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Pharmagelder138 Millionen Franken für Spitäler und Ärzte

Letztes Jahr haben 59 Pharmafirmen mit 138 Millionen Franken Spitäler und Ärzte gesponsert. Das ergibt eine Beobachter-Analyse der unübersichtlichen Transparenzliste der Branche.

Transparent gemacht: die kleinen und grossen Gefälligkeiten der Pharmafirmen
aktualisiert am 31. August 2016

Datenbank: So viel Geld nehmen Schweizer Ärzte von der Pharmaindustrie entgegen

Erfahren Sie mit Hilfe unserer gemeinsam mit «Spiegel Online» und dem deutschen Recherchebüro «Correctiv» erstellten Datenbank, welche Schweizer Ärzte und Spitäler wie viel Geld von der Pharmaindustrie entgegennehmen.

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Die Bandbreite ist riesig. Eli Lilly hat Strongbones, dem Pharmadienstleister in Büron LU, 38 Franken für Reisen und Übernachtungen bezahlt. Rund vier Millionen Franken überwies die Firma Merck hingegen auf das Konto der Non-Profit-Organisation Excemed aus Genf. Wofür die Stiftung, die Kongresse und Fortbildungen organisiert, die Gelder erhalten hat, ist unklar. Nachfragen des Beobachters blieben unbeantwortet.

Bei den Ärzten sieht es folgendermassen aus: Der Westschweizer Krebs­spezialist Matti Aapro, tätig an der Waadtländer Privatklinik Genolier, hat von Novartis rund 97'000 Franken an «Beratungs- und Dienstleistungskosten» erhalten, 32'281 Franken davon für Reise und Unterkunft. Aapro reagierte auch auf mehrfache Anfragen des Beobachters nicht. Weit weniger, nämlich Fr. 13.31, hat Otsuka Pharmaceutical aus Glattbrugg einem Chefarzt der Psychiatrie Baselland an Übernachtungs- und Reisekosten bezahlt. Weder die Pharmafirma noch der Arzt können den Betrag erklären.

Ständige Versuchung für Ärzte

Solche Zuwendungen der Pharmabranche an Ärzte sind ein ständiges Streitthema. Der Arzt steht zwischen Hersteller und Patient. Das birgt die Gefahr, dass er nicht nur zum Wohl des Patienten entscheidet, sondern auch im Sinn des Sponsors.

Diesen Generalverdacht will die Pharmabranche nun mit Transparenz entkräften und veröffentlicht erstmals ihre Geldflüsse an Ärzte, Spitäler und andere Institutionen des Schweizer Gesundheitswesens online. Dies aber unzureichend.

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Pharmaindustrie verteilt Millionen

Die Pharmaindustrie hat 2015 in der Schweiz über 80 Millionen Franken an Ärzte, Spitäler und Medizinalfirmen verteilt. Fast die Hälfte davon stammt von Novartis und Roche.

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Ein konkretes Bild der Geldflüsse bekommt man nicht. Wer wissen will, ob sein Hausarzt oder Spital von der Pharmaindustrie Gelder für Reisen oder Kongresse erhält, muss die Informationen online bei den 59 Pharmafirmen mühsam zusammensuchen. Deshalb hat der Beobachter die Angaben jeder Pharmafirma einzeln ausgewertet. Fazit: Diese bezahlten 2015 über 138 Millionen Franken an Akteure des Schweizer Gesundheitswesens. Rund 15,5 Millionen Franken davon gingen an Ärzte und an­dere Fachleute wie Apotheker.

Viele Pharmafirmen tun sich allerdings schwer mit der Selbstdeklaration. So etwa AstraZeneca. Am Stichtag der Publikation fehlten in ihrer Auflistung satte 3,5 Millionen Franken an Zuwendungen.

Datenbank legt Zahlungen offen

Damit die Transparenzaktion mehr wird als nur eine PR-Aktion, hat sich der Beobachter zu einer gemeinsamen Plattform mit dem deutschen Recherchebüro «Correctiv» und «Spiegel online» zusammengeschlossen. In einer öffentlich zugäng­lichen Datenbank kann nun jeder Patient Zahlungen der pharmazeutischen Firmen an Ärzte und andere Fachleute sowie Spitäler und andere Organisationen des Gesundheitswesens nachschlagen. Offengelegt sind folgende Leistungen: 

 

  • Veranstaltungskosten
  • Tagungs- und Teilnahmegebühren
  • Reise- und Unterkunftskosten
  • zusätzliche Spesen wie Taxifahrten
  • Honorare für Referate
  • Beratungsleistungen in Gremien («Advisory Boards»)
  • Spenden und Zuwendungen an Organisationen
  • Gelder für Forschung und Entwicklung

Nicht deklariert sind die Gratisabgabe der Muster verschreibungspflichtiger Medikamente, Rabatte beim Arzneimitteleinkauf und Mahlzeiten bis zu 150 Franken.

