Zur Person

Der Klimatologe Christoph Marty arbeitet seit 2003 am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos, wo er auch lebt. Der 48-Jährige doktorierte an der ETH Zürich und war anschliessend an einer Universität in Alaska tätig. Eines seiner aktuellen Projekte am SLF heisst «HarmoSnow». Dabei geht es um die Harmonisierung der Schneemessung innerhalb Europas. Marty ist Mitautor des Berichts «Brennpunkt Klima Schweiz».

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Beobachter: Bald sind Skiferien. Wohin fahren Sie?
Christoph Marty: Nirgendwohin. Ich ­lebe in Davos, wir haben hier Loipen und Pisten direkt vor der Haustür.

Beobachter: Und was ist mit Ihren Kindern? Wo können die nächsten Generationen noch Ski fahren?
Marty: Das ist eine gute Frage. Unsere Prognosen zielen stets auf den Zeitraum «Ende Jahrhundert». Viele sagen dann, das sei ja so weit weg. Ich entgegne ­ihnen, dass das unsere Enkel erleben werden und teilweise sogar unsere Kinder schon.

Beobachter: Was genau werden sie erleben?
Marty: Dass es weniger Schnee gibt, und das nur noch weit oben. Als Faustregel zur Schneesicherheit würde ich angeben: ab 2000 Metern über Meer. Die Frage ist, ob dann die Leute im Unterland noch Lust aufs Skifahren haben. Man wird in hochgelegene und grosse Skigebiete fahren müssen. Nicht weil gros­se Gebiete mehr Schnee haben, sondern weil sie sich eine flächendeckende Beschneiung leisten können.

Beobachter: In Davos, auf 1500 Metern, war es bis Ende Dezember grün. Finden Sie das noch erschreckend oder schon normal?
Marty: Das ist nicht normal. Wenn man mich vor einem Jahr gefragt hätte, ob dieser Winter wieder so schlecht beginnen würde, hätte ich gesagt: Die Chance ist sehr, sehr klein.

«Ostern wäre das neue Weihnachtsgeschäft.»

Christoph Marty, Klimatologe

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Beobachter: Ihre Erklärung?
Marty: Was wir zum Auftakt dieses Winters erlebt haben, lässt sich nicht nur dem Klimawandel zuschreiben. Es handelt sich um eine unglückliche Kombina­tion: Einerseits war es sehr trocken, anderseits über lange Phasen hinweg wärmer als normal. Wegen der extremen Föhnphase ist heuer aller Schnee, der im November fiel, wieder komplett weggeschmolzen.

Beobachter: Und danach war wochenlang Hoch­druck­wetter ohne einen Tropfen Nieder­schlag. Ebenfalls bloss ein Ausreisser?
Marty: Es gibt Theorien, wonach die trockenen Frühwinter bei uns durch die ­Eisschmelze in der Arktis verursacht sind. Könnte sein, aber sicher wissen wir das nicht. Es ist schon ungewöhnlich, dass wir in dieser Jahreszeit so lange ein blockiertes Hochdruckgebiet haben. Denn global betrachtet, hatte es am 45. Breitengrad bis Ende Jahr fast überall Schnee, ausser in Mitteleuropa. Das heisst, der Niederschlag ist schon runtergekommen, irgendwo müssen sich die Tiefs ja entladen.

Beobachter: Hat die lokale Nieder­schlagsarmut also nichts mit dem Klimawandel zu tun?
Marty: Eher nicht. Wir gehen davon aus, dass die Niederschläge bis Ende des Jahrhunderts im Winter zunehmen. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist einzig das stete Ansteigen der Temperatur gesichert. Über die Entwicklung der Winterniederschläge in den nächsten Jahrzehnten können wir nur spekulieren. Es ist ein ständiges Auf und Ab. In der Klimaforschung gibt es nach wie vor viele Unbekannte.

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Beobachter: Klimaskeptiker argumentieren, dass auch die Wechsel zwischen Wärme- und Kälteperioden normal seien. Wodurch unterscheidet sich die jetzige Erwärmung von früheren?
Marty: Durch den schnellen Verlauf, in dem die Temperaturen ansteigen.

