Vor der ersten Schulstunde hatte Silvie Kehl ein mulmiges Gefühl. Würde sie acht Stunden zuhören können? Würde ihr Kopf etwas aufnehmen? Irgendetwas behalten? Zum Auftakt stand ausgerechnet Anatomie auf dem Programm. Unzählige komplizierte Bezeichnungen von Körperteilen, Organen, Muskeln – und alles würde sie auswendig lernen müssen.

Silvie Kehl ist 49 Jahre alt. Die letzte schriftliche Prüfung liegt 18 Jahre zurück. Lernen sei ihr nie leichtgefallen, sagt sie. Dennoch entschied sich die Mutter zweier Kinder für eine Ausbildung zur Personal Trainerin: Menschen zum Sport zu motivieren und sie professionell zu begleiten, darin sieht sie die ideale Ergänzung zu ­ihrem 50-Prozent-Job am Empfang einer Firma in ­Zürich. Wenn da nicht das Lernen wäre. «Und das im Vergleich zu ­früher schlechtere Gedächtnis.»

Wie alles unter einen Hut bringen?

Eine gute Nachricht für alle, die sich mit Lernen schwertun: Die Vorstellung vom «rostenden» Hirn ist zwar verbreitet, aber falsch. Die Wissenschaft hat bislang keine Hinweise darauf, dass die Hirnleistung mit dem Alter zwangsläufig nachlässt und sich die Lernfähigkeit verschlechtert (siehe Interview «Das Alter ist keine Ausrede» mit Lernforscherin Elsbeth Stern). Richtig ist hingegen, dass Lernen gelernt sein will – und viel Planung, Übung und Zeit benötigt. Gerade mit dem Zeitmanagement tun sich aber viele schwer. Job, Kinder, Partner, Haushalt, Hobbys, Freunde und auch noch eine Weiterbildung unter einen Hut bringen – das klingt nicht nur schwierig, sondern ist es auch. Wer verzichtet schon gern auf das wöchentliche Jassen oder die Yogastunde, weil er für die Weiterbildung lernen sollte?

Auch Silvie Kehl hat viel um die Ohren. Vorsichtshalber hat sie deshalb beschlossen, die Module ihrer Ausbildung auf zwei Jahre zu verteilen. Das ändert aber nichts daran, dass sie neben den Schulsamstagen regelmässig lernen muss. Sie nutzt dazu die Zug- und Tramfahrten zur Arbeit und zurück sowie die Mittagspausen. Ausserdem steht sie sonntags früh auf. Ihre ­Kinder sind Teenager, «die schlafen am Wochenende glücklicherweise länger», sagt die an­gehende Personal Trainerin.

«Die Wundertechnik gibt es nicht»

Ob unterwegs oder zu Hause: Wichtig ist, sich fürs Lernen regelmässige Zeitfenster zu schaffen – und sie dann auch zu nutzen. Dabei gehört das Handy ausgeschaltet, das Mailprogramm ebenso. Kinder, Partner und Freunde instruiert man vorher, dass sie nur in wirklichen Notfällen stören dürfen.

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Ebenso sinnvoll ist es, einen ständigen Arbeitsplatz einzurichten, an dem man ­Bücher und Unterlagen auch mal liegen lassen kann. Die einen lernen am besten mit Hintergrundmusik, andere greifen zu Ohrstöpseln, um noch das kleinste Geräusch auszusperren. Am besten probiert man, was gut zu einem passt.

Das gilt auch fürs Lernen an sich. Der Zürcher Lernpsychologe Donatus Berlinger sagt: «Die Wundertechnik, mit der der Stoff sofort und problemlos hängenbleibt, gibts nicht. Auch wenn im Internet unzählige davon angepriesen werden.» Berlinger bildet an der Akademie für Erwachsenenbildung Leute aus, die später Erwachsene unterrichten. «Wie lernen?» ist dort eine zentrale Frage. Einige setzen auf Lernkarteien, andere schreiben Zusammenfassungen, wieder andere konstruieren Mindmaps (siehe «Simple Tricks für geordnetes Trainieren», ab Seite 3).

Berlinger plädiert dafür, ein paar ein­fache Dinge zu beherzigen. Besonders gross ist der Lerneffekt, wenn man nicht stundenlang frustriert über dem Stoff sitzt, sondern in Portionen lernt: 25 Minuten Büffeln, fünf Minuten Pause, dann von vorn. So lernt es sich nicht nur motivierter, sondern auch über eine längere Zeit effi­zient. Damit die Motivation nicht sinkt, sind realistische Zwischenziele nötig: Es ist nicht sinnvoll, ein 400-seitiges Buch in ­einem Tag lesen zu wollen.

Die Chance, dass längerfristig etwas hängenbleibt, ist auch grösser, wenn man sich regelmässig mit einer Materie beschäftigt und nicht erst kurz vor der Prüfung. Den gleichen Effekt hat es, wenn der Stoff nicht chaotisch, sondern strukturiert gelernt wird. Zudem gilt: Je mehr etwas auf bereits bestehendem Wissen aufbaut und aktiv mit diesem vernetzt wird, umso nachhaltiger kann man es sich merken.

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Die eigene Neugier wecken

Lernpsychologe Donatus Berlinger rät, die eigene Neugier zu wecken – er zieht einen Vergleich zum Film: «Wer sich während des Krimis fragt, wer der Mörder ist, ­beschäftigt sich aktiv mit der Geschichte. Selbst wenn am Schluss ein anderer der Täter sein sollte: Die Handlung wird einem bleiben.» Deshalb sollten sich auch Lernende vor und während des Arbeitens – ­etwa beim Lesen eines Fachbuchs – Fragen notieren und versuchen, diese zu beantworten. Es hilft ebenfalls, anderen Menschen in eigenen Worten vom Gelernten zu erzählen und einen Bezug zum Alltag zu schaffen. Zum Beispiel: Die lateinischen Bezeichnungen für Muskeln merkt man sich leichter, wenn man sie während des Fitnesstrainings jedes Mal aufsagt.

