Endlich gibt die Schöllenenschlucht den Blick frei – auf eine Grossbaustelle. Inmitten der Urner Bergwelt ragen Kräne in den Himmel, im Dorfkern duckt sich die Kirche hinter dem siebenstöckigen Rohbau des Hotels Chedi, dem künftigen Prunkstück des Tourismusresorts von Investor Samih Sawiris. Kein Zweifel: In Andermatt stehen alle Zeichen auf Aufbruch.

«Höchste Zeit, dass hier etwas geht», brummt Benno Nager. Er gehört zu den führenden Köpfen in Sawiris’ Schlepptau, die den behäbigen Ort im Urserental touristisch umpflügen und in eine andere Liga katapultieren wollen. Als Projektleiter ist Benno Nager dafür zuständig, das Andermatter Skigebiet mit jenem von Sedrun zu verbinden und mit 17 neuen Liften für 130 zusätzliche Pistenkilometer auszustatten.

Auch Hans-Peter Gilgen ist so etwas wie ein Projektleiter. Doch während der Urner Nager gleichsam als Mittelstürmer spielt, kämpft der Berner Oberländer Gilgen zuhinterst in der Abwehr: Er will verhindern, dass die Lifte des Skigebiets auf der Grimmialp stillstehen. Deshalb sucht der pen­sio­nierte Betriebsökonom zurzeit frisches Geld und verhandelt mit Gläubigern, damit diese auf ihre Forderungen verzichten.

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Zwei ertragsschwache Saisons hatten genügt, um die Kasse der Bergbahnbetreiber, die nach dem Neubau eines Sessellifts ohnehin nicht mehr üppig gefüllt war, endgültig zu leeren. So ist es in diesen Herbst­tagen lauschig und ruhig im letzten Zipfel des Diemtigtals. Dass es in der bevorstehenden Wintersaison noch genauso sein könnte, «mag ich mir lieber gar nicht erst ausmalen», sagt Hans-Peter Gilgen.

Quelle: Oliver Lang
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Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Präparieraufwand für ein Skigebiet während einer Wintersaison (110 Tage). Der Strom- und Wasserverbrauch variiert stark, da die Effizienz bei der Herstellung von Schnee von der Technologie, dem Alter und der Kapazität der Beschneiungsanlage sowie von der Topographie und den lokalen Temperaturen abhängt.

Der Anteil an mit Kunstschnee präparierten Pisten nimmt stetig zu

Quelle: Oliver Lang
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Maximale Transportkapazität aller Schweizer Bergbahnen in Personen pro Stunde (hin und zurück)

Quelle: Oliver Lang

Durch die Schweizer Bergbahnen beförderte Personen, pro Wintersaison

Quelle: Oliver Lang
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Anteil der Wintersaison am gesamten Verkehrsertrag der Bergbahnen, unterteilt nach Tourismusregionen

Quelle: Oliver Lang

«Skifahren gehört nicht mehr zur DNA»

Der Vorwärtsstratege aus Andermatt und der Strukturerhalter von der Grimmialp sind symptomatisch für den Scheideweg, vor dem in der Schweiz viele Skiorte stehen: Wer im Wettbewerb bestehen will, muss gross werden – oder läuft Gefahr, von der touristischen Landkarte zu verschwinden.

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Wie viel dabei auf dem Spiel steht, verdeutlichen Zahlen. Gemäss der Dachorganisation Seilbahnen Schweiz beförderten die insgesamt 1774 Trans­portanlagen im letzten Winter trotz Schneemangel rund 26 Millionen Skifahrer und generierten einen Verkehrsertrag von 801 Millionen Franken. Hinzu kommt ein bedeutender Multiplikationseffekt, denn die Seilbahnen als treibender Faktor der touristischen Wertschöpfungskette lassen auch in anderen Sparten die Kassen klingeln. Damit wird klar: Was auf den Pisten läuft, ist für die wirtschaftliche Prosperität ganzer Re­gio­nen von entscheidender Bedeutung.

