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SelbständigkeitKleiner Kredit, grosse Wirkung

Wer Mikrokredit hört, denkt an Projekte in Drittweltländern. Doch auch in der Schweiz werden vermehrt solche Starthilfen vergeben. Mit hoher Erfolgsquote.

Sie gründete ihre Ponyakademie mit einem Mikrokredit: Virginia Müller
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Um von Banken Kredite zu erhalten, braucht es starke Argumente. «Reiten ist meine Welt» – das war alles, was Virginia Müller in die Waagschale werfen konnte. Die persönliche Überzeugung, die hinter dieser Aussage steht, half ihr ­tatsächlich, Kapital zu erhalten – allerdings nicht von einer Bank, sondern von der Non-Profit-Organisation «Go! – Ziel selbständig», die Mikrokredite vergibt.

Mit dem Geld eröffnete Virginia Müller Anfang 2010 ihre Einzelfirma, die Ponyakademie in Zürich. Die ausgebildete Informa­tikerin war damals bereits seit einiger Zeit als Reitlehrerin tätig gewesen. Auf die Idee einer Reitschule für Kinder kam die 34-Jährige, als sie für ihre Tochter vergeblich ein Angebot in der Region suchte. Dann sei sie vom Ehepaar des Bauernhofs, auf dem heute die Pferde der Ponyakademie untergebracht sind, angesprochen worden, ob sie nicht selber etwas organisieren wolle. Damit war der Funken gezündet.

«Zuerst rechnete ich durch, was das kosten würde», erinnert sich Müller. Bei ­einer Bank um einen Kredit nachzufragen habe sie gar nicht erst probiert, weil die Chancen «gleich null» waren. Auf den Verein «Go! – Ziel selbständig» stiess sie im Internet. Dort sprach sie mit einem Konzept und dem Antrag auf einen Mikrokredit von 40'000 Franken vor.

Das Modell stammt aus Bangladesch

Zusammen mit der Go!-Geschäftsführerin rechnete sie das Budget durch, danach leitete sie den Antrag an die Kantonalbank weiter, die für den Verein einen Sicherungsfonds unterhält. Gutgeheissen wurde das Begehren erst nach vier Monaten. «Während dieser Zeit war für mich entscheidend, dass mir die Geschäftsführerin immer Rückendeckung gab und nie an der Sache zweifelte», betont Virginia Müller. Schliesslich erhielt sie 30'000 Franken mit einer Laufzeit von drei Jahren und einem Zins von 6,5 Prozent.

Mikrokredite richten sich an Leute, die für Banken nicht interessant sind. Wer Geld ausleihen will, muss eine überzeugende Geschäftsidee und ein Konzept vorlegen. Die Raten, die Gläubiger zurückzahlen, ermöglichen neue Vergaben. Mikrokredite sind die Idee von Muhammad Yunus, der 1977 in Bangladesch begann, Armen kleine Beträge zu leihen, damit sie sich selbständig machen konnten. Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis, und Mikrokredite sind ein Big Business geworden: Gegenwärtig haben sich etwa 200 Millionen Kunden 70 Milliarden Dollar ausgeliehen. Das Modell setzt sich zunehmend auch im Westen durch. In der Schweiz werden Menschen mit Ideen unterstützt, unabhängig davon, ob der Antragsteller arbeitslos, angestellt oder bereits selbständig ist. Gut die Hälfte der Starthilfen geht an Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger. «Bei uns könnte man Armut auch als Defizit einer Gesellschaft definieren, die vorhandene Ressourcen nicht nutzt», sagt Ruedi Winkler, Präsident des Vereins Go!.

Drei Institutionen vergeben Mikrokredite

Winkler trug sich bereits während der Zeit, als er Direktor des Zürcher Arbeitsamts war, mit dem Gedanken an eine Organisation, die Mikrokredite vergibt. «Wir unterstützten damals Arbeitslose für Firmengründungen, doch ohne Verpflichtungen fehlte ihnen der Druck, den es für den erfolgreichen Aufbau braucht», erzählt er. Der Verein Go! verlangt von allen Kreditnehmern denselben Zins, der etwa dem tiefsten Marktzins entspricht. «Mikrokredite müssen möglichst nahe an der Realität liegen», ist Ruedi Winkler überzeugt. So sei gewährleistet, dass die junge Firma den allfälligen Ablösekredit bei einer regulären Bank verkrafte.

