Beobachter: Frau Sturm, wie sieht Ihre Wohnumgebung aus?
Ulrike Sturm: Mein Mann und ich wohnen mit unseren zwei Kindern mitten in Luzern. Wir haben uns hier eine ähnliche Umgebung wie in Berlin gesucht, wo wir vorher gelebt haben. Ich schätze vor allem die multikulturelle Nachbarschaft, den Kontakt zu Menschen, denen ich in meinem beruflichen Alltag eher nicht begegne. Zudem bietet das Quartier alles, was wir brau- chen: eine gute Infrastruktur mit Schulen, Läden und Vereinen etwa. So können unsere Kinder schon früh selbständig unterwegs sein.

Beobachter: Müssen Sie auch Abstriche machen?
Sturm: Klar, es ist etwas lärmig, und es gibt nicht viel Grün. Anderseits ist Luzern so klein, dass wir schnell draussen in der Natur sind. Eigentlich haben wir – wie viele Schweizer Stadtbewohner – «den Fünfer und das Weggli».

Beobachter: Wählen die Leute ihren Wohnort bewusst nach der Wohn- und Lebensqualität aus?
Sturm: Ja, jeder sucht das, was er sich diesbezüglich wünscht. Welche Präferenzen im Vordergrund stehen, hängt stark von der sogenannten Lebensstilgruppe ab. So zieht es viele junge Familien immer noch von der Stadt in die Agglomeration. ältere Leute hingegen ziehen mit Blick auf die Wohn- und Lebensqualität häufig bewusst zurück in die Stadt.

Beobachter: Gibt es allgemeine Merkmale, die erfüllt sein müssen, damit die Menschen mit ihrem Wohnumfeld zufrieden sind?
Sturm: Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die passen müssen. Die Gewichtung hängt aber von den eigenen Präferenzen ab. Dabei gibt es immer einige Punkte, die nicht verhandelbar sind. Für mich wären das etwa die Infrastruktur im Quartier und der öffentliche Verkehr. Bei jemand anderem ginge es vielleicht um den Garten. Zu den allgemeinen Punkten, die stimmen müssen, gehören das Verhältnis von Wohnkosten und Einkommen, die Wohnfläche, die Infrastruktur, die Nachbarschaft, die Lärmbelastung und die Identifikation mit dem Ort. Gerade die Nachbarschaft ist hierzulande ganz wichtig. Man pflegt ein gutes Verhältnis zueinander, schätzt aber auch eine gewisse Privatheit.

Beobachter: Wie prägt uns die Gesellschaft?
Sturm: So wie wir als Kinder aufwachsen, wollen wir häufig auch als Erwachsene wohnen und leben. Dabei werden landestypische Merkmale weitergegeben: Bei den Schweizern ist beispielsweise das Ruhe- und Rückzugsbedürfnis sehr gross. Dafür sind wir auch bereit, Mehrkosten beim Wohnen in Kauf zu nehmen. Eine Karte des Verkehrslärms ist deshalb immer auch ein Abbild der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung: Wo es ruhig ist, wohnen vor allem Schweizer, an den lauten Strassen die ausländischen Bevölkerungsgruppen. Nach meinen Beobachtungen ist das aber nicht nur eine Frage des Geldes und der Verfügbarkeit geeigneter Wohnungen – je nach kultureller Herkunft ist die Toleranz gegenüber Lärm im Wohnumfeld einfach wesentlich grösser.

Beobachter: Welche Rolle spielen die Wohnkosten bezüglich Lebensqualität?
Sturm: Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wenn beispielsweise über die Wohnungsnot in Zürich gesprochen wird, geht es eigentlich nicht nur darum, dass es zu wenige Wohnungen gibt, sondern auch darum, dass die Wohnkosten für Teile der Bevölkerung zu hoch geworden sind.

