Nachtrag: Der Wolf ist tot

Auf der Alp Scex im Gebiet Montana-Varneralp erlegten Jäger am Morgen des 11. August einen männlichen Wolf, wie die Walliser Staatskanzlei mitteilte. Die Alp liegt in jenem Gebiet, in der die vom Kanton erteilte Abschussbewilligung Gültigkeit hat.

Eine DNA-Analyse von Bissspuren an in der Gegend gerissenen Schafen ergab, dass sich ein Wolfspaar in der Gegend aufhielt – das war gleichwohl der erste Nachweis einer Paar-Bildung, seit der Wolf in die Schweiz zurück gekehrt ist.

Da die Abschussbewilligung nur für einen Wolf gilt, ist das Wolfs-Weibchen vorläufig sicher. 

Auf einer Walliser Alp im Gebiet Montana-Varneralp hat ein Wolf in den letzten Wochen zwei Rinder getötet und eines verletzt. Nun hat die Walliser Regierung das Raubtier zum Abschuss freigegeben. Laut Gesetz ist das nur in Ausnahmefällen möglich, da der Wolf eine streng geschützte Art ist und sich die Schweiz auch international zum Schutz verpflichtet hat.

Naturschutzorganisationen wie der WWF verurteilen die Bewilligung scharf. Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt (Bafu), erklärt, warum er trotzdem hinter der Abschussbewilligung steht.

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BeobachterNatur: Herr Schnidrig, Sie befürworten die Abschussbewilligung des Kantons Wallis. Warum haben Sie nicht ein Veto eingelegt?
Reinhard Schnidrig: Die Bewilligung scheint uns richtig zu sein. Wir haben letzte Woche in einem Gespräch mit den Walliser Behörden alles genau abgeklärt. Dabei hat sich gezeigt, dass wir im Moment für die Rinder keine effizienten Herdenschutzmassnahmen bereitstellen können. Wir haben mit dem Schutz von Grossvieh noch keinerlei Erfahrung und können nicht einfach die gleichen Herdenschutzhunde einsetzen wie bei den Schafen. Deshalb können wir zurzeit wirklich keinen Wolf gebrauchen, der sich auf Rinder spezialisiert.

BeobachterNatur: Genügt es denn nicht, die Rinderherden zu behirten?
Schnidrig: Die Alpbewirtschafter kooperieren sehr gut und verstärken jetzt die Präsenz auf der Alp. Würden sie nicht bei Herdenschutzversuchen Hand bieten, wäre für uns eine Abschussbewilligung nicht in Frage gekommen. Wir haben in den letzten Jahren zweimal eine Bewilligung abgelehnt, weil sich die Bewirtschafter geweigert haben, bei der Schadensprävention mitzumachen. Man muss aber sehen: Im betroffenen Gebiet im Mittelwallis weiden zurzeit rund 2000 Rinder. Sie sind vor allem nachts unterwegs, um der Hitze und den sie plagenden Insekten aus dem Weg zu gehen. Wir haben zurzeit einfach noch kein geeignetes Konzept für einen wirksamen Schutz all dieser Tiere.

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BeobachterNatur: Es sollen mehrere Wölfe unterwegs sein. Bringt der Abschuss eines einzelnen Tiers überhaupt etwas?
Schnidrig: Wir haben tatsächlich Hinweise, dass es sich um mindestens zwei Wölfe handelt. Ein einzelner Wolf würde wohl ein Rind auch gar nicht angreifen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Attacken nach einem Abschuss aufhören werden. Das Rudel wird kleiner, und die Wölfe werden verjagt.

BeobachterNatur: Der Wolf ist eine national und international streng geschützte Tierart. Entspricht ein solcher Abschuss wirklich dem Gesetz?
Schnidrig: Gemäss dem Schweizer Wolfkonzept werden bei Attacken auf Grossvieh – also nicht auf Schafe – alle Fälle einzeln angeschaut. Wir haben noch keine genaueren Richtlinien entwickelt, weil die Erfahrungen fehlen. Die Abschussbewilligungen entsprechen dem Gesetz und sind im Rahmen von Ausnahmen auch in der Berner Konvention vorgesehen.
Zum Schutzstatus muss angefügt werden, dass der Wolf nur in den Ländern streng geschützt ist, welche keinen Vorbehalt zur Berner Konvention angemeldet haben. Und dies entspricht gerade mal 2 Prozent des europäischen Wolfbestandes. In Osteuropa zum Beispiel leben tausende Wölfe, und dort werden sie auch bejagt. Es ist also nicht so, dass der Abschuss eines Tiers die Population, geschweige denn die Art gefährden würde.

