Auf einmal ist er da. Der König des Waldes betritt die Wiese, auf die sich am Nachmittag eine dünne Schneedecke gelegt hat. Das Geweih weit ausladend. Majestätisch. Man sieht ihn nur unscharf im Dunkeln. Schneeflocken taumeln durch die Luft. ­Etwas weiter hinten die Scheinwerfer der Autos, die auf der A1 zwischen Olten und Solothurn verkehren, und auf der anderen Seite der Autobahn das Dorf Niederbipp.

«Ein ganzes Rudel!», flüstert Christian Willisch seiner Kollegin zu und zeigt auf drei weitere Hirschstiere und eine Hirschkuh, die ein Kalb führt. Er nimmt einen Stier mit dem Gerät, das sie den «Gameboy» nennen, ins Visier. Die Hirsche machen sich an den Zuckerrüben zu schaffen. Jetzt muss es schnell gehen. Die Tiere sind gut genährt, möglicherweise werden sie rasch vom Köder ablassen. «Der Hirsch ist zu gross», sagt jemand. Das Narkosemittel könnte nicht ausreichen. Endlich geht ein anderer Hirsch parallel zur Kamera. Ein Zehnender, mittelgross. Auf dem «Gameboy» legt sich das Fadenkreuz über ihn. «Jetzt!» Willisch drückt den roten Knopf. Aus dem Narkosegewehr, das unweit der Hirsche in einem Baum hängt, löst sich ein Schuss.

Das Rudel stiebt auseinander. Flüchtet in den Wald. Der getroffene Hirsch schlägt aus, springt weg. Dann sinkt er in den Schnee. Die Wildbiologen untersuchen das schlafende Tier, legen ihm ein Senderhalsband um. Sie geben ihm einen Namen: ­Ardy. Noch in derselben Nacht, es war der 20. Januar 2011, fahren sie Ardy in den Jura, auf die andere Seite der A1, und lassen ihn bei Guldental wieder frei.

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Früher Tierschutz zahlte sich aus

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Rothirsch in der Schweiz ausgerottet. Doch schon 20 Jahre später wanderten aus Österreich wieder erste Tiere nach Graubünden ein. Und sie blieben. Nicht zuletzt, weil 1875 das erste eidgenössische Jagdgesetz in Kraft trat, das die Jagdzeiten beschränkte und die Hirschkühe unter Schutz stellte. Bald gab es in den Gebirgskantonen Graubünden, Wallis und Tessin wieder ansehnliche Populationen. Später wanderte das Rotwild auch aus Frankreich ein. Der Hirsch eroberte sich die Voralpen und den südlichen ­Jura zurück.

Aber Hirsche im Flachland? Das hätte keiner für möglich gehalten. Wildbiologen und Jäger waren sich sicher, dass das scheue Tier, das in den Bergen mehrere hundert Meter Sichtdistanz zum Menschen hält, abgelegene und grosse zusammenhängende Wälder braucht, in denen es ungestört leben kann.

«Dem scheuen Tier reichen oft wenige Meter Sichtschutz.»

Christian Willisch, Waldtierbiologe

Rothirsche sind am Waldrand von Bannwil, auf halbem Weg zwischen Langenthal und Niederbipp, in eine Fotofalle geraten. Auf der Karte sind Rothirschnachweise zwischen 2010 und 2014 im Bereich des Berner und Solothurner Mittellands nachgewiesen.

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Heimweh nach dem Mittelland

Umso grösser war das Erstaunen, als in den vergangenen zehn Jahren vereinzelt Hirsche im Mittelland auftauchten. ­Etwa im Längwald, der sich südlich der A1 zwischen Olten und Solothurn erstreckt. Ein Wald, der weit weniger gross ist, als es sein Name vermuten lässt, und der zudem von Forststrassen zerschnitten und tagsüber von Spaziergängern und Joggern bevölkert ist.

Vermutlich, so dachte man damals, handelt es sich um Hirsche aus den Berner Voralpen, die in den Jura wandern wollen. Und nun, aufgehalten von der A1, notgedrungen im Längwald Unterschlupf suchen.

