BeobachterNatur: Andreas Hutter, schmeissen Sie vor ­einer Reise jeweils eine Abschiedsparty?
Andreas Hutter: Früher habe ich immer zu einem Abschiedsfest eingeladen. Ich bastle meist aus einer Blache ein Tipi, stelle alte Sofas rein und zünde ein Feuer an. Dann feiern wir bis in die frühen Morgenstunden.

BeobachterNatur: Mit einem Kater abreisen, bringts das?
Hutter: Im Flugzeug kann man prima aus­nüchtern.

BeobachterNatur: Was fasziniert Sie an der Wildnis?
Hutter: Das Ehrliche, das Einfache, das auf null ­reduzierte Leben. Im Winter bei minus 40 Grad ein Tipi ­errichten und mit den Pferdedecken und ein paar Zweiglein eine Schlafstatt bauen.

BeobachterNatur: Empfinden Sie das Leben in der Schweiz im Vergleich dazu als unehrlich?
Hutter: Mir fällt einfach auf, wie viel Angst die Menschen hier vor der Natur haben. Wenn ich ein ­Trekking zu den Tuwa-Nomaden ­in die Mongolei ­organisiere, haben die meisten Gäste schon im ­Voraus Angst vor der Kälte, den Moskitos und davor, dass die Kleider nicht trocknen könnten. Sie haben sich in den teuersten Outdoor-Stores beraten lassen und eine Ausrüstung gekauft. Wenn sie dann sehen, wie die Einheimischen sich einfach so aufs Pferd schwingen, erkundigen sie sich jeweils nach ­deren ­Gepäck. Ich sage dann: «Sie haben kein Gepäck. Sie sind in der Wildnis zu Hause.»

BeobachterNatur: Sind Sie auch ohne Gepäck ­unterwegs?
Hutter: Ich habe meist weder ein Zelt noch Gore-Tex-Kleidung. Wenn ich alleine mit den Einheimischen unterwegs bin, nehme ich wie sie zum Essen 20 Kilo Mehl, etwas Reis und ein Schaf mit. Der einzige Luxus, den ich mir gönne, ist ein Schlafsack.

BeobachterNatur: Welche Outdoor-Gadgets sind ­vollkommen überflüssig?
Hutter: Die meisten (lacht). Aber wenn sich jemand dank High-End-Material getraut, wieder einmal in die unberührte Natur zu gehen, dann finde ich das okay.

BeobachterNatur: Wie viele Unterhosen braucht man für eine 40-tägige Reise?
Hutter: Ein, maximal zwei Paar. Man kann ja ­waschen.

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BeobachterNatur: Wie viele Hosen nehmen Sie mit?
Hutter: Eine einzige.

BeobachterNatur: Wie oft waschen Sie?
Hutter: Meine Hose wasche ich selten. Kocht man am Feuer, wird sie sofort schwarz und riecht nach Rauch. Aber das stört mich nicht. Das ist der Geruch der Freiheit.

BeobachterNatur: Nehmen Sie ein Buch mit?
Hutter: Nein.

BeobachterNatur: Auch keine medizinische Literatur?
Hutter: Wenn ich alleine unterwegs bin, reicht mir eine kleine Notapotheke mit Schmerzmitteln, Antibiotika und Verband.

BeobachterNatur: Haben Sie ein Satellitentelefon dabei?
Hutter: Ohne Familie bin ich lieber ohne kommunikatives ­Sicherheitsnetz unterwegs. Stufe ich das Risiko, bei einer Kanutour zu kentern, auf fünf Prozent ein, muss ich abschätzen, ob ich auf dem folgenden Flussabschnitt Zeit hätte, um das Boot zu bergen. Nur dann befahre ich den Abschnitt. Das scheint mir ehrlicher, als ­grössere Risiken einzugehen und darauf zu vertrauen, dass man im Notfall einen Helikopter ­organisieren kann, der einen rausholt.

Was ist gefährlicher?

BeobachterNatur: Waren Sie auf Reisen mal ernsthaft krank?
Hutter: In Pakistan musste ich Medikamente ­gegen Würmer und Amöben nehmen. Ich dachte, das wird schon wieder, und ging auf das nächste Trekking. Auf 4000 Metern über Meer brach ich dann zusammen. Ich realisierte, dass ich umkehren musste, um zu überleben. Ein Gefährte brachte mich ins nächste Spital, und von dort wurde ich in die pakistanische Hauptstadt Islamabad geflogen, wo mich ein Arzt behandelte, der mir von der Schweizer Botschaft empfohlen worden war.