Beobachter: Viele junge Familien träumen vom freistehenden Einfamilienhaus. Es reicht aber oft nur für ein Reihenhaus mit kleinem Garten. Bleibt da nicht ein Stück eines Lebenstraums auf der Strecke?
Sturm: Die meisten schaffen es, ihr unmittelbares Umfeld den Wünschen entsprechend einzurichten, also die Grösse des Hauses, seine Einteilung oder die Gestaltung des Gartens. Das hat eine Umfrage unseres Instituts bei Familien gezeigt, die ihr Haus gerade frisch bezogen hatten. Was die Leute hingegen unterschätzen, sind die Effekte, die mit dem Umzug aufs Land verbunden sind: Dort muss eigentlich fast immer eine Person zu Hause sein, um das Anwesen zu pflegen, die Versorgung sicherzustellen und den Familienbetrieb logistisch aufrechtzuerhalten. Vor dem Kauf eines Hauses schaut man aber höchstens, ob es vor Ort eine Schule gibt, aber nicht wie die Kinder selbständig in den Fussballklub oder in den Ballettunterricht kommen.

Beobachter: Und was sind die Motive von Familien, die lieber in der Stadt wohnen möchten?
Sturm: Ich vermute, die Hauptursache ist ein verändertes Familienmodell. Wenn beide Partner arbeiten, braucht es eine gewisse Infrastruktur, die nur eine Stadt bieten kann.

Beobachter: Bauland wird in der Schweiz knapper. Die Verdichtung bestehender Quartiere gilt als Rezept für die Zukunft. Viele Menschen sehen dadurch aber ihre Lebensqualität gefährdet. Zu Recht? D
Sturm: ie meisten Menschen haben generell Angst vor grossen Veränderungen in ihrem Wohnumfeld. Dies betrifft auch – aber nicht nur – Verdichtungsprojekte. Und bei verschiedenen Bauvorhaben der letzten Jahre konnte man beobachten, dass die Veränderungen für die Bewohner zu gravierend waren. Das gilt nicht nur für Projekte privater Investoren, sondern auch für Baugenossenschaften, die ganze Siedlungen einfach abrissen und hofften, neue Architektur schaffe eine neue Lebensqualität. Dieses Vorgehen wird aus meiner Sicht zu Recht kritisiert.

Beobachter: Wie könnte man es besser machen?
Sturm: Bevor man ein Quartier verdichtet, muss man herausfinden, warum die Leute gerne dort wohnen. Das können identitätsstiftende Elemente wie etwa die Anordnung der Gebäude oder der Freiraum, aber auch das Niveau der Mieten sein. Solche Elemente dürfen nicht einfach verschwinden. Meist liegt die Lösung darin, einen Teil der Bauten stehen zu lassen und zu sanieren. Andere Häuser wiederum können durch neue mit höherer Dichte ersetzt werden. Wichtig ist am Schluss der richtige Mix.

Beobachter: Meist hört man, sanieren sei zu teuer.
Sturm: Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Sanierung oft auch ökonomisch sinnvoll ist – zum Beispiel, weil man keine Tiefgarage erstellen muss, die bei Neubauten häufig nötig ist.

Beobachter: Was sind die Themen der Zukunft?
Sturm: Die Schweiz bietet eine sehr hohe Wohn- und Lebensqualität. Aber auch die Ansprüche sind gewachsen. Alles, was den Standard beeinträchtigt, wird künftig grosse Diskussionen auslösen – etwa Wohnungen, die bei gleichbleibender Zimmerzahl weniger Fläche haben. Ein weiteres Thema sind Einfamilienhäuser ausserhalb von Städten, die viel Bauland erfordern. Hier braucht es Alternativen. Wir konnten kürzlich in einer Studie zeigen, dass Mehrfamilienhäuser so gebaut werden können, dass sie ähnliche Qualitäten bieten wie ein Einfamilienhaus. Das wäre eine Lösung für ländliche Gebiete und würde den Landbedarf um die Hälfte senken.

Ulrike Sturm, 48, ist seit 2010 Leiterin des Bereichs «Living Context» im Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) an der Hochschule Luzern. Das CCTP erforscht die Interaktion zwischen Mensch und gebauter Umwelt. Die Schwerpunkte von Ulrike Sturms wissenschaftlicher Arbeit liegen in den ­Bereichen Nachhaltigkeit, Quartierentwicklung sowie Wohn- und Lebensqualität. ­Ulrike Sturm hat Architektur, Philosophie und Germanistik studiert.

www.cctp.ch

Quelle: Franca Pedrazzetti