Der oberste Wildhüter der Schweiz, Reinhard Schnidrig, entschied deshalb vor sieben Jahren, den Hirschen sei auf die Sprünge zu helfen: Sie sollten im Längwald eingefangen und in den Jura verfrachtet werden. So der Plan.

Ardy war der erste Hirsch, der übersiedelt wurde. Doch Willisch staunte nicht schlecht, als er die vom Sender übermittelten Positionsdaten studierte: Bereits nach einem Monat kehrte Ardy an die A1 zurück und lief sie entlang. ­Offenbar suchte er einen Durchgang. «In der sechsten Nacht sprang er bei Luterbach über einen 1,50 Meter hohen Zaun und überquerte die A5. Und danach die dichtbefahrene A1.» Ardy interessiert sich nicht für die ruhigen Wälder im nördlichen Jura. Er kehrte in den Längwald zurück. Weil er dort zu Hause war.

Ardys Rückkehr stellte die Forscher vor Fragen: Weshalb kehrt der Hirsch ins Mittelland zurück? Und wie leben Mensch und Hirsch in diesem dicht­besiedelten Lebensraum zusammen? Das Projekt zur Umsiedlung des Rothirschs wurde gestoppt. Willisch machte sich auf die Suche nach Antworten.

Aufenthaltsorte der Hirschkuh Wika im Sommer 2014 im Raum Ersigen im unteren Emmental.

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Im Februar 2013 fingen und besenderten er und sein Team zwei weitere Längwald-Hirsche, den Hirschstier Yano und das weibliche Alttier Wika, das mit einem Kalb unterwegs war. Bald war klar: In der Region Längwald leben nicht nur ein paar verirrte Hirsche. Sondern 15 bis 20 Tiere, die dort zu Hause sind.

«Die Rothirsche haben sich an die neuen Gegebenheiten angepasst», sagt Christian Willisch. In den Voralpen verlegen sie ihre Tageslager im Wald nur selten und treten nachts oft an den­selben Stellen aus dem Wald aus. «Im ­Mittelland dagegen verhalten sie sich ganz anders: Sie wechseln nachts häufig grossräumig ihr Einstandsgebiet, tauchen mal hier und mal da auf. So machen sie sich quasi unsichtbar.»

Auch was die Wahl der Tageslager angeht, geht der Mittelland-Hirsch eigene Wege: Er versteckt sich nicht wie erwartet im hintersten Winkel des Waldes, sondern häufig in nächster Nähe zur ­Zivilisation. Yano verbringt die Tage oft in einem Wäldchen beim solothurnischen Kestenholz, gerade mal 30 Meter vom nächsten Gebäude entfernt. Und Ardy hält sich gern in einem kleinen ­Dickicht auf. Gleich neben einem Forstweg, auf dem es von Joggern und Hündelern nur so wimmelt. «Hier reichen dem extrem menschenscheuen Tier offenbar wenige Meter Sichtschutz», sagt Willisch, und es hört sich an, als könne er es selber noch kaum glauben.

Maisfelder sind ein Schlaraffenland

Noch bunter treibt es die Hirschkuh ­Wika: Sie war von Juni bis Oktober kaum mehr im Wald unterwegs; sie ruhte sich tagsüber in den Raps- und, nachdem diese im Juli gemäht worden waren, in den Maisfeldern aus. Dort war sie vor Blicken geschützt und fand reichlich Futter. «Wenn sich Tiere einen neuen ­Lebensraum erobern, sorgen sie oft für Überraschungen», sagt Biologe Willisch. «Im Mittelland sind die Rothirsche nicht mehr zwingend auf den Wald angewiesen. Manche meiden ihn im Sommer sogar. Weil sie etwas Besseres gefunden haben: die Maisfelder.»

Auch wenn die Bevölkerung bislang kaum von der heimlichen Rückkehr des grössten einheimischen Säugetiers Notiz genommen hat – für Willisch sind die Konflikte programmiert: Im bernischen Oberösch frassen sich Hirsche, die täglich bis zu 20 Kilo Futter brauchen, vorletzten Sommer in einem Lauchfeld satt, so dass dem Bauern der Schaden ver­gütet werden musste. Förster und Wald­besitzer beklagen Verbiss- und Fegeschäden an Bäumen. Letztere entstehen, wenn die Hirsche die Geweihhaut vom alljährlich nachwachsenden Geweih scheuern. Allerdings kann man sich wie Mirjam Ballmer von Pro Natura fragen, ob es sich dabei wirklich um «Schäden» handelt. «Wer von Schaden spricht, geht immer vom Menschen aus», gibt sie zu bedenken. «Aber wenn ein paar Jungbäume abgefressen werden, dann ist das für den Wald noch kein Schaden. Er wächst einfach langsamer.»