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BeobachterNatur: Aber er gefährdet doch die kleine Schweizer Population von rund zwanzig Wölfen.
Schnidrig: Wir haben in den letzten Jahren elf Abschüsse bewilligt, davon wurden sechs realisiert und fünf Wölfe entkamen. Trotzdem steigen die Wolfsbestände an. Das heisst, wir gefährden die Population nicht. Aber einverstanden, ich bin auch klar der Meinung, dass wir mit den Abschüssen die Schutzziele nicht torpedieren dürfen, das wäre nicht richtig. Der Wolf soll sich längerfristig in der Schweiz etablieren und eine überlebensfähige Population bilden können.

BeobachterNatur: Gemäss Gesetz muss der Schaden «erheblich» sein, damit ein Wolf geschossen werden kann. Sind zwei tote und ein verletztes Rind wirklich ein erheblicher Schaden?
Schnidrig: Ja, wir haben das so beurteilt. Ein Städter versteht das vielleicht nicht, aber wir arbeiten hier mit Bauern zusammen, die sehen das ganz anders. Was genau unter «erheblich» zu verstehen ist, das muss immer in der Praxis geklärt werden, wir gehen da einen pragmatischen Weg. Und bei Uneinigkeit sind es am Schluss sowieso meistens die Gerichte, die solche unbestimmte Rechtsbegriffe definieren müssen.

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BeobachterNatur: Der Bund zahlt den Bauern sämtliche gerissenen Tiere. Warum müssen die Wölfe dann überhaupt abgeschossen werden?
Schnidrig: Es stimmt, der Bund zahlt alle Schäden. Letztes Jahr wurden rund 270'000 Schafe gesömmert, davon wurden rund 300 von Wölfen getötet. Das kostete den Bund etwa 130'000 Franken. Weitere 830'000 Franken, also viel mehr, gaben wir für die Prävention von Schäden aus. Dass daneben auch einzelne schadenstiftende Wölfe abgeschossen werden sollen, entspricht vor allem auch dem Wunsch des Parlaments. Wir, die Behörden, setzen eigentlich nur um, was uns die Politik vorgibt.

BeobachterNatur: Warum klappt eigentlich im Wallis der Herdenschutz nicht?
Schnidrig
: Lange Jahre betrieb das Wallis eine «Politik des Sich-Sträubens». Andere Kantone wie Bern oder Graubünden waren von Anfang an kooperativer. Doch auch im Wallis machen die Behörden und die Alpbewirtschafter immer besser mit. Sie merken jetzt, dass immer mehr Wölfe kommen und Prävention längerfristig viel mehr bringt als einzelne Abschüsse.

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BeobachterNatur: In Italien geniesst der Wolf längst einen Totalschutz. Warum zieht die Schweiz eigentlich nicht mit?
Schnidrig
: In Italien wurde zwar letztes Jahr zwar kein einziger Wolf offiziell abgeschossen. Dafür verschwinden aber zum Beispiel im Piemont 20 bis 30 Prozent der Wölfe jedes Jahr durch Wilderei, oft mit Gift. In der Schweiz hingegen gaben wir letztes Jahr von zwanzig Wölfen drei zum Abschuss frei, einer wurde erlegt. Hinweise auf Wilderei gibt es bei uns keine, auch weil wir aktive Wildhüter haben. Wer macht es also besser, Italien oder die Schweiz?

BeobachterNatur: Wir haben erst zwanzig Wölfe in der Schweiz – eine verschwindend kleine Zahl. Müsste sich das Bafu denn nicht viel stärker für die seltene Art einsetzen?
Schnidrig: Zwanzig Wölfe reichen sicher nicht, da gebe ich Ihnen recht. Deshalb stehen wir auch absolut dafür ein, dass in der Schweiz ein funktionierender Bestand entsteht. Wir machen aber Populationsschutz und nicht Einzeltierschutz.

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