Frage von Marianne F.: «Seit einer Firmenübernahme gibt es für meinen Mann praktisch keinen Feierabend mehr. Er ist viel gereizter als früher, hat keine Lust mehr auszugehen, und auch im Bett ist es mir zu ruhig ­geworden. Wie bringe ich ihn dazu, weniger zu arbeiten?»

Es sieht so aus, als wäre Ihr Mann auf dem besten Weg in ein Burn-out-Syndrom. Ich stelle mir vor, dass ihn die Firmenübernahme aufgeschreckt hat. Er hat wahrscheinlich (zu Recht oder zu Unrecht) das Gefühl, sein Arbeitsplatz sei unsicher geworden. Dem will er mit seinem übergrossen Einsatz entgegensteuern.

Eine erste Erleichterung erfährt Ihr Mann aber bereits, wenn Sie ihn dazu bringen können, über seine Ängste zu sprechen. Das ist unter Umständen gar nicht einfach, denn im Selbstbild vieler Männer heisst es seit der Bubenzeit noch immer: «Indianer kennen keine Schmerzen.» Sie glauben, wenn man darüber rede, würden Ängste und Sorgen stärker, und nicht daran denken sei klüger. Das Gegenteil ist der Fall: Mitteilen erleichtert, Mitgefühl tut wohl. Umso mehr, wenn es die liebende und geliebte Partnerin ist, die sich für einen interessiert.

Reden allein reicht hier aber nicht. Machen Sie Ihrem Mann klar, dass er seine Gesundheit gefährdet, wenn er so weitermacht. Er muss mit oder ohne professionelle Hilfe seine Work-Life-Balance analysieren und neu gestalten.

Abstand zur Arbeit gewinnen

Der Begriff Work-Life-Balance wurde in Grossbritannien und den USA gegen Ende des letzten Jahrhunderts immer wichtiger. Gemeint ist damit, dass man dem Wohlbefinden und der Gesundheit zuliebe die Bedeutung der Arbeit nicht überbewerten, sondern sie im Zusammenhang mit der Gesamtheit des Lebens sehen sollte. Noch gibt es viele Männer und Frauen, die der Karriere ihr ganzes Leben opfern. Natürlich besteht ein massiver Druck in diese Richtung. In der Konsumgesellschaft bemisst sich der gesellschaftliche Rang nach den Konsummöglichkeiten. Prestige und allzu oft auch das Selbstbewusstsein hängen davon ab, wie viel man verdient oder ob man Karriere gemacht hat.

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In einer ausgeglichenen Work-Life-Balance wird die Arbeit in der Regel zwar immer noch den wichtigsten Stellenwert haben. Daneben soll aber auch noch Kraft bleiben fürs Privat- und fürs Familienleben. Man kann sich vier Waagschalen vorstellen, die ausbalanciert werden müssen: Arbeit, Gesundheit und Hobbys, Beziehungen, Sinn und Werte.

Wir brauchen mehr als Oberflächlichkeiten

Allerdings reicht ein lediglich quantitatives Gleichgewicht noch nicht; es geht nicht nur um Zeitmanagement. Ganz wichtig ist gerade der vierte Bereich: Neben der Freude an der Leistung und der Entlöhnung sollte man auch den Sinn seiner Berufstätigkeit spüren. Oberflächliche Kontakte stärken einen nicht so sehr wie Freundschaften und Partnerschaften, die von Verständnis und Offenheit geprägt sind. Auch die Freizeitindustrie bietet unzählige Ablenkungsmöglichkeiten, die die Lebensqualität nicht erhöhen.

Das Austarieren der Work-Life-Balance ist auch eine Suche nach sich selbst. Dahinter steht die Überzeugung, dass wir unser Leben selbst gestalten können. Bei jedem Individuum sieht dieses Gleichgewicht anders aus. Forscher beobachteten, dass die sogenannte Babyboomer-Generation die Bereiche eher trennt und die jeweiligen Bedürfnisse nacheinander zu befriedigen sucht, während jüngere Menschen Beruf, Freizeit und Beziehungen vermischen oder ineinander übergehen lassen.

Bei der Work-Life-Balance geht es um Lebensqualität. Ein chinesisches Sprichwort sagt: «Die Arbeit läuft dir nicht davon, wenn du deinem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du mit der Arbeit fertig bist.»