Beobachter: Sie zeigen im neuen Bericht ­«Brenn­punkt Klima Schweiz», an dem Sie mitgearbeitet haben, die Folgen auf. In Bezug auf den Wintersport heisst das, dass sich die Saison drastisch verkürzt. Weshalb?
Marty: Es ist im Grunde simpel: Damit es schneit und damit der Schnee liegen bleibt, muss die Temperatur unter null Grad liegen. Doch der Klimawandel verschiebt die Null-Grad-Grenze nach oben. Daher bleibt aus den Niederschlägen eine kleinere Fläche als Schnee liegen. Die Frage ist, wie viel wärmer es wird und wie schnell. Je nachdem geht man davon aus, dass die Schneesaison bis zum Ende des Jahrhunderts ­sicher vier, vielleicht ­sogar acht Wochen kürzer sein wird. 

Beobachter: Natürliche Schnee­sicherheit wird es gemäss Ihrem Bericht in 70 Prozent der Skigebiete rund um Weihnachten nicht mehr geben.
Marty: Weihnachten liegt am Anfang des Winters, dann hat es per se wenig Schnee. Doch einen Grossteil seines Umsatzes macht der Tourismus über die Festtage. Das beisst sich zu­sehends. Denn nähme man auf die Natur Rücksicht, ist das die falsche Zeit fürs Geschäft. Experten sprechen vom «Christmas-Easter-Shift». Eigentlich müsste man die ganze ­Saison nach hinten verschieben, und ­Ostern wäre das neue Weihnachts­geschäft. Schneesichere Skimonate sind künftig eher Februar, März, April. Das ist das Dilemma der Bergbahn­betreiber: Die maximale Schneemenge in der Höhe liegt erst im April, aber dann machen die Skigebiete zu, weil die Unterländer schon den Frühling spüren und nicht mehr in den Schnee wollen.

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Beobachter: Hören die Touristiker auf die Wissenschaftler?
Marty: Sie sind sicher interessiert an unseren Erkenntnissen, aber es gibt halt Sachzwänge: Ein Skigebietsbetreiber denkt höchstens auf 10 bis 20 Jahre hinaus. Dann haben sich seine Investitionen amortisiert, und ein anderer steht in der Verantwortung. Als Klimatologe denke ich in anderen Zeiträumen.

Beobachter: Noch mogelt man sich in den ­Skigebieten mit Beschneiung durch. Wie lange ist das noch sinnvoll?
Marty: Es gibt Stimmen, die jetzt schon zu Recht fragen, ob das sinnvoll ist. Volkswirtschaftlich ist dies in vielen Fällen zweckmässig, nicht aber betriebswirtschaftlich. Wie lange Kunstschnee noch sinnvoll ist, hängt letztlich von den Ressourcen ab. Um möglichst viel Schnee in kurzer Zeit rauslassen zu können, braucht es genug Wasser aus den Speicherseen. Und um einen Kilometer zu beschneien, muss eine Bergbahn eine Million Franken investieren. Die Physik ist überall ­dieselbe: Über null Grad gibts auf ­natürlichem Weg keinen Schnee. Zwar bekommt man das heute trotz Plusgraden technisch hin, aber das ist ­extrem teuer und energieintensiv. ­Flächendeckend kann man also nicht beschneien. So läuft das Spiel. Das werden sich künftig nur sehr grosse Skigebiete leisten können.

Beobachter: Kleine und tiefergelegene Gebiete haben also keine Chance. Das ist eine düstere Prognose für ein Land, in dem der Winter­tourismus ein namhafter Wirtschaftsfaktor ist.
Marty: Sie haben schlechte Karten, das ist ­sicher. Die kleinen Gebiete in den Vor­alpen haben aber den Vorteil, dass sie bevölkerungsnah sind und flexibel reagieren können. Wie lange ihnen das nützt, ist eine andere Frage.

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Die Schweiz reagiert besonders empfindlich auf den Klimawandel

Ein Netzwerk aus über 70 ­Forschern und Experten hat kürzlich den Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz» vor­gelegt. Er zeigt in einer auch für Laien gut verständlichen Form die zu erwartenden ­Folgen des Klimawandels für unser Land.