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Am meisten Sorgen macht der Hirsch derzeit in Bezug auf den Verkehr. Seit August 2015 wurden allein in der weiteren Umgebung des Längwalds sieben Hirsche angefahren. «Bislang sind noch keine Menschen ums Leben gekommen», sagt Willisch. «Aber das Risiko ­besteht.» Die Tiere sind bis zu 200 Kilo schwer. Und das Gewicht prallt bei einer Frontalkollision direkt in die Windschutzscheibe. «Es braucht Wildwarn­anlagen und Wildtierbrücken.»

Die Wildtierbrücke über die A1, die 2019 bei Kestenholz gebaut werden soll, könnte die Situation entschärfen. Sie würde zudem einen wichtigen Korridor wiederherstellen, denjenigen vom Emmental in den Jura. «Für die Gesundheit der Tiere ist es wichtig, dass sich die Populationen des Juras und des Mittellands vermischen können», sagt Willisch.

Der Mensch soll den Rothirsch nicht daran hindern, neue Lebensräume zu besiedeln. So will es das Bundesrecht. In der Frage, wie viele Hirsche im dicht­besiedelten Mittelland verträglich sind, sind die Kantone aber gespalten. In der Waadt schossen die Jäger bis vor kurzem in den Mittelland-Wäldern alle Hirsche ab. Manche Kantone, etwa der Aargau, schonen die Tiere noch. So wird gewährleistet, dass die Rudel eine gewisse Grös­se erreichen und ganzjährig im Revier bleiben. In anderen Kantonen, etwa in Zürich, wo die Hirsche vom Süden her über die Albiskette nach Zürich einwandern, wird das Rotwild bereits bejagt.

Noch sind die Bestände gefährdet

Mirjam Ballmer weist darauf hin, dass «Abschüsse allein nicht die Lösung» sind. Der Lebensraum der Hirsche ­müsse aufgewertet werden, damit sich der Druck auf den Wald verringere. Und Jagdinspektor Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt, der Ardy einst in den Jura umsiedeln wollte, mahnt: «Wir sollten die Hirsche mindestens bis in die dritte Generation schonen. Nur so gibt es Standwild.» Er habe nicht erwartet, dass der Hirsch aus den Bergen in die dichtbesiedelten Gebiete herunterkomme, gibt er zu. Aber nun freut er sich darüber. «Schliesslich hat der Bund viel Geld für Wildtierkorridore ausgegeben, nun sollen die Tiere diese auch nutzen.»

Noch sind die Bestände klein. Und es braucht nicht viel, damit sie gefährdet sind.

Ardy wanderte während der Brunftzeit 2011 nach Trub im Emmental. Dort versuchte er, in ein privates Rothirsch­gehege einzudringen. Er beschädigte den Hag. Kämpfte durch die Umzäunung hindurch mit den anderen Hirschen. Als die Brunft zu Ende war, stand er ­immer noch vor dem Gehege. Dann kam der Wildhüter und erlegte ihn.

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Yano zog es im September 2014 der Liebe halber in die Voralpen. Auf der ­Suche nach einer Hirschkuh wurde er bei Marbach in der Nähe von Luzern von einem Personenwagen angefahren. Vermutlich war er sofort tot.

Wikas Sender ist im Oktober 2014 ­abgefallen. Die Hirschkuh, die in den Maisfeldern lebte, ist wieder untergetaucht. Doch vergangenen Herbst wurde sie von einem Wildhüter gesichtet. Sie ist offenbar in bester Verfassung.


Text: Julia Hofer
Titelbild: Pierre Vernay/Biosphoto
Restliche Bilder: Peter Siegenthaler, Marcel Tschan, Faunalpin GmbH, ZVG
Illustrationen und Karten: Andrea Klaiber/Beobachter