Aufgezeichnet von Chantal Hebeisen:

Die erste halbe Stunde unterwegs ist sehr streng. Um kurz vor vier Uhr ist es noch dunkel und kalt, und ich frage mich: «Fränzi, was machst du hier eigentlich?» Ich wünsche mir das warme Bett zurück. Aber ich bin keine, die jammert. Ich schaue hoch, sehe die kantigen schwarzen Umrisse, die mich magisch anziehen, und folge dem Lichtstrahl meiner Stirnlampe.

Am Vortag sind wir auf die 3325 Meter hohe Pointe de l’Aval gewandert und runtergefahren Alps Epic Trail in Davos Epischer Nervenkitzel auf dem Bike . Heute sind wir unterwegs zur 3151 Meter hohen Têtede la Fréma an der Grenze zwischen Haute-Provence und Piemont.

Das Bike drückt beim Wandern auf die Schulter

Die Bikes tragen wir auf den Schultern – das nennt sich bikehiken. Fahren geht nicht, der Weg ist steil, und das Geröll gibt bei jedem Schritt nach. Nach einer Weile schmerzt meine Schulter, mein Fahrrad ist 13 Kilo schwer. Ich stelle es ab, lockere Arme und Schultern, trinke etwas. Dann geht es weiter.

Nach gut 20 Minuten erreichen mein Freund Hans und ich das Biwak von Thömu, dem Expeditionsleiter, und Mättu, dem Kameramann. Thömu hat vor zehn Jahren begonnen, 54 Alpengipfel mit dem Bike zu besteigen und runterzufahren. Er dokumentierte diese Touren für eine Multimedia-Show.

Im Sog des Gipfels

Schweigsam steigen wir weiter auf. Nach und nach wird es heller. Und plötzlich ist das Licht da, obwohl man die Sonne noch nicht sieht. Zu spüren, wie alles wieder lebendig wird, berührt mich tief, ich könnte weinen vor Freude. Ich komme in einen Flow; mich zieht es richtig zum Gipfel hin.

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Ein hoher Steinabsatz fordert mich heraus: Weil ich mit einer Hand das Velo halten muss, habe ich nur eine Hand frei, um mich festzuhalten. Gefährlich ist das nicht, aber für mein Bike habe ich sicherheitshalber eine Sturzversicherung.

Mountainbikerin Fränzi Gobeli.
Quelle: Martin Bissig

«Oft ist es Kopfsache. Wenn man es dann schafft, ist das überwältigend.»

Fränzi Gobeli, 36, möchte Frauen ermuntern, sich mehr zuzutrauen.
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Manche finden dieses hochalpine Biken Zoff am Berg Wanderer und E-Biker auf Kollisionskurs schon extrem. Aber ich überlege mir das gar nicht. Wir wandern einfach zu besonders schönen, abgelegenen Trails und fahren dann runter. Das wird immer beliebter.

Frauen trauen sich oft nicht zu «Es geht ums Erlebnis und um die Leistung» Die neuen Bergköniginnen , schwierige Strecken zu fahren. Zu Unrecht – das kann man lernen. Ich sass mit Mitte 20 das erste Mal auf einem Bike und habe Technikkurse besucht. Und dann viel geübt. Manchmal habe ich vor Wut und Enttäuschung geweint, wenn ich nach einem langen Aufstieg das Velo runterschieben musste, weil die Strecke zu schwierig war. Oft ist es Kopfsache. Wenn man es dann schafft, ist das überwältigend.

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Ein Jein gibt es beim Downhillen nicht

Auf dem Gipfel ist es kalt, es weht ein rauer Wind. Das Blau weicht einem rot-orangen Himmel, die Sonne geht auf. Wir sitzen andächtig da, über uns surrt die Filmdrohne.

Und dann kommt das Sahnehäubchen: die Abfahrt. Ich lasse die Bremsen los und habe ein Grinsen im Gesicht. Das macht einfach hölle Spass. Gleichzeitig bin ich sehr konzentriert. Mein Blick prüft den Boden: Ist es besser, links über den Stein zu fahren oder rechts über das Geröll? Ich suche die perfekte Linie und sehe so, was auf mich zukommt. Mein Ziel ist, so viel wie möglich zu fahren. Ist die Stelle aber zu schwierig, steige ich auch mal ab. Ich bin keine, die das Risiko sucht.

Das ist das Spezielle am Downhillen: Wenn ich mich entscheide, eine Passage zu fahren, dann muss ich das auch durchziehen. Man kann nicht mittendrin absteigen. Es braucht ja ein gewisses Tempo für die Balance.

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Aber Stürze kommen halt vor. Gestern ist mein Vorderrad in losem Gestein eingesunken, und ich habe einen Abflug über den Lenker gemacht. Der Sturz hat nicht wehgetan. Aufsteigen und weiterfahren.

Am liebsten in der Natur draussen

Wir fahren zurück zur Hütte, wo wir übernachtet haben. Die Wanderer schauen uns erstaunt an, nach dem Motto: Was, ihr seid den Berg runtergefahren?! Unterwegs sagen sie «Bon courage» oder staunen, dass ich mein Bike so lange tragen kann. Aber mir geht es nicht um Leistung. Ich bin einfach gern in der Natur – am liebsten zuoberst auf einem Gipfel.

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