Klar ist aber auch: Grösser wird der Kuchen nicht mehr – und jede Des­tination will sich ein ausreichendes Stück sichern. Die Marktsättigung erklärt der St. Galler Tourismusprofessor Christian Laesser zum einen damit, «dass das Skifahren nicht mehr zur DNA der Schweizer Bevölkerung gehört». Zum anderen dürften die Abkühlung der Weltwirtschaft sowie der starke Franken der Branche weiter zusetzen. Bereits letztes Jahr reisten markant weniger europäische Gäste an, um über Schweizer Hänge zu carven. Und die kommende Saison wird für etliche Skistationen zur Nagelprobe. Das Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Basel Economics jedenfalls wird Anfang November seine bis jetzt noch halbwegs optimistische Wintertourismuspro­gnose «deut­lich nach unten korrigieren», wie Analyst Christian Hunziker ankündigt.

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Das hindert in Andermatt Benno Nager nicht, weiter mit grossen Zahlen zu kalkulieren. Sein Powerplay fasst der Verantwortliche der Skigebietserweiterung in griffige Eckwerte. «Mit weniger als 450'000 Ersteintritten pro Saison lässt sich nicht genügend Geld generieren, um ein anständiges Resort rentabel zu betreiben», sagt er. Heute setzt Andermatt etwa 180'000 Tageskarten ab, auf der anderen Seite des Oberalppasses, in Sedrun, sind es 270'000. Wenn sich die beiden Gebiete zusammentun, müsste durch die Attraktivitätssteigerung fast eine Verdoppelung drinliegen, rechnet der 55-Jährige vor – total 800'000 Eintritte jeden Winter.

Wie viele öffentliche Gelder darfs kosten?

«Leute am Lift!», «Frequenzen!»: Das ist die Essenz der Geschäftsphilosophie des gebürtigen Andermatters, der 30 Jahre in den USA Skiarenen realisierte, ehe er in sein Heimatdorf zurückkehrte, um hier in neuen Dimensionen zu denken. Andermatt brauche eine Rundumerneuerung, um als Wintersportdestination konkurrenzfähig zu sein, ist Benno Nager überzeugt: «Ganz – oder bald gar nicht mehr.» Die heutigen Gäste seien anspruchsvoll, man müsse ­ihnen ein Komplettprogramm bieten. ­Bezogen auf das Skigebiet, heisst das: ­«Moderne Transportanlagen, viele Pisten, verschiedene Varianten, Beschneiung, Res­taurants und Sonne.» Mit den veralteten Liften und der ungünstigen Anlage der Pisten im heutigen Skigebiet sei kein Staat mehr zu machen. Und nur das Bestehende zu sanieren, das sei nicht nachhaltig, aber trotzdem teuer – und für Investoren un­interessant: «Die wollen doch nicht bloss ausbügeln, was vernachlässigt wurde, sondern nach vorne schauen, ausbauen.»

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Blickt Nager selber nach vorne, sieht er den Dezember 2013: Dann sollen die ersten neuen Lifte in Betrieb gehen. Nun laufen die Verhandlungen um die Finanzierung des Vorhabens, das im Vollausbau 200 Millionen Franken kostet. Wichtigster Gesprächspartner ist die schwedische Firma Skistar, ein Big Player der Branche, der eine Absichtserklärung abgegeben hat, in Andermatt einzusteigen. Daran gekoppelt ist die Frage, wie viele öffentliche Fördergelder aus der Neuen Regionalpolitik ins Projekt fliessen sollen; laut Businessplan geht es dabei um bis zu 88 Millionen.

Eine Bremswirkung könnten die Einsprachen haben, die Umweltverbände beim Bundesamt für Verkehr eingereicht haben. Projektleiter Nager nimmt die Einwände ernst, aber sie bringen ihn nicht um den Schlaf. «Schliesslich sind wir seit zwei Jahren daran, alle Stakeholder einzubinden», sagt er mit seinem amerikanisch gefärbten Urner Dialekt. Bezüglich Umwelt habe man bereits Konzessionen gemacht, so Nager. Den Vorwurf des Gigantismus relativiert er: Von den 17 Liften seien eigentlich nur drei in neuem Gebiet – jene, die vom Gütsch aus die Verbindung nach Sedrun sicherstellen. Er nennt sie «Beschäftigungslifte». Das ist Fachjargon und entspricht der Denkweise: Beschäftigungslifte sind An­lagen, die so gut frequentiert sind, dass sich mit ihnen richtig Geld verdienen lässt.

