1. Home
  2. Wohnen
  3. Bauen & Renovieren
  4. Haushaltsgefahren: Die gefährlichsten Fallen im Haushalt

HaushaltsgefahrenDie gefährlichsten Fallen im Haushalt

Das Risiko lauert nicht auf der Autobahn, sondern in Haus und Garten: Tödliche ­Unfälle sind zu Hause und in der Freizeit rund fünfmal so häufig wie im Strassenverkehr.

Gerade in vertrauter Umgebung verhalten sich die Menschen oft allzu sorglos und unvorsichtig. Die Folgen sind drastisch.
von

Plötzlich geht alles ganz schnell: Beim Öffnen der Kühlschranktür fällt ein Gurkenglas heraus und zersplittert auf dem Boden. Der Rentner steht gerade barfuss in der Küche. Im Schreck tritt er auf die Scherben und zieht sich eine tiefe Schnittwunde an der Fusssohle zu. In der Notaufnahme muss er sie mit ein paar ­Stichen nähen lassen.

Jahr für Jahr verunfallen Zigtausende Schweizerinnen und Schweizer in den ­eigenen vier Wänden. Manchmal ist wie beim Pechvogel im Beispiel eine Verkettung misslicher Umstände der Grund. Oft ist es schlicht fehlende Aufmerksamkeit. Die Opfer verbrennen sich an der Herdplatte, schneiden sich an Blechdosen, rutschen in den Socken auf der Holztreppe aus, vergiften sich mit Lösungsmittel, ­werden vom Hund gebissen oder stolpern unglücklich über die Teppichkante.

Vermeintlich harmloses «Umhergehen in Haus und Garten» gilt gemäss Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) als häu­figste Ursache für Unfälle im Haushalt. Die meisten Missgeschicke passieren in Wohn- und Schlafzimmern, gefolgt von Garten – ­inklusive Swimmingpool – und Küche.

Gerade in vertrauter Umgebung verhalten sich die Menschen oft allzu sorglos und unvorsichtig. Man steigt fürs Fensterputzen aufs Fensterbrett oder missbraucht aus Bequemlichkeit einen Bücherstapel als Leiter. Die Folgen sind drastisch: Gemäss einer Hochrechnung der BfU verletzen sich jährlich rund 550'000 Menschen zu Hause und in der Freizeit. Die meisten von ihnen zwar nur leicht. Aber fast 19'000 erleiden eine schwere Verletzung, und rund 1100 werden nach dem Unfall invalid. Mehr als 1700 Personen sterben sogar an den Folgen von Unfällen zu Hause und in der Freizeit – das sind mehr als fünfmal so viele wie im Strassenverkehr.

Wie breit die Palette von Haushalts­unfällen ist, weiss Christian Gmür, stellver­tretender Chefarzt im Notfallzentrum der Klinik Hirslanden in Zürich. Keine Seltenheit sind junge Männer und Frauen, die sich mit dem Rüstmesser in die Hand­fläche stechen. Oder Hobbygärtner, denen der Rasenmäher einen oder gleich meh­rere Finger abgetrennt hat.

Obacht beim Basteln mit der Schere

In seiner über zehnjährigen Tätigkeit auf verschiedenen Notfallstationen hat Gmür ausserdem zahlreiche Patienten behandelt, die sich beim Basteln mit der Schere verletzten. Oder bei Stürzen: Sie führen oft zu Brüchen der Unterarme oder der Beine. Auch Rissquetschwunden am Kopf sind häufig die Folge von Stürzen. Ein Gang zum Arzt ist aus Sicht des Notfallmediziners auch bei tieferen, verschmutzten Schnitten oder Quetschverletzungen ratsam. So ist sichergestellt, dass die Wunde professionell gespült und desinfiziert wird, damit es keine Infektionen gibt. Bei dieser Gelegenheit schadet es auch nicht, den ­Tetanusimpfschutz zu überprüfen.

Im Übrigen gilt gemäss Christian Gmür der Grundsatz: «Leidet man nach einem Haushaltsunfall unter starken Schmerzen, die nach einer halben Stunde nicht besser werden, konsultiert man am besten einen Arzt.»

Mehr als 50 Prozent der Verunfallten ­erleiden Stürze. Von denen, die 2010 nach einem Unfall im Haushalt und in der Freizeit starben, waren über drei Viertel gestürzt (siehe Grafik ­«Todesursachen»). Das höchste Gefahrenpotential hat ­dabei gar nicht der Sturz aus der Höhe. Viel öfter stürzen Leute ebenerdig, etwa über ­eine Falte im Teppich. Stürze auf gleicher Ebene sind dreimal häufiger als Stürze beim Klettern. Ein Grund mehr, auf ab­stehende Teppichkanten, rutschige Böden oder Türschwellen zu achten. Mit gezielten Präventionsmassnahmen liessen sich viele Haushaltsunfälle vermeiden.

Wenn das Handy beim Duschen klingelt

Robert Nyffenegger von der Beratungs­stelle für Unfallverhütung kennt viele Beispiele von fatalen Misstritten: den Sturz, weil die Kellertreppe des Einfamilienhauses auf einer Seite mit allerlei Ware belegt war. Oder den Fall, als ein Mann zu schnell aus der Badewanne stieg, weil während der Dusche das Handy klingelte. In der Hektik verrutschte der Badezimmerteppich, der Mann stürzte.

«Oft sind sich die Menschen auch der Gefahren nicht bewusst, wenn sie mit Geräten und Maschinen arbeiten», sagt Robert Nyffenegger. Sonst hätte sich wohl auch der folgende Unfall mit einem Elek­tro­rasenmäher nicht ereignet: Das hohe Gras hatte den Mäher verstopft und das Messer gestoppt. Der Hobbygärtner griff in den Rasenmäher, ohne den Stecker zu ziehen, und verletzte sich an den Fingern, als das Messer wieder in Bewegung kam.