BeobachterNatur: Wurden Sie auf Ihren Reisen mit dem Tod konfrontiert?
Hutter: Auf meinen Reisen ist zum Glück nie jemand gestorben. Aber mein Mentor und Freund Franz Six, mit dem ich mehrere ­Expeditionen unternommen habe, ist in Österreich bei einer Steilwandabfahrt 400 Meter in die Tiefe gestürzt und gestorben. Vier weitere Freunde sind in der Schweiz durch Lawinen umgekommen.

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BeobachterNatur: Sind Lawinen gefährlicher ­als Stromschnellen?
Hutter: Sie sind sehr unberechenbar, weil man sich bis zum letzten Moment in Sicherheit wiegt. Im Kajak ­dagegen bin ich mir der Gefahr ständig ­bewusst.

Selbstgebautes Floss: Hutter (links) mit Begleiter Anton Stadler 1990 auf dem Peel River im kanadischen Yukon. (Foto: Franz Six)

Quelle: Andreas Hutter

Die Kunst des Improvisierens

BeobachterNatur: Welche Ihrer Eigenschaften ist in der Wildnis am nützlichsten?
Hutter: Meine Fähigkeit zu improvisieren. Ich habe meist nur eine Plane dabei, kein Zelt. Damit kann ich an jedem Ort die richtige Unterkunft bauen.

BeobachterNatur: Wie macht man bei Windstärke 9 Feuer?
Hutter: Ich ziehe mich – sofern das möglich ist – in den Wald zurück oder kauere hinter ­einem gros­sen Stein.

Kulinarisches

BeobachterNatur: Jagen Sie unterwegs Tiere?
Hutter: Auf der Hundeschlittenexpedition in Kanada gingen uns die Nahrungsmittel aus. Im Sommer kann ich etwa zwei Wochen lang ohne Nahrung überleben, aber in ­­der Kälte lässt die Energie schnell nach. Darum mussten wir das erste grosse Tier erlegen, das unseren Weg kreuzte, sonst wären wir und unsere 16 Hunde verhungert. Natürlich wäre es uns lieber gewesen, wenn wir auf ein ­Karibu oder einen Elch gestos­sen wären. Aber es war nun mal ein Bär. Wir hatten nur zwei kleine Gewehre dabei, die für ­Bären ungeeignet sind. Doch weil der Bär schlief, konnten wir uns ihm bis auf wenige Meter nähern und ihn erlegen.

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BeobachterNatur: Darf man in Kanada Bären schiessen?
Hutter: Nein, natürlich nicht. Und ich bin auf diese Tat auch gar nicht stolz. Wir haben das in einer Notsituation getan.

BeobachterNatur: Welches Essen hat Sie am meisten ­Überwindung gekostet?
Hutter: Kanadische Indianer boten mir rohe Elchkutteln an, die sie im Fluss ausgespült ­und in Streifen geschnitten hatten. Die ­Indianer sind ein schalkhaftes Volk; gut möglich, dass sie mir diesen Snack nur gereicht haben, um herauszufinden, ob ich das esse.

BeobachterNatur: Was haben Sie gemacht?
Hutter: Runtergeschluckt, ohne zu kauen.

Im Kontakt mit Einheimischen

BeobachterNatur: Sie waren auch in der Mongolei ­und ­in Patagonien. Wie wählen Sie Ihre ­Reiseziele?
Hutter: Früher stand für mich das Abenteuer im Vordergrund. Später liess ich mich inspirieren, von Franz Six etwa zu einer Reise mit Pferden quer durch die Mongolei. Als das Leben in der Wildnis keine Herausforderung mehr für mich war, wurden die Menschen wichtiger, die ich unterwegs kennenlernte. Ich habe längere Zeit mit den Gauchos in Patagonien, den Tuwa-Nomaden in der Mongolei oder eben mit den kanadischen Indianern gelebt.

BeobachterNatur: Wie gewinnt man das Vertrauen der ­Einheimischen?
Hutter: Ich reise gerne alleine, weil ich so schneller mit der Bevölkerung in Kontakt komme. Alleine ist man so verletzlich, dass man nie eine Bedrohung für die Einheimischen ist.