Als Go! im Februar 2009 startete, erhielt er bis im Oktober desselben Jahres 320 Anträge – ein Indiz für das grosse Nachfragepotential. «Die Einzelfirma von Virginia Müller zeigt, weshalb es Mikrokredite braucht», so Winkler. «Als alleinerziehende Mutter mit einer selbständigen Arbeit und unregelmässigem Einkommen hätte sie nirgends sonst Geld erhalten.» Damals sei die Kantonalbank, die für den Verein Go! Garantien für Ausfälle leistet, skeptisch gewesen. Sie prüfte selber nach, ob für die Idee ein Markt bestehe. Heute überlässt die Bank die Entscheidung ganz der Geschäftsstelle. In den drei Jahren seit der Gründung hat Go! im Kanton Zürich 56 Kredite mit einer Gesamtsumme von 1,1 Millionen Franken vergeben. Der Verein ist eine von drei Institutionen, die in der Schweiz Mikrokredite vergeben (siehe «Mikrokredite: Fragen und Antworten»).

Seit zwei Jahren ist die Stiftung Mikrokredit Solidarität Schweiz (MSS), 2000 in der Romandie gegründet, schweizweit tätig. Anders als der Verein Go! arbeitet sie nicht mit einer Bank zusammen. Das Kreditkapital von heute 630'000 Franken ist durch zinslose Darlehen von Privaten und Sponsorenbeiträge gesichert. «Bei der Vergabe spielen wirtschaftliche Motive zwar die Hauptrolle, doch auch der soziale Gedanke beeinflusst die Entscheidung», sagt MSS-Präsidentin Yvette Jaggi.

Die Kredite werden für Arbeitslose zu 3,5 Prozent, für alle anderen bis maximal 5 Prozent Zins vergeben. Möglich ist ein so tiefer Zinssatz, weil Freiwillige den grössten Teil der Beratungs- und Begleitungs­arbeit übernehmen. «Sie leisten Arbeit im Wert von 1,6 Millionen Franken im Jahr», sagt Jaggi. Seit der Gründung vergab die Stiftung 140 Mikrokredite. Im letzten Jahr hiess MSS 26 von 89 Anträgen gut und finanzierte 18 aus Rückzahlungen.

Mikrokredite sind keine verkappte So­zialhilfe, sondern eine erfolgreiche Investition. Bei der MSS werden 92 Prozent der Kredite regulär zurückbezahlt; bei einigen anderen gibt es Verzögerungen, wenige fallen aus. Zum Vergleich: Bei Bankkrediten müssen um die 25 Prozent teilweise oder vollständig abgeschrieben werden. Die erstaunliche Bilanz erklärt Yvette Jaggi mit dem «Rundum-Service», mit dem die Kreditnehmer begleitet werden. «Wir setzen auf lokale Nähe, auf Vertrauen und die Gleichberechtigung aller Antragsteller», betont sie. Auch beim Verein Go! ist das Coaching der Klienten entscheidend: Seit dem Start verlor Go! bloss 22'000 Franken.

Virginia Müller konnte ihren Kredit ein halbes Jahr vor Ablauf zurückzahlen. 2011 erzielte ihre Einzelfirma einen Umsatz von 130'000 Franken. Auf dem Bauernhof am Fusse des Üetlibergs lernen heute 40 Kinder reiten, vier Reitlehrer fanden eine Teilzeitanstellung. «Die Ponyakademie ist selbsttragend, doch ich gebe auch weiter Privatstunden für Erwachsene», sagt die Unternehmerin. Dieses zweite Standbein brauche sie auch deshalb, weil nicht alles berechenbar sei. So erkrankte kürzlich ­eines der vier Pferde und musste ersetzt werden. Drei Monate im Jahr schliesst die Reitschule, damit sich die Tiere erholen können. «Für mich stimmt es, wie es heute läuft, auch wenn ich oft mehr als 40 Stunden pro Woche arbeite», sagt Müller.

Mit Mikrokrediten aufgebaute Betriebe bewegen sich oft in Nischen – angeboten werden etwa ökologische Designprodukte, ein Eingangvelo, Dienstleistungen im Bereich neue Medien. Der durchschnittlich bezogene Kredit liegt bei 20'000 Franken. Obwohl deutlich mehr Männer Anträge stellen, gehen mehr als die Hälfte der Kredite an Frauen.