«Die Freiwilligkeit ist der Geburtsfehler der Pharmainitiative.»

 

Christiane Fischer, Mezis-Geschäftsführerin

Spitzenreiter unter den Zahlungsempfängern: Excemed und Aapro. Das heisst allerdings nicht, dass diese schweizweit die höchsten Zuwendungen erhalten haben. Sie führen lediglich die Rangliste jener Ärzte und Organisationen an, die sich freiwillig an der Initiative beteiligen, die der Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt haben und damit einen Beitrag für mehr Transparenz leisten. Die Zahl der Ärzte, die ihren Namen nicht veröffent­lichen will, wird nicht aufgeführt. Ebenso bleiben deren Gründe unbekannt.

In der Freiwilligkeit liegt für die Ärztin Christiane Fischer der «Geburtsfehler» der Initiative der pharmazeutischen Industrie. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins «Mein Essen zahl ich selbst» (Mezis), in dem sich 797 Ärzte gegen die Beeinflussung der Pharmaindustrie im deutschsprachigen Raum stark machen.

In der Schweiz zählt der Verein jedoch nur fünf Mitglieder, die auf Einladungen zu Essen oder Fortbildungen mit dem Ziel verzichten, «eine unbestechliche Medizin zu praktizieren – zum Wohle der Patienten und nicht zum Wohle des eigenen Geldbeutels». Eine Zürcher Hausärztin, die ungenannt bleiben möchte, schaffte Distanz zur Pharmaindustrie auf ihre eigene Art: Nach dem letzten Besuch eines Pharmavertreters in ihrer Praxis räucherte sie diese kurzerhand aus.

«Ein Patient muss sich einarbeiten, bis er weiss, ob sein Arzt Geld erhält.»

Jürg Granwehr, Leiter Pharma Schweiz bei Scienceindustries

«Überzeugungsarbeit bei den Ärzten»

Jürg Granwehr, Leiter des Bereichs Pharma Schweiz beim Wirtschaftsverband ­Scienceindustries, verteidigt die Transparenzinitiative: «Die offengelegten Informationen sind aussagekräftig. Ein Patient muss sich aber einarbeiten, wenn er herausfinden möchte, mit wem sein Arzt Kooperationen eingegangen ist und gestützt darauf Gelder erhält.» Europaweit gebe es «beachtliche Einwilligungsraten» zur Veröffentlichung der Geldflüsse, sagt Granwehr. «Das bedeutet auch viel Überzeugungsarbeit bei den Ärzten.» Konkrete Zahlen legt er jedoch keine vor.

Nicht nur Ärzte halten ihren Namen unter Verschluss, auch eine unbekannte Anzahl Spitäler, Ärztevereinigungen und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens wollen nicht namentlich dazu stehen, dass sie Gelder der Pharmaindustrie entgegennehmen. Mehrere Firmen bestätigen aber, dass sie nur dann Sponsoringbeiträge auszahlen, wenn sie die Namen der Geldempfänger veröffentlichen dürfen. Dem Beobachter ist ein Fall bekannt, in dem eine Pharmafirma die Kliniken ­innerhalb eines Spitals nennen wollte, die von den Geldern profitieren, die sie dem Spital bezahlte. Doch die Begünstigten schafften es, sich hinter dem Spital zu verstecken, und blieben anonym.

Datenbank: So viel Geld nimmt mein Arzt von der Pharmaindustrie

Obwohl der europäische Dachverband der Pharmaindustrie, die Efpia, Transparenz versprochen hat, ist eine umfassende Analyse nicht möglich. Dafür haben zu wenig Akteure ihre Daten offengelegt. Rund zwei Drittel der Ärzte verweigerten die Veröffentlichung ihres Namens. Daher kann die Suche nach dem eigenen Hausarzt auch in der Beobachter-Datenbank ohne Ergebnis enden.

Wenn der eigene Arzt in der Datenbank nicht auftaucht, hat er entweder keine Gelder erhalten oder die Veröffentlichung seines Namens verweigert. In diesem Fall muss man direkt beim Arzt nachfragen.