BeobachterNatur: Wie nehmen Sie Kontakt auf?
Hutter: Wenn ich in Patagonien nach zwei Tagesritten auf einen Gaucho treffe, ist es die ­natürlichste Sache der Welt, ein Gespräch zu beginnen. Täte ich das nicht, würde der Gaucho denken, ich sei verrückt.

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BeobachterNatur: Worüber sprechen Sie?
Hutter: Pferde sind immer ein gutes erstes ­Gesprächsthema. Für einen Nomaden ist ­das Pferd etwa so bedeutsam wie das Auto für einen Schweizer.

BeobachterNatur: Verteilen Sie Geschenke?
Hutter: Ja, aber keine ab Stange. Ich habe immer Kleinigkeiten wie Zigaretten dabei, die ich anbiete, wenn ich jemanden kennenlerne. Wenn ich merke, dass meinem neuen Freund meine Uhr, mein Taschenmesser oder mein Feldstecher sehr gut gefällt und ich das Gefühl habe, dass es passt, dann kann ich mich auch von einem persönlichen Gegenstand trennen, der mich viele Jahre lang begleitet hat.

BeobachterNatur: Sie bringen die Zivilisation in die ­Wildnis. Zerstören Sie dadurch etwas?
Hutter: Mir ist bewusst, dass ich diese Menschen beeinflusse – aber ich hoffe, nicht nur im Schlechten. Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass ich die Art und Weise, wie sie ­leben, toll finde. Der Fernseher, der heute in jeder mongolischen Jurte steht, ist viel problematischer als ein einzelner Reisender. Die Einheimischen schliessen aus der Werbung und gewissen Fernsehserien, wir Westeuropäer würden alle ein Leben in Saus und Braus führen.

BeobachterNatur: Bitten Einheimische Sie um Geld?
Hutter: Vor zwei Jahren erkrankte eine Frau aus der ­Mongolei, deren Familie ich über viele Jahre besucht habe, an Tuberkulose. In so einer Situation war es für mich selbstverständlich, ihr Geld für eine ­medizinische Behandlung anzubieten. ­Sie hat es erst ­angenommen, als ich ihr sagte, sie solle sich vorstellen, das Geld käme von ihrem Bruder.

Was kostet ein Pferd in der Mongolei?

BeobachterNatur: Sie sind professioneller ­Abenteurer. Haben Sie einen Sponsor?
Hutter: Ich kann von meinen Vorträgen und meiner Firma leben, die Reise-Diashows in der Schweiz veranstaltet. Früher habe ich sehr sparsam gelebt. Ich wohnte mit meiner damaligen Freundin und zwei anderen Paaren in einer Dreizimmerwohnung ohne Zentralheizung und Dusche, was mich knapp 60 Franken im Monat kostete. Zudem waren meine Reisen, abgesehen von Flugtickets und besonderen Investitionen wie etwa dem Kauf eines Pferdes, nicht teuer. In der Wildnis lebt es sich günstig.

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BeobachterNatur: Ein Pferd ist aber nicht ganz billig.
Hutter: Vor zehn Jahren bezahlte ich in der ­Mongolei 100 Franken für ein Pferd.

Hutter mit Sohn Florian in Kanada: «Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn dem Jungen etwas passieren würde.» (Foto: Anita Tolusso)

Quelle: Andreas Hutter

Abenteuer-Reisen in Begleitschaft

BeobachterNatur: Sie haben mit ihrer ehemaligen ­Partnerin und später auch mit ihrer ­heutigen ­Ehefrau mehrere Expeditio­nen unternommen. Ist das nicht eine ­enorme ­Belastung für die Beziehung?
Hutter: In der Wildnis kann man einander nicht aus dem Weg gehen, das ist manchmal ­tatsächlich schwierig. Viele Situationen sind dort aber auch einfacher, weil das ­Leben auf die Bewältigung ganz bestimmter Aufgaben reduziert ist. In der Natur löst man Probleme nacheinander. Zu Hause sind die Probleme – egal ob in der Beziehung oder in der Firma – wesentlich komplexer. Man macht immer verschiedene Dinge gleichzeitig und ist deshalb auch mit mehreren Problemen gleichzeitig ­konfrontiert.

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BeobachterNatur: Hatten Sie unterwegs häufig Streit?
Hutter: Franz Six und ich gerieten uns auf der Hundeschlittentour oft in die Haare. Ich bin zehn Jahre jünger als er und wollte mit dem Kopf durch die Wand. Er wusste, dass wir unsere Kräfte einteilen mussten. Eine Trennung war keine Option, also standen wir es einfach durch. Am Ende der Reise planten wir schon unsere nächste ­gemeinsame Tour.