«Die Projekte der Frauen sind oft ausgereifter, weil sie weniger selbstsicher sind und ihre Unterlagen deshalb genauer ausarbeiten», erklärt Yvette Jaggi von der Stiftung MSS: Um Selfmade-Unternehmerinnen zu fördern, wurde 1928 nach der Ausstellung für Frauenarbeit Saffa eine Bürgschaftsgenossenschaft gegründet (siehe «Mikrokredite: Fragen und Antworten»). Eine spezifische Förderung scheint weiterhin nötig: Nur eine von fünf neuen Kleinfirmen wird von einer Frau gegründet.

Eigeninitiative statt Staatsgarantie

Die Zahl der Mikrokredite in der Schweiz ist überblickbar – im letzten Jahr zählte man 68 Vergaben. Doch verdoppelte sich die Anzahl gegenüber dem Vorjahr. In Deutschland stieg die Zahl sprunghaft auf 6000 Kredite an, als der Bund 100 Millionen Euro investierte. «Natürlich wäre es gut, wenn es bei uns ebenfalls eine um­fassende Staatsgarantie gäbe», sagt Ruedi Winkler vom Verein Go!. Allerdings müssten die Kredite weiterhin regional organisiert werden, «denn das Geheimnis des Erfolgs ist die Begleitung der Kreditnehmer und das Vertrauen, das daraus entsteht».

Der Schweizer Staat übernimmt seit vier Jahren die Garantie für Bürgschaftsgenossenschaften: Er deckt im Krisenfall 65 Prozent der Verluste ab. Seither ist das Interesse der Banken an Bürgschaftskrediten deutlich gestiegen.

Mikrokredite: Fragen und Antworten


Was ist ein Mikrokredit?
Ein Mikrokredit ist ein geringer, auf die Person und das Projekt zugeschnittener Kredit, der ohne bankenübliche Sicherheiten von Non-Profit-Organisationen vergeben wird. In der Schweiz beträgt die Höchstgrenze zurzeit 40'000 Franken. Mikrokredite werden nur einmalig und mit einer Laufzeit von in der Regel drei Jahren vergeben. Zur Vergabe gehören Beratung und die Begleitung bis zur vollendeten Rückzahlung. Die Rückzahlungsquote liegt zwischen 92 und 98 Prozent. 2011 wurden in der Deutschschweiz 68 Mikrokredite neu vergeben.

Wo erhält man einen Mikrokredit?

  • Mikrokredit Solidarität Schweiz (MSS)
    Mikrokredite für Gründer in der ganzen Schweiz: Antrag mit Einschreibgebühr, Besprechung Konzept und Budget, kostenlose Beratung und Begleitung.
    Maximale Kredithöhe: 30'000 Franken; Zins: 3,5 bis 5 Prozent
    www.microcredit-solidaire.ch

  • Verein «Go! – Ziel selbständig»
    Mikrokredite für Gründer im Kanton Zürich: Besuch einer Info-Veranstaltung, Antrag mit Lebenslauf und Fragebogen zum Projekt, Erstgespräch zum Konzept und Erarbeitung eines Budgets, kosten­lose Begleitung. Maximale Kredithöhe: 40'000 Franken; Zins: 6,5 Prozent
    www.gozielselbstaendig.ch

  • Arbeitslosenrappen
    Mikrokredite für Gründer im Kanton Basel-Stadt. Die zinslosen Darlehen werden nur an Arbeitslose vergeben. Maximale Kredithöhe: 20 000 Franken www.arbeitslosenrappen.ch


Wer leistet Bürgschaften?
Bürgschaftsgenossenschaften über­nehmen Bürgschaften bei Banken, wenn Unternehmensgründer keine oder zu geringe Sicherheiten leisten können. 2011 wurden 193 Bürgschaften übernommen. Anbieter sind

  • Bürgschaftsgenossenschaft Saffa für Frauen in der ganzen Schweiz, maximal 120'000 Franken; www.saffa.ch

  • Bürgschaftsgenossenschaft St. Gallen 13 Kantone, maximal 500'000 Franken; www.obtg.ch

  • Bürgschaftsgenossenschaft für KMU BG Mitte: 9 Kantone, maximal 500'000 Franken; www.bgm-ccc.ch
Veröffentlicht am 19. November 2012