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Die Geheimtipps für Familienferien

Über hohe Berge hinweg und 90 Kilometer Luftlinie Richtung Westen, auf der Grimmialp, gilt noch die althergebrachte Philosophie: Skilifte sind Mittel zum Zweck, um in einem abgelegenen Tal überhaupt Geschäfte machen zu können. Für Godi Erb, den Inhaber des örtlichen Sportgeschäfts, begann die bevorstehende Saison bereits im letzten April. Er kaufte auf Vorrat ein wie immer: Skier, Bindungen, Stöcke und Schuhe, dazu Snowboards, um zum Winteranfang für Käufer und Mieter genug Ausrüstung bereitzuhaben.

Bisher ist Erbs Rechnung stets aufgegangen. Denn die Grimmialp kann auf ein Stammpublikum zählen, das die Vorzüge der kleinen, feinen Station zu schätzen weiss: Ein Übungslift gleich hinter dem Sportladen, eine Sesselbahn und noch ein Schlepplift mit überraschend langen Pisten, zwei Restaurants, bezahlbare Ferienwohnungen, eine Eisbahn – so sehen Geheimtipps für Familienferien aus.

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Doch seit die Bahnbetreiber im Sommer die Bilanz deponierten, sorgt sich Godi Erb, dass er auf seinem rund 50'000 Franken teuren Einkauf sitzenbleibt – denn es ist ­alles andere als gewiss, dass diesmal genügend Kundschaft kommt. Erb ist ein Glied in der lokalen Wertschöpfungskette, die auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist, dass sich Sessel und Bügel bewegen.

«Wenn die Bahn nicht fährt, zieht das einen Rattenschwanz von Problemen mit sich», sagt Hans-Peter Gilgen. Der Finanzfachmann im Ruhestand wohnt seit Jahren im Diemtigtal – und er skizziert ein Untergangsszenario: «Ohne Skigebiet werden die Ferienwohnungen nicht vermietet, die Restaurants machen zu wenig Umsatz, die Bauern verlieren ihren Nebenverdienst. Dann wird die Postautolinie mangels Auslastung eingestellt, die Kinder können nicht mehr mit dem Bus nach Erlenbach zur Schule. Deshalb werden Familien wegziehen, das Tal überaltert.»

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Doch man kämpft darum, dass das hintere Diemtigtal eine Zukunft hat. Gemeinsam mit Einheimischen setzt Hans-Peter Gilgen alle Hebel in Bewegung, damit auf der Grimmialp die Lifte weiterfahren. Immer mit dabei: Martin Wiedmer, Bergbauer und Gemeinderatspräsident. Er war eben frisch gewählt, als vor sechs Jahren die neue Grimmialpbahn den alten Schlepplift ersetzte. Das Motto damals: Das Projekt ist die einzige Chance, um mit der Konkurrenz mitzuhalten. Doch der Neubau war ein finanzieller Kraftakt. Eine halbe Million Franken steuerte die Gemeinde Diemtigen als Darlehen bei, je 250'000 Franken Bund und Kanton, für den Rest brauchte die Betreibergenossenschaft einen Bankkredit von 400'000 Franken. «Die Anlage war von Anfang an knapp finanziert», sagt Gilgen nüchtern. «Auch wenn der Verwaltungsrat gut gewirtschaftet hat: Das Kapital reichte einfach nicht, um die zwei schlechten Winter seit 2005 zu überstehen.»

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Gilgen und Wiedmer, der Finanzmensch und der Bergbauer, verzeichnen beim Weibeln für einen Neustart erste Erfolge: Die Stimmberechtigten von Diemtigen haben am 19. Oktober beschlossen, das Darlehen der Gemeinde abzuschreiben. Mit den anderen Gläubigern – Bund, Kanton und Hausbank – steht man in Verhandlungen. Verlaufen diese erfolgreich, brauche es noch 200'000 Franken. «Das müssen die Einheimischen aufbringen», sagt Hans-Peter Gilgen. Eine Lösung zeichne sich ab – und jetzt siegt der Optimist über den Schwarzmaler: «An Weihnachten fahren wir!»

Das grosse Schneekanonen-Wettrüsten

Gelingt die Rettungsübung tatsächlich, können sie auf der Grimmialp aufatmen – für wie lange, muss sich weisen. Immerhin wäre schon mehr erreicht als in vergleichbaren Fällen. So geht etwa im Skigebiet Erner Galen im Goms gar nichts mehr, seit die dortigen Sportbahnen 2008 in die Liquidation geschickt wurden. Mit fatalen Folgen für die Station: Die Gästezahlen brachen auf fast die Hälfte ein, Beizen mussten schliessen, Junge wanderten ab. Kürzlich hat auch noch der britische Investor, auf den die Walliser alle Erwartungen setzten, aus wirtschaftlichen Gründen die Reissleine gezogen und ist abgesprungen.