Repetition ist ohnehin das A und O des Lernens. Man sollte früh damit beginnen, denn das meiste Gelernte geht schnell ­wieder vergessen.

Silvie Kehl weiss nach bald einem Jahr Schule, welche Lerntechniken für sie funktionieren. Sie schreibt nach den Schul­tagen die wichtigsten Fragen auf kleine Karten, die Antworten kommen auf die Rückseite. Mit den Karten lernt sie bis kurz vor den Modulprüfungen. Dann fasst sie alles Wichtige nochmals in einem Notizbuch zusammen: «Ich merkte irgendwann, dass die Dinge eher haftenbleiben, wenn ich sie aufschreibe.»

Nach dem Spass im Ernst suchen

«Lernen ist etwas sehr Individuelles», sagt Experte Berlinger. Deshalb sollten die Lernenden vor allem sich selbst gut beobachten. Welche Lernstrategie funktioniert? Welche nicht? «Am besten hört man auf sein Bauchgefühl und sucht nach Strate­gien, die Spass machen.» Es sei einer der grossen Lernirrtümer, dass Lernen nur mit Anstrengung und Pauken verbunden sei. «Die Motivation und der Lerneffekt sind viel grösser, wenn etwas Freude bereitet.» Auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass Aufgaben viel lieber gelöst werden, wenn sie als Spiel getarnt sind.

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Silvie Kehl reiste vor der ersten Modulprüfung nach Ägypten und lernte am Meer. «Da fiel mir das Repetieren leicht.» In den Ferien ist auch das Belohnen – ebenfalls eine wirksame Lernstrategie – einfach, etwa in Form eines guten Abendessens.

Oft stehen sich Erwachsene bei Weiterbildungen selbst im Weg, beobachtet Donatus Berlinger. «Viele meinen, sie könnten nicht rechnen, weil das damals in ihrer Schulzeit so war. Oder sie sind überzeugt, sich nichts merken zu können.» Das habe natürlich einen negativen Effekt aufs Lernen. «In solchen Situationen braucht es die grundsätzliche Bereitschaft, es dennoch zu versuchen.» Mit jedem kleinen Lernerfolg steige dann das Selbstbewusstsein.

«Das Lernen fällt mir jetzt schon viel leichter als am Anfang», sagt Silvie Kehl. Im Unterricht bleibt vieles hängen, und auch konzentrieren kann sie sich meist gut. Für sie steht fest: «Ich werde nie mehr mit dem Lernen aufhören – damit ich nicht wieder aus der Übung komme.»

Simple Tricks für geordnetes Trainieren

Schlüsselwort-Technik
Mit Eselsbrücken kann man sich Dinge besser merken. Muss man Vokabeln lernen, hilft es, ein Wort in der Muttersprache mit ähnlichem Klang zu suchen. Aus beidem kreiert man ein Bild. Zum Beispiel: An einem Maiskolben knabbernde Mäuse, wenn man das englische Wort «mice» (klingt wie «Mais») lernen muss. Bilder sind einfacher zu merken als Wörter. Es braucht allerdings etwas Übung, das Bild vor dem inneren Auge so präzise zu zeichnen, dass es bleibt.

Orte-Technik
Will man sich eine Abfolge von ­Begriffen merken, platziert man diese an bestimmten Orten. ­Entweder kreiert man diese im Kopf oder benutzt reale. Beispielsweise stellt der Kleiderschrank ­Europa dar, die Fächer links ­Westeuropa, wobei jedes Land ein Wäscheabteil zugewiesen bekommt. Osteuropa steht dann rechts. An einer Prüfung kann man sich den Schrank bildhaft vorstellen und sich an jedes Land erinnern.

Lernen in Gruppen
Gemeinsam mit anderen zu lernen hat viele Vorteile. Man kann Unklarheiten besprechen, Antworten suchen, das Gelernte diskutieren. So setzt sich der Stoff besser. In der Gruppe ist die Chance meist grösser, eine Lösung zu finden, als wenn man allein verzweifelt über einer Aufgabe brütet. Zudem merkt man schnell, ob man das ­Gelernte wirklich beherrscht, wenn man es jemandem in eigenen Worten erzählen muss.

Listen, Diagramme, Mindmaps
Komplexe und grosse Stoffmengen sind schwierig zu lernen. Da gilt es, Struktur ins «Chaos» zu bringen. So merkt man automatisch, was die Kernelemente sind und wie die Dinge miteinander verbunden sind. Dabei sind etwa Listen nützlich, in denen Ober- und Unterbegriffe geordnet werden. In Diagrammen kann man mit Linien verbinden, was zusammengehört. Auch Mindmaps erleichtern den Überblick über ein Thema. Machen Sie zudem Zeichnungen zu gewissen Begriffen – oft bleibt Gezeichnetes besser hängen als Geschriebenes.

Lernkarteien
Auf kleine Karten schreibt man vorn zum Beispiel ein französisches Wort, das man lernen muss – und am besten einen Satz, in dem das Wort vorkommt. Auf die Rückseite kommt die deutsche Übersetzung. Wichtig ist, die Reihenfolge der Karten zwischendurch zu ändern. Am besten legt man die Karten, die man beherrscht, beiseite und geht sie später nochmals durch.

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