Wäre die Welt so wie in Tilla Künzlis Fantasie, würden an Basler Fassaden Salate wachsen und auf Dächern Kräuter spriessen. In den Strassen, durch die wir spazieren, stünden Apfelbäume statt Platanen. Es würde nach Himbeerblüten duften, Brombeeren oder Johannisbeeren. An jeder Ecke gäbe es Natursnacks. Basel wäre ein einziger Gemüsegarten. Ein Schlaraffenland.

Landwirtschaft soll Städte erobern

Die Kunstschulabgängerin redet sich von Vision zu Vision, von Projekt zu Projekt, mit dem Frühlingswind in eine grüne Zukunft. Sie ist 29, Kopf und Sprachrohr von «Urban Agriculture Basel», einem Verein, der mehr will als bloss ein Schrebergarten-Revival und urbanes Gärtnern. Darum «Agriculture» statt «Gardening», Landwirtschaft statt ein bisschen In-der-Erde-Buddeln. Es geht um globale Zusammenhänge; Bevölkerungswachstum, Ressourcenknappheit, Klimawandel.

Auf diese Strassen angewandt, bedeutet das: mehr Äcker in Innenhöfen, auf Terrassen, Dächern. Mehr lokal anbauen und ernten. Der Verein ist erst fünf Jahre alt, hat aber schon 1000 Mitwirkende und mindestens ebenso viele Anfragen im Jahr. Sie kommen auch aus England, aus der Slowakei oder gar aus China. Die ganze Welt will wissen, wie Basel sich in eine «essbare Stadt» verwandelt.

Anzeige

Der Verein bündelt 45 lokale Projekte

Tilla sieht aus wie eine Elfe und spricht mit einer feinen, fast schüchternen Stimme. Wenn sie die Erfolgsgeschichte von «Urban Agriculture Basel» erzählt, wirkt sie jedoch sicher und ein bisschen stolz. Der Verein wurde 2010 vom emeritierten Basler Ökonomieprofessor Isidor Wallimann gegründet; heute sind in ihm 45 auto­nome Projekte zusammengeschlossen, die von Anbau über Verarbeitung bis zum Konsum sämtliche Bereiche abdecken. Da werden nicht nur Tomaten angepflanzt, sondern auch Medizinalpflanzen. Bienen produzieren Stadthonig, es gibt Stadtwein und Stadteingemachtes.

Eines der Projekte heisst «Keinkaufswagen»: Wo Grünflächen fehlen, können Kräuter oder Gemüse in mobilen Gartenbeeten spriessen. Wir treffen die umfunktionierten Einkaufswagen an der Burgunderstrasse 16 an. Und tatsächlich sieht die Erde darin aus, als hätte ein Anwohner sie gerade geharkt. «Frisch gejätet, vorbereitet für den Frühling», sagt Tilla und streicht mit einem zufriedenen Lächeln darüber. Die Wagen sind ihre Abschlussarbeit im Kunststudium. «Inzwischen gibt es in Basel 180 Stück und 30 in anderen Schweizer Städten», sagt sie.

Anzeige
Quelle: Gerry Nitsch

Gefragt: Mehr als ein grüner Daumen

Obwohl Tilla jede freie Minute der urbanen Landwirtschaft widmet, zieht sie erst jetzt in eine WG mit Garten. Ihre Hände sehen nach Büro statt Unkraut aus, und auch die Wangen sind eher blass als gerötet von frischer Luft. Sie ist mehr Denkerin als Pflanzenflüsterin, mehr Strippenzieherin als Gärtnerin.

Aber ein grüner Daumen allein reicht eben nicht aus, um den Urban-Gardening-Hype in eine städtische Lebensmittelstrategie zu überführen. Es braucht Ideen, Sitzungen, Konzepte und Papierkram wie das Fundraising-Konzept für die Permakulturtage in Tillas Rucksack. «Sollte heute noch raus», sagt sie vor der Post und hebt entschuldigend die Hände. Vor unserem Treffen musste sie es fertig schreiben, nachher ist die Sitzung des Demeter-Konsumentenvereins, am Wochenende hält sie einen Workshop.

Anzeige
Quelle: Gerry Nitsch

Fruchtbare Oase mitten in der Stadt: der Gemeinschaftsgarten Landhof in Kleinbasel.

Quelle: Gerry Nitsch
Anzeige

Tilla ist in Basel, Berkeley und Seattle aufgewachsen, als Tochter eines Umwelt­wissenschaftlers und einer Künstlerin. Nicht zu lange duschen, nicht mehr als 18 Grad warm heizen – das war Alltag bei Familie Künzli. Eigentlich wollte sie ­damals Greenpeace-Aktivistin werden. Aber die hohe See, die halsbrecherischen Aktionen, «so mutig bin ich nicht». Dafür gibt es andere grüne Tupfer in ihrer Biografie: der Naturspielplatz im verwilderten Familiengarten in Kalifornien, die end­losen Weiten des amerikanischen Westens, die ihr Denken prägten. «In der Schweiz ist klar, was man macht und was eben nicht. Es braucht mehr Kraft, um auszubrechen.»

