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Felix Wolffers«Wir müssen verhindern, dass sich Leute ausgenutzt fühlen»

Die Stadt Bern verzichtet auf die Dienste privater Integrations- und Sozialfirmen. Dafür unterstützt sie Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose einstellen.

Felix Wolffers leitet seit 2009 das Stadtberner Sozialamt. Zudem präsidiert er seit Mai zusammen mit Theres Frösch die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).
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Beobachter: Hunderte von Firmen ­bieten in der Deutschschweiz Arbeitsplätze und Integrationsmassnahmen an, die von Sozialämtern finanziert werden. Nicht so in Bern. Überlassen Sie die Langzeitarbeitslosen ihrem Schicksal?
Felix Wolffers: Im Gegenteil. Wir engagieren uns besonders stark für ihre Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Wir lagern diese Aufgabe aber nicht an Drittfirmen aus.

Beobachter: Warum nicht? Offenbar ist das ja für ­Gemeinden eine günstige Variante…
Wolffers: Wir haben die Sozialfirmenidee auch geprüft, uns aber dagegen entschieden. Damals waren grosse Firmen wie die Dock-Gruppe ein Thema. Sie bieten vor allem Industrie-Arbeitsplätze an. Mehrere Gründe haben dagegengesprochen. Weil Ausgesteuerte sehr unterschiedliche Defizite und Stärken haben, macht es aus unserer Sicht wenig Sinn, sie zusammen in einer Fa­brik­halle arbeiten zu lassen. Es können und wollen nicht alle das Gleiche tun. Hinzu kommt, dass es in der Re­gion Bern kaum Industrie hat. Es wäre ­wenig motivierend, den Ausgesteuerten Fähigkeiten zu vermitteln, für die es auf dem ersten Arbeitsmarkt ­gar keine Stellen mehr gibt.

Beobachter: Und wie versucht Bern, die Leute wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen?
Wolffers: Wir haben drei Kategorien von Ausgesteuerten, die wir jeweils unterschiedlich unterstützen. Dieses Modell gilt im ganzen Kanton, der die Massnahmen auch finanziert. Die Gemeinden sind natürlich frei, darüber hinaus ­eigene Projekte zu entwickeln. Die Personen der ersten Kategorie sollten gar nicht bei uns sein, weil sie genügend fit sind für den ersten Arbeitsmarkt. Für sie bauen wir auch keine eigenen Betreuungsstrukturen auf. Weil sie aber nicht so einfach eine Stelle finden, bieten wir Arbeitgebern Zuschüsse für das Einarbeiten an. Während maximal sechs Monaten bezahlen wir 40 Prozent des Lohns. Arbeitgeber erhalten den Zuschuss aber nur, wenn sie die Person dann auch regulär anstellen. So verhindern wir, dass die Leute kurzfristig als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden.

Beobachter: Was machen Sie mit Leuten, denen die Quali­fikationen für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt fehlen?
Wolffers: Das ist die zweite Kategorie. Es wäre schlecht, diese Menschen einfach als subventionierte und unqualifizierte Arbeitskräfte irgendwo unterzubringen. Wir betreuen sie darum, etwa mit Weiterbildungen, bis sie wieder eine Chance haben. Während dieser Zeit arbeiten sie in stadteigenen Betrieben, zum Beispiel Velostationen, oder in Non-Profit-Organisa­tio­nen wie Gemeinschaftszentren oder Kindertagesstätten. Es müssen Projekte sein, die einen gesellschaftlichen oder ökologischen Mehrwert schaffen. Dadurch kommen sich die Leute auch nicht ausgenutzt vor.

Beobachter: Nun gibt es Langzeitarbeitslose, die kaum jemand mehr anstellen wird, weil sie aus verschiedensten Gründen die Konstanz für einen Job einfach nicht mitbringen oder vom Verhalten her schwierig sind.
Wolffers: Ja, es gibt Leute, die werden vielleicht nie wieder einen Job finden. Ihnen bieten wir Tagesstrukturen an, damit sie nicht verein­samen und verwahrlosen. Wir sind aber ­überzeugt, dass es auch für eingeschränkt leistungs­­­fä­hige Menschen Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt gibt. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sehen das auch so. Gemeinsam haben wir das Pilotprojekt Jobtimal.ch ­lan­ciert. Dahinter steckt eine gemeinnützige Stellenvermittlungsfirma, die eingeschränkt Arbeitsfähige im Teillohnmodell vermittelt.