Insgesamt gingen von den 59 Pharmafirmen rund 138 Millionen Franken an Ärzte und andere medizinische Fachleute sowie Institutionen wie Spitäler. Viele Ärzte sehen bei der Fremdfinanzierung weder einen Interessenkonflikt noch die Gefahr, ihre Unabhängigkeit an die Pharmaindustrie zu verlieren. Eine aktuelle Studie aus den USA zeigt aber, dass Ärzte, die Geld von der Pharmaindustrie erhalten, eher Originalpräparate verschreiben als Generika.

Text: Sylke Gruhnwald und Otto Hostettler
Mitarbeit: Céline Graf, Stefan Wehrmeyer («Correctiv») und datalets.ch
Fotos: Franca Candrian/Luxwerk, privat, scienceindustries

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6 Kommentare

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Helen Hänggi
Vergessen Sie nicht, dass wir die Weltbesten Aerzte in der Schweiz haben und diese Kosten kann man nicht ändern, zudem fehlen vor allem auf dem Land die allgemein Praktiker. Das einzige, das mich aber nicht nur bei den Medikamentenpreisen stört ist, dass einiges im Ausland einfach zum halben Preis erhältlich ist obwohl die Schweiz das Produktionsland ist. Weshalb müssen wir hier in der Schweiz für unser eigenes Produkt noch mehr bezahlen als anderswo (siehe Käse etc.). Da finde ich schon, dass mindestens ein kleiner Effort gemacht werden könnte. H.H.

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M Bänninger
Die Erfindung neuer Krankheiten lässt nicht lange auf sich warten. Vor allem in der Psychiatrie. Über ein weltweites Milliardenbusiness mit Psychopharmaka. Hier der Link zum Buch: https://www.amazon.co.uk/T%C3%B6dliche-Psychopharmaka-organisiertes-Leugnen-Pharmaindustrie-ebook/dp/B01A5U8OVG und an dieser Stelle sei auch noch sein zweites Buch erwähnt: https://www.amazon.co.uk/T%C3%B6dliche-Medizin-organisierte-Kriminalit%C3%A4t-Gesundheitswesen-ebook/dp/B00OHOFTHO/ref=pd_sim_351_1/253-2732322-6604467?ie=UTF8&psc=1&refRID=M4QHHVADTTQ55E3XTZP7 Darum sollte der staatliche Zwang zu einer Krankenversicherung Europaweit abgeschafft werden. Die Pharmafirmen reiben sich ja nur die Hände darüber wie man sich in den westeuropäischen Ländern eine goldene Nase verdienen kann an all den Krankenkassen

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Christoph L.
Das eigentliche Problem ist, dass das Gesundheitswesen ein Riesengeschäft geworden ist, das in Wahrheit den Aktienbesitzern der Pharmaindustrie gehört. Daraus ergibt sich eine Abhängigkeitskette: Investment-Pharmaindustrie-Arzt-Patient. Der Investor verangt möglichst hohen Gewinn, also versucht die Pharma Medikamente zu entwickeln, die lebenslang eingenommen werden müssen. Das verspricht hohen Gewinn. Dieser kann noch maximiert werden, indem der Patient möglichst überlebt, ohne Chance auf Heilung. Blutverdünner sind ein Beispiel dafür: Die natürliche Blutgerinnung wird herabgesetzt, damit keine Blutgerinnsel im Blutkreislauf entstehen können. Da der Körper jedoch versucht den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, muss das Medikament ein Leben lang eingenommen werden...

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Noldi
Ein geschickter Schachzug der Pharma-Branche sich eine weisse Weste zu ergattern im Schwarz-Peter Spiel. Mit dieser Selbst-Darstellung unter Beihilfe der Journalisten wird einmal mehr die Ärzteschaft an den Pranger gestellt und die Geschäftsleitungen der Pharma-Industrie die unsere National- und Ständeräte ja auch "sponsern" (z.B. mit fetten Verwaltungsrats-Jobs nach dem Abtritt etc.) bleiben vom Kreuzfeuer des modern "investigativen" Bashing-Journalismus verschont. Es ist zum K... - Wer bringt endlich Lösungen die uns nicht die zukünftige qualitativ hochstehende Versorgung kosten werden wenn wir mal Patienten sein werden? Die Presse, Krankenkassen, Politik und Pharma sicher nicht... Wenn es so weitergeht wird bald keiner mehr da sein der behandeln will und kann...

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