Eine der Hauptaussagen der Forscher: Die Schweiz reagiert besonders empfindlich auf die Klimaveränderungen. Seit 1850 stieg hier die Jahresdurchschnittstemperatur um 1,8 Grad Celsius – rund doppelt so viel wie die 0,85 Grad im globalen Mittel. Das hat vielfältige Auswirkungen auf den Natur- und Kulturraum in unserem Land. Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Bericht:

  • Besonders hart trifft es den Wintertourismus. Die Forscher gehen nach jetzigem Wissensstand davon aus, dass am Ende des Jahrhunderts die Schneegrenze um 500 bis 700 Meter höher liegt und die Wintersportsaison um vier bis acht Wochen kürzer ausfällt.
  • Heute schon erkennbar sind die Auswirkungen der Klimaerwärmung am Rückgang der Gletscher. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte der grösste Teil der Gletscher ganz weggeschmolzen sein. Auch der Permafrost im Hochgebirge taut bis in tiefere Schichten auf, vermehrte Felsstürze sind die Folge.
  • Der Rückgang von Schnee und Gletschern als natürliche Wasserspeicher erhöht den Bedarf an künstlichen Speicherseen zur Mehrfachnutzung, also nicht nur zur Stromerzeugung, sondern auch zur Steuerung der Wasserressourcen.
  • Die Wetterextreme mehren sich: Zu erwarten sind längere Hitzeperioden mit Wasserknappheit und Wärmeinseln in den überbauten Städten. Zugleich drohen vermehrte Starkniederschläge, die Erdrutsche auslösen und die Hochwassergefahr verschärfen können.

Die Verfasser zeigen auf, wie die problematischen Folgen des Klimawandels entschärft werden können. Die Emp­fehlungen reichen von der Förderung energieeffizienter Technologien über einen ­klimabewussteren Konsum bis hin zu einer verbesserten Raumplanung, um die Pendelwege zu verkürzen.

Beobachter: Die Erwärmung in der Schweiz ist doppelt so stark wie im globalen Mittel. Wieso reagiert die Alpen­region derart auf den Klimawandel?
Marty: Weil die Erwärmung über den Landmassen stärker ist als über den Ozeanen. In Gebieten, wo Schnee und Eis liegt, treten zudem verstärkende Effekte auf. Wenn eine weisse Fläche dunkler wird, reflektiert sie weniger Sonnenlicht, der Boden nimmt mehr Wärme auf. Das nennt man positive Rückkopplung, es wird noch wärmer. Diesen ­Effekt beobachten wir nicht nur in den ­Alpen. Ganz extrem ist er in der Arktis, wo die Erwärmung gar dreimal so hoch ist wie global.

Beobachter: Könnte man die Erwärmung verlangsamen, wenn man die Berge weiss abdecken würde?
Marty: Ja, über solche Ideen diskutieren ­Ingenieure bereits. Sie denken dabei insbesondere an die Städte, wo die Hitze noch mehr zu spüren ist. Wenn man alle Dächer weiss anstreichen würde, hätte das einen positiven Effekt. Es ist aber fraglich, ob die Kosten und der langfristige Nutzen von solchen Massnahmen übereinstimmen würden. Strate­gien für weniger Emissionen wären langfristig viel kosteneffizienter.

Beobachter: Politisch wurde das Ziel formuliert, die weitere globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Hand aufs Herz: Glauben Sie daran?
Marty: Viele reden sogar von einer Begrenzung auf nur 1,5 Grad – in dieser Hinsicht bin ich sehr pessimistisch. Es geht sehr langsam vorwärts, das ist kaum zu schaffen. Die Zwei-Grad-Marke ist realistischer, es gibt Tendenzen, dass etwas passiert. Es handelt sich dabei aber um eine globale Zielsetzung. Die Begrenzung auf weltweit zwei Grad bedeutet, dass man in der Schweiz mehr tun muss und in der Arktis noch viel mehr. Wir werden sicher Verbesserungen erzielen, aber richtig gut wird es dennoch nicht.

Beobachter: Angenommen, es gelingt trotzdem, die Erwärmung zu stoppen: Wird es je wieder so werden wie früher?

Marty: Nein, denn die Schäden sind irreversibel.

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