soll aufrütteln.» Schaut her, all dieses Schöne und Nützliche ist gefährdet!

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

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