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Ähnliche Szenarien laufen auch in Hospental UR oder Oberwald VS ab, wo mehr Hoffnung als Glaube herrscht, die Lifte noch einmal zum Laufen zu bringen. Das Problem war überall eine zu dünne Kapi­taldecke. Denn das Ski-Business zeichnet sich durch hohe Investitions- und Fixkosten aus – da können Umsatzschwankungen schnell zum Kollaps führen. Zukunftsaussichten all dieser Orte als Tourismusdestination: stark bewölkt. Auch die Experten verbreiten wenig Hoffnung. Es gebe klar Überkapazitäten an Skisportanlagen in den Schweizer Alpen, sagt der Bündner Touristiker Stefan Forster; «Rückbauten sind unumgänglich» (siehe Artikel zum Thema «Das grüne Skigebiet – das wäre doch ein Hit!»).

Das Gegengift, das fast reflexartig auf den Plan kommt, weil es seine Wirksamkeit bei Vorzeigeprojekten wie Flims-Laax-Falera schon bewiesen hat, heisst Fusion. Wer kann, klammert sich aneinander – und das geschieht in einer Branche, die lange vom Gärtchendenken geprägt war, momentan mit seltener Intensität.

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So haben die Walliser Stationen Zinal und Grimentz ihre Heirat für den Wonnemonat Mai 2012 fix beschlossen, Andermatt plant sie mit Sedrun auf 2013, Disentis will später mit den beiden eine Ménage à trois eingehen, «weil Disentis nur dann überhaupt wahrgenommen wird», so der Bergbahn-Verwaltungsratspräsident Heinz Schumacher. Und auf der Lenzerheide werden derzeit die Hochzeitseinladungen verschickt: Am 27. November entscheiden die Stimmberechtigten in der Standort­gemeinde Vaz/Obervaz über die angepasste Nutzungsplanung, die die Grund­lage für eine Verbindung mit dem Skigebiet von Arosa bildet. Die Aroser stimmten dem lange gehegten Vorhaben bereits beim letzten Anlauf 2008 zu; aus Vaz kam damals aber ein Nein.

Nun soll es ein leicht modifiziertes Projekt richten. Das Bündner Amt für Raumplanung ist dafür Feuer und Flamme: Ein grosses, vielfältiges Pistenangebot sei «für die Wettbewerbsfähigkeit von Winterdestinationen absolut zentral», teilt es in recht unamtlichem Überschwang mit. Der Drang zur Grösse misst sich im internationalen Konkurrenzkampf mit Resorts in Österreich oder Frankreich. Mit neu 225 Pistenkilometern, 43 Bahnanlagen und einer Transport­kapazität über 62'000 Personen pro Stunde könnte das fusionierte Skigebiet Arosa-Lenzerheide im gesamten Alpenraum ins vordere Mittelfeld vorstossen.

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Diese Offensive geht einher mit der Erhöhung der Schneesicherheit – künstlich, versteht sich. Lenzerheide will mittelfristig 45 Prozent seiner Pisten technisch beschneien. Das passt zum allgemeinen Trend: In der Schweiz wurden im Winter 2010 über 79 Quadratkilometer oder rund 36 Prozent der gesamten Pistenfläche mit Kunstschnee präpariert – siebenmal mehr als noch vor zehn Jahren, aber immer noch deutlich weniger als in Österreich (62 Prozent) oder Italien (70 Prozent). Damit folgt die Branche den gestiegenen Komfortansprüchen der Gäste, die Schneesicherheit als Selbstverständlichkeit voraussetzen.

Doch es hat seinen Preis, wenn immer mehr Schneekanonen in Stellung gehen, ökologisch und ökonomisch. Jeder Kilometer Piste, der mit Beschneiungsanlagen ausgerüstet wird, verschlingt im Schnitt eine Million Franken allein für den Bau (siehe vorgängige Grafik). Hinzu kommt der aufwendige Betrieb. Bereits heute verpulvern die Schweizer Bergbahnen etwa einen Drittel ihres Energiebedarfs mit Schnee­kanonen. Immens ist auch der Wasserverbrauch: Für die Beschneiung in Davos beispielsweise werden jährlich 600'000 Kubikmeter Wasser oder 21,5 Prozent des Verbrauchs der Landschaft Davos versprüht.

