Bambus gilt als die neue grüne Wunderpflanze: Er wächst schnell, ohne chemische Hilfsmittel, und ist damit ein vielversprechender Rohstoff für Konsumgüter wie Textilien, Möbel und Kosmetika. Insbesondere Textilhersteller vermarkten Bambus als umweltfreundliche Alternative zur Baumwolle. Der Handel preist die «Superfaser» als «seidenweich», «saugfähig», «atmungsaktiv» und «temperaturausgleichend»: Eigenschaften, die den höheren Verkaufspreis rechtfertigen sollen. Doch der angebliche Mehrwert ist äusserst fraglich: Das «grüne» Bambus-Shirt besteht nämlich meist aus gewöhnlicher Viskose, sprich Kunstfaser.

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, spricht in diesem Fall von «bewusster Irreführung». Das Endprodukt habe praktisch nichts mehr mit dem Ausgangsstoff gemein. «Das ist, wie wenn man die Vorzüge von Erdbeerjoghurt vermarkten würde, obschon der Joghurt nur noch kleinste Spuren von Erdbeeren enthält.»

Umweltschädliche Stoffe

Tatsächlich wird der Rohstoff, die Bambuszellulose, im Viskoseverfahren chemisch-technisch so verändert, dass ein neues Produkt entsteht, das sich mit dem Basisstoff kaum noch vergleichen lässt. «Man könnte irgendeine Zellulose so verarbeiten, zum Beispiel aus Buchenholz, und das Resultat wäre stets dasselbe», sagt der stellvertretende Berner Kantonschemiker Urs Ackermann. Ausserdem entstehen beim aufwendigen chemischen Verfahren Stoffe, die teils umweltbelastend und giftig sind.

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Immerhin: Nicht alle Bambustextilien sind aus Kunstfasern hergestellt. Es gibt vereinzelt auch solche aus echter, spröder Naturfaser, die sich mit Leinen oder Kokos vergleichen lässt. Doch auch hier ist ein aufwendiges Verfahren nötig, um die kratzige Textur in feines Tuch zu verwandeln. Als einziger Hersteller weltweit verarbeitet die Luzerner Firma Litrax natürliche Bambusfasern: in einem Hightech-Verfahren mithilfe von Enzymen ohne den enormen Einsatz von Chemikalien wie im Fall der Bambus-Viskose, die grösstenteils von chinesischen Chemiefirmen produziert wird.

Die Unterscheidung von Natur- und Kunstfaser ist für Laien praktisch nicht möglich. «Dafür bräuchte es ein Mikroskop», sagt Marcel Halbeisen, Textiltechniker bei der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa). Gesetzlich vorgeschrieben ist die Kennzeichnung in der Schweiz nicht, es existieren lediglich Richtlinien.

Bei Ginetex, der Arbeitsgemeinschaft für Textilkennzeichnung, auf die sich Anbieter wie Migros berufen, ist Bambus unter den knapp 50 aufgeführten textilen Rohstoffen nicht einmal zu finden. «Echte Bambusfasern kommen selten vor», sagt Geschäftsführer Rolf Langenegger. «Korrekterweise müssten die meisten Anbieter ihre Bambustextilien als ‹Viskose› kennzeichnen, ohne den Zusatz ‹Bambus›.» Dass sie es nicht tun, führt Langenegger auf Marketingüberlegungen zurück: «Das grüne Image des Bambus verkauft sich einfach besser.» Auf Anfrage bei Migros heisst es, man wolle «künftig auf das Prädikat ‹Natürlichkeit› verzichten».

Augenwischerei

Auch Coop will «jegliche Irreführung gänzlich ausschliessen» und deshalb das Etikett mit der Aufschrift «nature? yes!» bei Bambus-Viskose-Artikeln «per sofort» entfernen, so Sprecher Nicolas Schmied.

Reine Augenwischerei sind die bei Bambustextilien gern gebrauchten Verkaufsargumente wie «atmungsaktiv» oder «antibakteriell». «Atmungsaktiv ist im Prinzip jedes Gewebe, das Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben kann, auch ein Polyester-T-Shirt», erklärt Empa-Experte Marcel Halbeisen. Speziell antibakteriell wirkten Kunstfasern aus Bambuszellulose nicht.

Bleibt die Frage nach der Ökologie. Aussagekräftige Studien zum Bambusanbau liegen noch keine vor. Bambus schneide aber «verglichen mit Baumwolle im Anbau eher besser ab», sagt Felix Meier, Leiter der Abteilung Konsum und Wirtschaft beim WWF. Gründe dafür sind der hohe Pestizideinsatz und der immense Wasserverbrauch auf den Baumwollplantagen. Hingegen sei Bambus energieintensiver in der Verarbeitung.

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Dem kritischen Konsumenten bleibt indes nichts anderes übrig, als beim Kauf darauf zu achten, dass der Bambus aus einem FSC-zertifizierten Wald stammt. Dann fällt zumindest die Ökobilanz günstiger aus.