Etablieren Boni eine schädliche Wettbewerbskultur in der Firma? Bild: Getty Images

Firmenkultur«Boni zerstören Vertrauen»

Mit Prämien, Zieldiktaten und Fitnessangeboten will die Führungsetage ihre Leute zu mehr Leistung motivieren. Das Gegenteil passiert, sagt Wirtschaftsphilosoph Reinhard K. Sprenger.

von Gian Signorellaktualisiert am June 07, 2017

Beobachter: Was haben Sie gegen Boni?
Reinhard K. Sprenger: Mit Boni erzeugen Sie eine Strohfeuermotivation mit schädlichen Neben- und Spätwirkungen. So muss das Reizniveau, die Boni, stetig erhöht werden, um den gleichen Effekt zu erzielen. Man erzeugt eine Belohnungssucht: Ohne Cash läuft nichts mehr. Letztlich etablieren Boni eine Wettbewerbskultur in der Firma. Dabei wissen wir: Damit ein Betrieb funktioniert, muss die Belegschaft zusammenarbeiten. Firmen sind Kooperationsunternehmen.

Beobachter: Was heisst das?
Sprenger: Firmen operieren in Märkten, wo Misstrauen und Konkurrenz herrschen. Bis zwei Marktteilnehmer ihre Interessen koordiniert haben und ein Handel zustande kommt, investieren sie viel Zeit und Geld. Märkte sind also Koordinations-Arenen mit hohen Transaktionskosten. Eine Firma arbeitet aber am besten, wenn im Betrieb eine vertrauensbasierte Kooperation ohne Kosten möglich ist. Boni und Zielvereinbarungen ersetzen Vertrauen durch Kontrolle und machen Menschen zu Reiz-Reaktions-Automaten.

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Beobachter: Was ist schlecht an Zielvereinbarungen?
Sprenger: Die Kollateralschäden, die sie verursachen. In bonusbasierten Vergütungssystemen werden einfach lösbare Aufgaben bevorzugt. Alles, was qualitativer Natur ist und eine langfristige Perspektive hat, wird vernachlässigt. Schauen Sie in Ihrer Branche: Tamedia hat Boni für die Klickraten von Artikeln eingeführt. Da muss man sich nicht wundern, wenn Bullshit und Fake News blühen. Motivieren Boni? Aber sicher. Boni motivieren genau zu einem: Boni zu bekommen. Sie zerstören nachhaltiges, auf längere Zeiträume ausgerichtetes Wirtschaften. Und sie führen dazu, dass die Bevölkerung grosse Teile wirtschaftlichen Handelns als nicht mehr legitim ansieht.

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Beobachter: Ihr neustes Buch heisst «Das anständige Unternehmen». Klingt recht altbacken.
Sprenger: Soll es auch. Ich glaube, die meisten spüren sofort intuitiv, was mit dem Begriff Anstand gemeint ist. Ich möchte, dass sie diese Intuition wieder in ihre Arbeitswelt hineintragen. Nach Dürrenmatts Motto: «Sei menschlich, nimm Abstand.» Oder, für die jüngeren Leserinnen und Leser, laut Sting: «Don’t stand so close to me», komm mir nicht zu nahe.

Beobachter: Was meinen Sie damit?
Sprenger: Firmen werden gegenüber ihren Mitarbeitern immer zudringlicher. Sie reden von Identifikation, Commitment und leidenschaftlicher Zielerreichung. Das empfinde ich als unanständig. Früher sagte man: «Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.» Heute will man den ganzen Menschen.

Beobachter: Was soll daran schlecht sein?
Sprenger: Manche Firmen entwickeln sich zu eigentlichen Business-Sekten, die ihre Mitarbeitenden 24 Stunden, sieben Tage die Woche in Beschlag nehmen. Bei Google etwa sollen Angestellte am besten noch in der Firma übernachten. Hier werden aus moralphilosophischer Sicht Grenzen in einer Art verletzt, die nicht akzeptabel ist.

So viel Lohn kassierten die Manager im Jahr 2016

Mario Greco, Zurich
Jean-Paul Clozel, Actelion
Boris Collardi, Julius Bär
Severin Schwan, Roche
Sergio Ermotti, UBS
Joseph Jimenez, Novartis
Paul Bulcke, Nestlé
1 / 10
Severin Schwan, Roche: 15 Millionen Franken. (Quelle: Ethos)
René Ruis/Keystone

Beobachter: Sie schreiben von «Erniedrigungsbürokratie». Was bedeutet das?
Sprenger: Angestellte werden mit Mitarbeiterbefragungen, Zieldiktaten, Feedbackrunden und ähnlichen Instrumenten der Mitarbeiterführung pausenlos vermessen und optimiert. Das ist betriebswirtschaftlich kontraproduktiv, weil Frei- und Denkräume verlorengehen. Das Perfide: Man tut, als stehe das Wohl der Mitarbeitenden im Fokus, während man sie tatsächlich entmündigt und verkindlicht. Auch betriebswirtschaftlich ist das schlecht. Man macht keine neue Firma mit alten Instrumenten.

Beobachter: Wenn Arbeitgeber um die Gesundheit der Angestellten besorgt sind, etwa indem sie ihnen einen Fitnessraum zur Verfügung stellen, ist das doch positiv?
Sprenger: Wir müssen wieder Grenzen setzen. Meine Gesundheit geht meinen Arbeitgeber nichts an. Er hat lediglich dafür zu sorgen, dass ich nicht zu Schaden komme. Was darüber hinausgeht, ist eine unzulässige Grenzverletzung.

«Eine anständige Firma behandelt ihre Mitarbeiter nicht wie Kinder.»

 

Reinhard K. Sprenger

Beobachter: Wie sieht denn das ideale anständige Unternehmen aus?
Sprenger: Es benutzt niemals den Menschen als Mittel, sondern respektiert ihn in seiner individuellen Einzigartigkeit. Eine anständige Firma behandelt ihre Mitarbeiter nicht wie Kinder. Arbeitgeber haben keinen Erziehungs- oder Therapieauftrag, sondern einen Kooperationsvertrag, der auf Ausgleich zielt. Geben und Nehmen müssen in der Waage sein. Erwachsene haben ein Recht darauf, als Erwachsene behandelt zu werden. Alles, was dieses Menschenbild bestätigt, nenne ich anständig. Alles, was dieses Menschenbild in Frage stellt, verletzt den Anstand.

Zur Person

Reinhard K. Sprenger, 63, ist Philosoph, Unternehmensberater und Bestsellerautor. Zuletzt veröffentlichte er «Das anständige Unternehmen» (DVA, 2015, CHF 39.90).

Reinhard K. Sprenger