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Diese nach oben drehende Perfektionsspirale treibt einen weiteren Keil ins Skiland Schweiz, denn viele Destinationen können beim teuren Wettrüsten nicht mithalten. Häufig sind das ausgerechnet jene, die am meisten darauf angewiesen wären, punkto Schneesicherheit technisch nachzuhelfen: Stationen mit einem Grossteil an Pisten unter 1800 Metern Höhe.

Der Schnee wandert immer weiter hinauf

Wie stark diese voralpinen Skiorte von den Auswirkungen der globalen Klima­erwär­mung betroffen sind, weist die eben erst von der Universität Bern publizierte Studie «Der Schweizer Tourismus im Klima­wandel» aus. Gab es etwa zwischen 1948 und 1987 in Höhenlagen von 800 bis 1300 Metern noch durchschnittlich 55 Schnee­tage pro Winter (mindestens 30 Zentimeter Schnee), so waren es 1988 bis 2007 nur noch deren 32. In den Höhenlagen von 1300 bis 1800 Metern reduzierte sich die Zahl von 93 auf 74 Schneetage (mindestens 50 Zentimeter).

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Bedenklich ist die Entwicklung auch bezüglich der Schneesicherheitslinie. Diese ist an die Zunahme der Temperatur gekoppelt: Nach Faustregel steigt die Schneefallgrenze pro Grad um 120 bis 150 Höhenmeter. Da die Erwärmung im Alpenraum tendenziell stärker ausfällt als im globalen Mittel, gehen die Berner Forscher aufgrund neuster Klimamodelle davon aus, dass die Schneesicherheitslinie in den nächsten 20 Jahren um 200 bis 250 Meter ansteigen wird. Konsequenz, falls diese Temperaturzunahme um etwa zwei Grad tatsächlich eintrifft: Von den heute 164 Schweizer Skigebieten würden nur noch 129 als schneesicher gelten, hätten also gemäss Defini­tion an mindestens 100 Tagen eine 30 Zentimeter dicke Schneedecke aufzuweisen. 35 Gebieten würde demnach allein wegen des Klimawandels das Aus drohen.

Von derartigen Rechenspielen hört man im oberen Toggenburg nicht gern. Verständlich, ist die Region um Wildhaus doch wirtschaftlich «zu 40 bis 50 Prozent vom Fremdenverkehr abhängig», schätzt Christine Bolt, die Tourismusdirektorin. Kernstück ist das Skigebiet, das zwischen 900 und 2260 Meter liegt – also in einer kritischen Höhe. Daher stellen sich die St. Galler strategisch darauf ein, dass der Skispass nicht unendlich ist. «Die nächsten 20 Jahre setzen wir noch voll auf den Schneesport», so Bolt. Parallel dazu mache man sich aber Gedanken, wie das Potential der Region, die intakte Natur, «im Sommer für die Gäste besser erlebbar werden kann, damit sie länger als nur einen Tag bleiben». Das Ziel ist gesetzt: weg von der ungesund grossen Abhängigkeit vom Wintergeschäft. Die Toggenburger Bergbahnen verbuchen laut Bolt 70 bis 90 Prozent des touristischen Umsatzes zwischen Dezember und April. Der Schweizer Schnitt liegt bei fast 80 Prozent.

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Weg vom Winter: Am konsequentesten hat diese Metamorphose bisher die Schwyzer Sta­tion Sattel-Hochstuckli durchgemacht. Hier liegen die Sommer- und Wintereinnahmen heute ausgeglichen bei 50 zu 50. Dafür wurde der Spassfaktor kräftig gesteigert: Auf dem knapp 1200 Meter hohen Mostelberg sticht eine farbige Hüpfburg für Kinder ins Auge. Daneben eine Sommerrodelbahn und ganz neu die mit 374 Metern «längste Fussgängerhängebrücke Europas». Hinauf kommt man in bunten Gondeln, die sich langsam drehen – «die erste Drehgondelbahn der Welt», erstellt im Sommer 2005.