Haushaltsunfälle passieren unabhängig vom Alter: Gemäss BfU-Zahlen waren 2010 alle Altersgruppen vertreten. Stark betroffen waren Kinder bis 16 und die Gruppe der 46- bis 64-Jährigen. Und ab 65 steigt die Gefahr, sich bei einem Sturz zu verletzen, nicht nur an, die Stürze haben dann auch häufiger tödliche Folgen.

Für Rentner sind Präventionsmass­nahmen daher besonders wichtig, erklärt ­Sicherheitsberater Robert Nyffenegger: «Dazu zählen technische Mittel wie etwa gleitfeste Bodenbeläge. Aber auch die Verbesserung von Kraft und Gleichgewicht durch Übungen ist eine wichtige Sturz­prävention.»

Senioren überschätzen sich leicht

Die Sturzgefahr darf man im letzten ­Lebensdrittel keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Notfallmediziner Christian Gmür betont, dass Stürze mit zunehmendem Alter schwerwiegend sein können: «Ein Oberschenkelhalsbruch kann für ältere Menschen lebensbedrohliche Konsequenzen haben. Die Folgeerkrankungen nach einem Unfall, der einen unbeweglich macht, sind nicht zu unterschätzen.»

Das Problem sei, dass sich Menschen ab 65 gern kräftemässig überschätzen. Der Klassiker sei der Sturz von der Leiter beim Kirschenpflücken. Ein morscher Ast kann zur gefährlichen Falle werden.

Im Grunde müsse jeder für sich selbst Verantwortung übernehmen, so Christian Gmür. «Aber bei einem 65-Jährigen ist der Sturz von einer Leiter einfach viel gefähr­licher, als wenn jemand 30 ist.»

Unfallprävention: Das Zuhause sicherer machen

Stolperfallen eliminieren
Gefahr Nummer eins im Haushalt ist das Stürzen. Die grössten Stolperfallen sind Teppiche: Wenn die Kanten abstehen oder die Teppiche rutschen, ist das Risiko besonders gross. Versehen Sie Teppiche ­immer mit einer rutschfesten Unterlage.

Eine solide Leiter benutzen
Steigen Sie keinesfalls auf Bücher­stapel, wacklige Stühle, Fensterbretter oder ähn­liche labile Steighilfen. Benutzen Sie stattdessen immer eine gute Leiter. Rangieren Sie alte, klapprige Leitern aus. Eine gute Leiter ist stabil und steht auf rutschfesten Füssen. Es gibt heute Fensterputzgeräte mit langem Stiel, die das Fensterreinigen auch ohne Leiter ermöglichen.

Rutschgefahr minimieren
Handläufe an Treppen, Haltegriffe im Bad und rutschfeste Badewannenmatten ­sorgen nicht nur bei Senioren für mehr ­Sicherheit. Kümmern Sie sich sofort um nasse (auch seifige) Stellen auf dem ­Boden. So verringern Sie die Rutschgefahr. Rutschfeste Hausschuhe tragen mehr zur Trittsicherheit bei als Socken. Wenn schon Socken, dann solche mit rutschfesten Gumminoppen auf der Sohle.

Die Treppe nicht zur Gefahr werden lassen
Achten Sie auf sichere Bedingungen im Treppenhaus: Dazu gehört vor allem eine gute Beleuchtung. Vermeiden Sie es, auf den Stufen Gegenstände wie Pflanzen oder ­Schuhe zu deponieren, sie können zu Stolperfallen werden. Achten Sie immer darauf, wohin Sie treten. Gewöhnen Sie sich an, den Wäschekorb so zu tragen, dass er Ihnen nicht die Sicht verdeckt.

Ordnung halten und sich Zeit nehmen
Wer Ordnung hält, stolpert weniger. ­Verräumen Sie Besen, ­Eimer, Bügelbretter, Staubsauger und Kabel nach Gebrauch. In der Hektik wird man schnell unachtsam. Nehmen Sie sich genügend Zeit für langwierige Hausarbeiten, etwa um Fenster oder Küchenschränke zu putzen.

Brandschutz und Giftschrank
Lassen Sie Kerzen und den angeschalteten Herd nie unbeaufsichtigt und rauchen Sie nicht im Bett. Kleinkinder nehmen gern ­einen Schluck des nach Zitrone riechenden Reinigungsmittels. Verhindern Sie ­diese Vergiftungsgefahr, indem Sie alle Putzmittel, Medikamente oder Kosmetika in verschlossenen Schränken aufbewahren, wenn im selben Haushalt kleine ­Kinder leben.

Die eigenen Kräfte richtig einschätzen
Lassen Sie anstrengende Hausarbeiten wie etwa Fensterputzen oder Rasenmähen sein, wenn Sie zu müde dazu sind oder sich nicht fit genug fühlen. Holen Sie sich falls nötig Hilfe bei der Hausarbeit und überschätzen Sie sich nicht. Kräftigungsübungen für Senioren helfen zudem, im Haushalt länger selbständig zu bleiben und Unfälle zu vermeiden.

Senioren-Übungsprogrammen für den ­Alltag

Weitere Infos

Informationen zur Unfallvermeidung liefern die Sicherheitstipps der Beratungsstelle für Unfall­verhütung: www.bfu.ch. Die meisten Tipps können als Broschüre bei der BfU bestellt werden, auch unter der Telefonnummer 031 390 22 22.

Veröffentlicht am 28. Oktober 2013