Geprägt von Erfahrungen in den USA

Das tut Tilla gern, zumindest ein bisschen. Mit sorgfältig ausgeflipptem Look etwa; viel Schwarz, Leggings, die eine Socke ist grün, die andere lila. Sie stöckelt in selbstbemalten Stiefeletten Richtung St.-Johanns-Ring und erzählt von der Kultur der Masslosigkeit, die ihr in den USA mit der Zeit zu schaffen machte. Die rie­sigen Autos, die übergrossen Por­tionen im Restaurant, die fetten Menschen.

Anzeige

Die Heimkehr war dann aus mehreren Gründen ein «Zur richtigen Zeit am richtigen Ort»-Moment: 2009, Isidor Wallimann war gerade dabei, «Urban Agri­culture» aufzubauen. Und Tilla fand nach sechs Seattle-Jahren Mission, Hobby, Freunde, Rolle, Funktion, Wertschätzung – und Beruf: Nebst einem 30-Prozent-Job im Eventmanagement arbeitet sie voll für den Verein, vor allem ehrenamtlich.

Pause im Café Rosenkranz. Tilla bestellt Orangensaft, den es heute nur aus der Flasche gibt. «Welche Marke?», will sie wissen. «Michel», sagt der Kellner. Sie schüttelt den Kopf. «Tomatensaft?», bietet er als Alternative. «Nein, danke.» So geht das hin und her, weil Tilla das Grosse auch im Kleinen kontrollieren will: Sie isst nur lokal, wenn möglich urban, mit Sicherheit zu 100 Prozent Demeter-Bio. Keine Süssgetränke, kein Kaffee, wenig Alkohol. Fleisch gibt es rund zehnmal im Jahr, und beim Grossverteiler kauft sie gar nie ein.

Anzeige

Visionen kollidieren mit Widrigkeiten

«Urban Agriculture Basel» will nicht nur den nachhaltigen Anbau von Gemüse und anderen Nutzpflanzen fördern. Es geht auch darum, die Menschen zusammenzubringen. Essen ist ohnehin eine soziale Sache, so soll es auch bei der Produk­tion der Nahrungsmittel sein. Bei den Projekten machen Schüler mit, Studenten, Senioren, Menschen aus allen Schichten und Kulturen. Dieses Miteinander soll etwa im interkulturellen Garten stattfinden, den sich Tilla mit einer Sozialarbeiterin ausgedacht hat: Einmal die Woche kümmern sich die Bewohnerinnen eines Asylbewerberinnenheims mit einer Gärtnerin um den Garten. Zur Erntezeit oder zum Kochkurs werden die Quartierbewohner eingeladen und Brücken zwischen den Kulturen geschlagen.

Ausgezeichnete Idee, wenn nur der Enthu­siasmus bei allen gleich gross wäre. Als wir um 18.20 Uhr den Pflanzplatz vor dem Betonbau erreichen, Mittlere Strasse 37, sind alle da – ausser die Mi­grantinnen. Eigentlich sollte von 17 bis 19 Uhr Hand angelegt werden. Visionen ­lassen sich eben nicht immer so leicht umsetzen. Immerhin: Das Feld ist bestellt worden.

Anzeige

So auch beim Generationengarten, wo Alt und Jung gemeinsam anpacken. Tilla arbeitete die Idee für einen «essbaren Garten» aus, die Senioren aber wünschten sich vor allem Zierblumen – importierte, in der Regel mit Pestiziden behandelte Sorten. Diesen Clash der Erwartungen musste Tilla erst einmal verdauen. Heute ist ihr klar: Am wichtigsten sind die Bedürfnisse der Gartenbetreiber.

Quelle: Gerry Nitsch

Die Hausfassade als Gemüsegarten

Solche Rückschläge hindern die Aktivistin aber nicht daran, gross zu denken. Unterwegs zum Bahnhof tätschelt sie mal eine Fassade – «hier könnte man Salat direkt ab Wand ernten» –, mal kritisiert sie einen «nutzlosen» Zierpflanzentopf. Sie erzählt, wie man für Basel ein neues Pflanzen­konzept ausarbeiten und auf andere Schweizer Städte übertragen könnte; Do-it-yourself-Ernährung im ganzen Land.

Anzeige

Es sind die kleinen Dinge, die Tilla Künzli wieder in die Realität holen: Bereits ist es nach 19.30 Uhr, Hunger macht sich bemerkbar. Die Bioläden haben aber alle geschlossen, und ein gutes Take-away gibt es in dieser Gegend nicht. Was nun? Die Welt retten kann manchmal ganz schön anstrengend sein.

Links zum urbanen Gärtnern