BeobachterNatur: Heute reisen Sie auch mit Ihrer Frau und Ihrem sechsjährigen Sohn. Langweilen Sie sich, wenn Sie nicht ständig an Ihre Grenzen gehen können?
Hutter: Die Flüsse, die ich mit meiner Familie ­befahre, sind für mich keine Herausforderung, das stimmt. Die besteht auf diesen Reisen darin, dass ich die Verantwortung für meinen Sohn trage. Kentern und ­andere Unfälle sind keine Option.

BeobachterNatur: Wie können Sie für seine Sicherheit ­garantieren?
Hutter: Ich gehe viel weniger Risiken ein, schätze jede Situation sehr genau ein. Als wir vor zwei Jahren in Kanada mit dem Kanu ­unterwegs waren und ich merkte, dass ­­ich die nächste Etappe wegen des Hochwassers nicht mehr verantworten konnte, brachen wir die Tour ab und liessen uns ausfliegen. Ich konnte meinen Sohn ­ja nicht ausladen, an einen Baum binden und zurücklassen, während ich mit meiner Frau die ­gefährliche Stelle ­passiert hätte.

BeobachterNatur: Welche Sicherheitsmassnahmen treffen Sie?
Hutter: Alle, die möglich sind! Mein Sohn trägt immer eine Schwimmweste. Wenn ich mich mit der Familie in die Wildnis ausfliegen lasse, nehme ich ein Satelliten­telefon mit. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn dem Jungen etwas passieren würde und ich nicht in der Lage wäre, Hilfe zu holen.

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Fernweh und Träume

BeobachterNatur: Sie haben auf Ihren Reisen viele ­Erfahrungen gemacht. Welche helfen ­Ihnen in Ihrem Alltag in Luzern?
Hutter: Ich bin im Leben immer davon ausge­gangen, dass alles schon irgendwie gut kommt. Die Reisen haben dieses Ur­vertrauen noch gestärkt. Ich vertraue ­auf mein Bauchgefühl, egal, ob es sich um eine Personalfrage in der Firma handelt oder um einen Hauskauf.

BeobachterNatur: Wann haben Sie Fernweh?
Hutter: Wenn die Dinge sich zu wiederholen ­beginnen.

BeobachterNatur: Lässt sich Fernweh stillen, oder wird man süchtig nach Reisen?
Hutter: Ich gehe gerne weg, komme aber auch gerne wieder nach Hause. Es ist überhaupt nicht so, dass es mir in Luzern nicht gefallen würde. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin bis heute nur im Umkreis von wenigen Kilometern umgezogen.

BeobachterNatur: Haben Sie Träume, die Sie noch ­verwirklichen möchten?
Hutter: In Kanada eine Hütte bauen. Etwas Schönes herstellen aus dem, was ich in der Wildnis finde. Am liebsten würde ich eine verfallene Hütte wiederaufbauen. Nicht, um sie selbst zu bewohnen, sondern um sie den Indianern, denen sie mal gehört hat, wieder zur Nutzung zu übergeben.

BeobachterNatur: Wie fühlen Sie sich am ­Flughafen ­Zürich, wenn Sie zurückkommen?
Hutter: Ich passe mich an das Leben in der Schweiz an. In Südamerika kann ich völlig entspannt drei Tage auf einen Transport warten. Kaum bin ich am Flughafen ­Zürich, ärgere ich mich, wenn der Zug ein paar Minuten Verspätung hat.

Profi-Abenteurer

Andreas Hutter wurde 1964 in Luzern geboren. Seine erste «kleine» Expedition war eine Korsika-Durchquerung auf dem Wanderweg G20 – im Winter, als alle ­Verpflegungsstationen und Hütten geschlossen waren und fast der gesamte Weg unter Schnee begraben lag. Es folgten ein 2000-Kilometer-Ritt durch Patagonien, eine Hundeschlittentour durch die Region Yukon in Kanada und die Fahrt mit einem alten Motorrad durch die Mon­golei. Kanu­expeditionen führten ihn nach Island und Kanada. Heute ist Andreas ­Hutter ­Geschäftsführer der Firma Explora, die unter anderem Reise-Diavor­träge und ­Multimediashows organisiert.