Durch die FDP-Basis scheint ein Ruck zu gehen. Diesen Eindruck vermitteln die Ergebnisse der Mitgliederbefragung, die Ende April publik wurde. 77 Prozent der antwortenden Parteimitglieder möchten, dass der CO2-Ausstoss bis ins Jahr 2030 um die Hälfte gesenkt wird. Ähnlich hoch ist die Zustimmung zur Einführung einer Flugticketsteuer.

Das erstaunt, denn die Sympathisanten der FDP sind Vielflieger. Das zeigt eine Auswertung, die exklusiv für den Beobachter erstellt wurde. FDP-Wähler unternehmen pro Jahr durchschnittlich 1,5 Flugreisen. Das ist deutlich mehr als bei den Wählerinnen und Wählern anderer Parteien. Der Schweizer Durchschnitt lag im Jahr 2015 bei 0,9 Flugreisen pro Person. Die Grundlage für die Auswertung entstammt einer repräsentativen Umfrage, die die Forschungsstelle Sotomo 2017 online durchgeführt hat. Befragt wurden fast 2000 Stimmberechtigte im Kanton Zürich.

«Die Auswertung zeigt, dass Fliegen quer durch alle Gesellschaftsschichten sehr populär ist. Kaum jemand ist wirklich flugabstinent», sagt Sotomo-Leiter Michael Hermann. Die politische Einstellung sei aber für das Flugverhalten durchaus relevant. «Wie jemand politisch denkt, hat einen ähnlich starken Einfluss wie etwa das Alter der Reisenden», so Hermann. Hier seien junge Erwachsene die Spitzenreiter.

FDP wird sicher kein Verbot von Flugreisen fordern

«Eine isolierte Betrachtung der Flugreisen sagt wenig über die Ökobilanz einer Person aus. Sie bildet nicht ab, wie diese sonst ihr Leben führt», sagt FDP-Parteipräsidentin Petra Gössi. Letztlich müsse jede Person selbst entscheiden, wie sie ihr Reiseverhalten gestaltet. Die FDP werde sicher kein Verbot von Flugreisen fordern. «Eher braucht es zusätzliche Informationen zu den Folgen und mehr Kostenwahrheit im Flugverkehr, damit sich jede Person besser über die Konsequenz ihres Handelns bewusst wird.

«Klimaschutz betreibt man nicht mit Interviews und Mitgliederbefragungen, sondern mit Taten», stichelt der Präsident der Grünliberalen, Jürg Grossen, gegen die politische Konkurrenz. In Zürich zum Beispiel fordere seine Partei jetzt, dass die Flüge städtischer Angestellter und Behördenmitglieder innerhalb Europas auf ein Minimum reduziert werden.

Die Basis der Grünliberalen schien für solche Beschränkungen zumindest zum Zeitpunkt der Sotomo-Befragung noch nicht empfänglich. Mit 1,2 Flugreisen pro Jahr unterscheiden sich GLP-Wähler kaum von Anhängern der CVP und SVP (beide 1,2) oder der SP (1,1).

GLP-Parteipräsident Grossen möchte dazu nicht viel sagen: «Aufgrund einer Umfrage gebe ich kein Urteil über all unsere Wählerinnen und Wähler ab. Der Flugverkehr ist nur ein Bereich. Auch die Ernährung Biologisch vs. konventionell Kann Bio die Welt ernähren? oder der Energieverbrauch beim Wohnen und der sonstigen Mobilität Mobilität Ist dieses Wachstum noch zu bewältigen? haben einen grossen Einfluss auf das Klima.» Seine Partei befürworte eine Flugticketabgabe. Passagiere sollen damit als Verursacher von Klimaschäden angemessen bezahlen, der Ertrag soll an die Bevölkerung zurückerstattet werden. Zudem verlange die GLP die Wiedereinführung von Nachtzügen ins europäische Ausland.

Freude über die Umfrageergebnisse herrscht dagegen bei den Grünen. Vizepräsident Gerhard Andrey sagt: «Dass die Grünen von allen Parteien am besten abschneiden, ist toll. Damit wird ein bewusst verbreitetes Märchen endlich korrigiert.» In einem parlamentarischen Vorstoss fordern die Grünen auf Bundesebene einen Warnhinweis auf sämtlicher mit dem Flugverkehr in Verbindung stehenden Werbung, analog zu den Warnhinweisen bei Tabakprodukten Rauchen Neue Tricks – alte Lügen .

Flugbegeisterte Grüne in Deutschland

Der Ursprung des «bewusst verbreiteten Märchens» der flugbegeisterten Grünen dürfte eine Studie sein, die 2014 im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft verfasst wurde. Sie fand im Internet grosse Verbreitung. Ihr Ergebnis: Niemand in Deutschland steigt so häufig ins Flugzeug wie die Anhänger der Grünen.

«Auch die Grünen tragen zur hohen CO2-Belastung durch den Flugverkehr in der Schweiz bei», sagt Andrey selbstkritisch. Die Informationen über die schädlichen Folgen des Flugverkehrs müssten deshalb auch bei den Wählerinnen und Wählern der Grünen verstärkt werden.

In der Schweiz verursachte der internationale Flugverkehr Klimakiller Flugzeug Wieso es keine Kerosinsteuer gibt im Jahr 2017 einen CO2-Ausstoss von 5,3 Millionen Tonnen. Das entspricht 13,8 Prozent des gesamten schweizerischen Ausstosses. Weltweit gesehen ist der Anteil des Fliegens tiefer: Bloss etwas mehr als 2 Prozent des vom Menschen verursachten CO2-Ausstosses stammen von Flugzeugen.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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