In Sattel-Hochstuckli wird gern mit Superlativen gearbeitet. «Jedes Jahr etwas Neues, alle fünf Jahre etwas Grösseres», erklärt Geschäftsführer Mathias Ulrich das Motto. Der Erfolg gibt ihm recht: Vor 20 Jahren stand die Betreibergesellschaft vor dem Ruin, heute ist die Sattel-Hochstuckli AG mit 70 Beschäftigten der grösste Arbeitgeber der Re­gion. Der Ertrag hat sich seit 1992 mehr als verzehnfacht und liegt heute bei jährlich 4,5 Millionen Franken. Dabei sei der Sommer ein «wichtiges Standbein, auf das wir künftig noch mehr setzen», sagt der umtriebige Geschäftsführer. «Wir sind ein klassisches Tagesausflugsgebiet, wollen aber auch Gäste für Übernachtungen gewinnen.» Derzeit wird an einem Familienhotel an der Talstation herumgedacht.

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Ein Disneyland auf jedem Berg?

Das Skigebiet ist klein, drei Lifte, 13 Pistenkilometer – damit kann man nicht mithalten. Aber: «Wir sind die Schmiede für die gros­sen Wintersportgebiete», meint Ulrich selbstbewusst. Ob allerdings jeder ein Disneyland in den Alpen sucht, bleibt dahingestellt. Umweltmanagerin Denise Fussen, die für die Planungs­firma Ernst Basler + Partner die Anpassungsbereitschaft von Skiorten an den Klimawandel untersucht hat, zweifelt: «Wenn überall Rodelbahnen und Seilparks entstehen, droht ein Einheitsbrei. So gräbt man sich gegenseitig die Gäste ab.» Nötig sei vielmehr, dass jede Destination ihr unverwechselbares Profil heraus­schäle, um sich von den Mitbewerbern abzugrenzen.

Sattel-Hochstuckli hat seine Sommernische mit einer bunten Erlebniswelt gefunden. Dennoch wird der Schwyzer Ort immer noch mit dem Winter in Verbindung gebracht: Mit Nadia Styger und Fabienne Suter stammen zwei der zuletzt erfolgreichsten Schweizer Skirennfahrerinnen von hier – darauf ist man stolz im 1600-Seelen-Ort. Fast schon eine Reminiszenz an die Zeiten, als die Schweiz noch eine richtige Skination war.

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Fast 50 Prozent Gefälle
hat die steilste Buckelpiste der Schweiz. Die Piste von Le Pas de Chavanette in Champéry VS, von französischen Skitouristen «Mur Suisse» (Schweizer Mauer) genannt, ist nur gerade einen Kilometer lang, überwindet aber einen Höhenunterschied von 400 Metern.

90'000 Kilowattstunden Strom wird die Solaranlage auf dem ersten Solarskilift der Welt in Tenna GR ab Dezember jährlich liefern. Das reicht für den Liftbetrieb plus für den Bedarf von zwölf Einfamilienhäusern.

15 Kilometer lang ist die längste Schlittelbahn Europas, «Big Pintenfritz». Sie führt vom Faulhorn über die Bussalp nach Grindelwald BE.

Auf 3820 Metern über Meer liegt die höchstgelegene Seilbahnstation Europas – auf dem Klein Matterhorn.

Mit 11 Metern pro Sekunde fährt die schnellste Pendelbahn der Schweiz von Disentis GR (1150 Meter über Meer) ins Skigebiet Caischavedra (1860 Meter).

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Auf 2600 Metern über Meer befindet sich der höchstgelegene markierte Schneeschuhtrail der Schweiz – oberhalb von Bergün GR.

94 Meter hoch ist die höchste Luftseilbahnstütze der Schweiz, Teil der Hohtällibahn in Zermatt VS. Die Rekordstütze besteht aus 9445 Elementen, die von 18'000 Schrauben
zusammengehalten werden.

180 Personen finden in der grössten Schweizer Seilbahnkabine auf zwei Etagen Platz – sie fährt von Samnaun-Ravaisch GR (1778 Meter über Meer) auf die Alp Trida (2500 Meter).

4000 Personen pro Stunde befördern die beiden leistungsstärksten Schweizer Sesselbahnen in Flumserberg SG und Champéry/Crosets VS.

17 Kilometer lang ist die längste Pistenskiabfahrt der Alpen vom Matterhorn­gletscher (3899 Meter über Meer) bis nach Zermatt Dorf. Vollprofis schaffen sie in 10 bis 15 Minuten.