Dutzende von Juristen brüteten in einer Filiale der Grossbank UBS in Winterthur über kompliziertem Papier. Über Verträgen, die die Bank weltweit mit Lieferanten abgeschlossen hatte.

«Komplexe Verträge überarbeiten, Risikopotenzial und den Datenschutz überprüfen», hatte es im Stelleninserat geheissen, über das eine Zuger Temporärfirma Juristen suchte. Sie arbeiteten billig: 24 Franken netto die Stunde, Ferienentschädigung und 13. Monatslohn inklusive. So wenig verdient in der Regel eine Reinigungskraft.

«Es ging um einen klassischen Ferienjob für Studenten, die etwas dazuverdienen wollen.»

Sprecherin der UBS

Anzeige

Warum nahmen die Juristen die Stelle denn an? «Im ­Inserat wurde die Chance auf Festanstellung bei der Bank erwähnt. Darauf hofften viele», sagt einer, der in Winterthur arbeitete. Doch kaum jemand habe ein Angebot erhalten.

Kein Wunder. «Für uns war das kein Projekt für die Rekrutierung von Festangestellten», sagt eine UBS-Sprecherin. Und überhaupt seien für diese Arbeit keine Juristen nötig gewesen. «Es ging um einen klassischen Ferienjob für Studenten, die stundenweise etwas dazuverdienen wollen.»

Jobs wurden mehrfach ausgelagert

Ein krasser Widerspruch zu den Vorgaben und Versprechen im Inserat der Temporärfirma Active Personal. Dafür will die UBS nicht verantwortlich sein. Wie ist das möglich? Die Antwort heisst Subcontracting, das Verlagern von Arbeiten auf eine bestimmte Zeit an Drittfirmen.

Weil die UBS nicht selber Studenten suchen wollte, hatte sie das «Projekt» an die Firma Chain IQ Group in Zürich weitergereicht. Diese beschafft normalerweise Waren für die Bank, keine Arbeitskräfte. Darum erledigte sie die Aufgabe nicht ­selber, sondern beauftragte die Zuger Anwaltskanzlei De la Cruz Beranek mit der Angelegenheit. Die wiederum liess das Temporärbüro Active Personal nach Willigen suchen. Und so wurde aus dem Studi-Job eine «anspruchsvolle und komplexe» Arbeit für Juristen mit 100-Prozent-Pensum und Aussicht auf eine ­Festanstellung.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.
Anzeige

«Ein Geschäft mit Bewerbern»

Warum das Anwaltsbüro nach Juristen suchen liess, wollte Carmen de la Cruz nicht beantworten. «Wir sind standesrechtlich und vertraglich an das ­Anwaltsgeheimnis gebunden», so die Wirtschaftsanwältin.

«Gleich mehrere Firmen machen hier ein Geschäft mit unhaltbaren Versprechungen an Stellensuchende», kritisiert ein betroffener Jurist.

Aktuell sucht das Temporärbüro mit demselben Inserat erneut nach Juristen. Doch diesmal wollen weder die UBS noch Chain IQ noch das Anwaltsbüro etwas damit zu tun haben. Diesmal sei eine andere Bank im Raum Zürich an den Juristen ­interessiert, für eine ähnliche Tätigkeit, versichert auch das Temporär­büro. Den Namen der Bank wollte es nicht nennen.