Beobachter: Ein Temporärbüro für billige Arbeitskräfte?
Wolffers: Nein. Aber Arbeitgeber sollen nur für die Leistung zahlen, die sie auch erhalten. Wenn jemand also bei einer 100-Prozent-Anstellung nur 60 Prozent Leistung erbringt, muss der Betrieb auch nur 60 Prozent des branchenüblichen Lohns bezahlen. Der Wert wird immer wieder neu ausgehandelt und justiert. Das Sozialamt ergänzt dann den Betrag bis zu einem existenzsichernden Einkommen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden dabei unterstützt, die Leistungsfähigkeit zu optimieren.

Beobachter: Und warum werden die Leute über ein Stellenvermittlungsbüro angestellt?
Wolffers: Es braucht in einer Anfangsphase diese Flexibilität. Eine direkte Anstellung wäre für viele Arbeitgeber ein zu gros­ses Risiko. Man muss auch ausprobieren können, welche Person in welchen Betrieb passt. Aber es gibt Grenzen. Nach spätestens zwei Jahren muss der Arbeitgeber die Temporären anstellen, sonst wird der Einsatz abgebrochen.

Beobachter: Wie viele Leute haben Sie auf diese ­Weise vermittelt?
Wolffers: Bis im Oktober waren es 20, 20 weitere sind in Abklärung.

Beobachter: Etwas wenig, um von einem Erfolg zu sprechen. Ursprünglich hätten es bis ­Ende Jahr 40 Personen sein sollen.
Wolffers: Es handelt sich um ein Pilotprojekt. Und natürlich wollen wir mehr. Es ist auch noch einiges an Überzeugungsarbeit nötig, damit sich noch mehr ­private Firmen auf dieses Modell einlassen. Heute ist die Hälfte der vermittelten Ausgesteuerten bei der Stadtverwaltung angestellt.

Beobachter: Differenzierte Angebote, wie sie Bern anbietet, kosten Geld und dürften viele kleinere Gemeinden überfordern.
Wolffers: Das ist so. Es ist darum sinnvoll, wenn Gemeinden in verschiedenen Regionen für solche Projekte zusammenfinden. Das tun zum Beispiel die Gemeinden Köniz, Ittigen und Zollikofen. Ostermundigen hat sich wiederum der Stadt Bern angeschlossen. Wir würden aber nie behaupten, dass unsere Projekte der Weisheit letzter Schluss sind. Im Gegenteil: Es ist ­wichtig, immer wieder neue Wege zu suchen, um über faire Jobs möglichst viele Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Das baut die Betroffenen auf und erspart uns allen sehr viel Kosten.

Beobachter: Es baut aber auch stark auf den ­Goodwill der Arbeitgeber auf. Die Berner Stadt­regierung will einen Schritt weiter gehen. Firmen, die von der Stadt Subven­tionen erhalten, sollen dazu verpflichtet werden, Langzeitarbeitslose oder ­Behinderte zu beschäftigen.
Wolffers: Wie gesagt, wir müssen neue Wege suchen. Und wir sollten darüber Debatten führen. Das Ziel muss aber sein, auch die Arbeitgeber ins Boot zu holen. Denn ohne diese funktioniert die Integration in den Arbeitsmarkt nicht. Etwas können wir allerdings nicht aushandeln: Auf die Gemeinden werden zusätzliche Herausforderungen und Kosten zukommen. Demnächst läuft zum Beispiel die Bundesfinanzierung für viele arbeitslose Asylbewerber aus. Es liegt dann an Gemeinden und Arbeitgebern, auch für sie Arbeitsplätze zu finden – oder einfach mehr für die Sozialhilfe zu zahlen.

Veröffentlicht am 09. Dezember 2014