Glaubt man aktuellen Medienberichten, ist Kevin Müller ein Kuriosum. Der 14-Jährige aus Rämismühle ZH hat seine Gymiträume begraben, um im Sommer eine Kochlehre zu beginnen. Freiwillig. «Nach der Schnupperlehre bei meinem zukünftigen Arbeitgeber wusste ich: Das ist mein Beruf. Ich durfte Vorspeisen kreieren, und der Chef persönlich hat sich um mich gekümmert», sagt er stolz.

Kevin besucht die Sek A, die oberste Schulstufe unterhalb des Gymnasiums. Zu Beginn der Oberstufe war für ihn klar, dass er ins Gymi wollte. Jetzt freut er sich auf die Lehre in einem Sternerestaurant. Obwohl er den geliebten Fussball aufgeben muss und seine Kollegen viel seltener sehen wird, weil er arbeiten wird, wenn sie frei haben.

Auch die 16-jährige Andrea Stanice ­verzichtet freiwillig aufs Gymi. Die Sek-A-Schülerin aus Winterthur wird im Sommer eine Lehre als Heizungsmonteurin beginnen. Nach Schnupperlehren als Landschaftsgärtnerin und Köchin riet ein Freund Andrea, es dort zu versuchen. Sie durfte Rohre verlegen, Berechnungen anstellen und in der Werkstatt mit dem Schweissgerät hantieren. «Die Atmosphäre auf der Baustelle gefiel mir sofort, obwohl ich die einzige Frau weit und breit war», sagt sie. Sie freut sich auf den Lehrbeginn – und denkt bereits weiter: «Heizungsmonteurin ist eine gute Grundlage für meine berufliche Zukunft, vor allem, wenn ich noch die Berufsmaturität mache.»

Andrea Stanice, angehende Heizungsmonteurin: «Die Atmosphäre auf der Baustelle gefiel mir sofort, obwohl ich die einzige Frau weit und breit war.»

Quelle: Sonderegger / Cortis

«Besser als eine akademische Laufbahn»

«Heute streben auch Schüler ans Gymi, die das geforderte Niveau nur mit Mühe er­reichen. Diese fehlen uns dann in den Lehrbetrieben», klagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbe­verbands. «Viele Eltern und Lehrer haben noch nicht verinnerlicht, dass der Nachwuchs mit einer Lehre und Fachhochschulausbildung bessere Berufschancen hat als mit einer akademischen Laufbahn.» Darum wanderten die potentiellen Talente an die Uni ab, statt sich für eine Berufslehre zu entscheiden, bedauert Bigler.

«In der Generation der heutigen Eltern hiess es noch: Willst du eine Lehre machen oder studieren?», sagt René Diesch, stellvertretender Leiter Berufsberatung, Berufs- und Erwachsenenbildung des Kantons Basel-Stadt, eines Kantons mit traditionell hoher Maturitätsrate. «Viele Mütter und Väter wissen nicht, dass man heute auch mit der Berufsmaturität studieren kann.» Es brauche weitere Kampagnen und Aufklärungsarbeit. «Allerdings gibt es auch nach wie vor Branchen und Lehrmeister, die aus finanziellen Überlegungen keinen nehmen, der eine Berufsmittelschule machen will.» Das trage dazu bei, dass gute Schüler keine Berufslehre absolvieren wollen, sagt Diesch.

«Der IQ der Schüler wird nicht höher»

Janosch* weiss genau, wovon Diesch spricht. Der kreative und begabte Sek-A-Schüler aus Winterthur hatte schon früh eine Lehre als Zeichner im Auge, um seinem Berufswunsch Architekt näherzukommen. Doch bereits für die Schnupperlehre telefonierte er sich die Finger wund. Eine vollständige Bewerbung müsse er einreichen, hiess es schliesslich, und den passenden Multicheck beilegen. Diese schul­externe Eignungsanalyse dauerte einen ganzen Nachmittag. Kreuzchen machen am Computer. Kosten: 100 Franken.

Erst danach durfte Janosch schnuppern gehen. Doch nach ein paar Tagen hatte er seinen Traumberuf abgeschrieben. Man hatte ihn eine Woche lang vor einem Computer parkiert und Rechenaufgaben lösen lassen. Den Beruf Zeichner fand er nun plötzlich «mega langweilig».

Der zweite Versuch scheiterte genauso. Die Schnupperlehre als Konstrukteur gefiel Janosch zwar deutlich besser, aber als ihm der Lehrmeister sagte, er nehme keinen, der während der Lehre eine Berufsmatura machen wolle, stellten sich schliesslich Janoschs Eltern quer. Janosch hat sich nun für die Prüfung ans Kurzzeitgymnasium angemeldet. Seine Chancen, diese zu bestehen, stehen gut.

Ginge es nach Bundesrat Johann Schnei­der-Ammann, würde Janosch durchfallen. «Ich hätte lieber weniger, dafür bessere Maturanden», sagte der Bildungsminister kürzlich in der «NZZ am Sonntag». Und auch der Schweizerische Gewerbeverband würde die Maturitätsquote mit Blick auf die anstehenden geburtenschwachen Jahrgänge am liebsten einfrieren. «Die Zahl der Schulabgänger wird sinken, aber der durchschnittliche IQ der Schüler wird nicht höher», sagt Gewerbeverbandsdirektor Bigler. «Wenn die Maturaquote weiter steigt, senkt das logischerweise das Ausbildungsniveau an den Gymnasien, und den Lehrbetrieben fehlen die begabten Lehrlinge.» Hintergrund der Befürchtung: Das Bundesamt für Statistik erwartet bis 2018 einen Rückgang von 18 Prozent bei den Schulabgängerinnen und -abgängern.

Nico Gulmini, angehender Strassenbauer: «In der Schnupperlehre im Sportgeschäft musste ich viel putzen. Das hat mir nicht so gefallen.»

Quelle: Sonderegger / Cortis

«Sie bekommen keine zweite Chance»

Der Kampf um die guten Köpfe ist bereits lanciert. Nicht zuletzt, weil die Lehrlingsausbildung rentiert: Zwei Drittel aller ausbildenden Betriebe ziehen schon während der Lehrzeit einen finanziellen Nutzen aus der Arbeit ihrer Lehrlinge, zeigt eine ak­tuelle Studie der Uni Bern.

Wer Zeitung liest, wähnt sich bereits mitten in der Krise: «Lehrlinge verzweifelt gesucht», titelte die «Basler Zeitung» kürzlich, «Harter Kampf um Lehrlinge» die «Aar­­gauer Zeitung» und «Lehrlinge gesucht wie noch nie!» der «Sonntags-Blick». Die Lehre sei unsexy geworden, klagen die einen – keiner wolle sich mehr die Hände schmutzig machen, die anderen. Wer die Möglichkeit habe, gehe heute ans Gymnasium.

«Das stimmt so nicht», sagt Emily Pasquier, Jugendbeauftragte der Gewerkschaft Unia. «Man kann nicht von einem grundsätzlichen Lehrlingsmangel sprechen, der ist branchenabhängig.» Manche Branchen hätten überhaupt kein Problem, Lehrlinge zu finden (siehe Box «Lehrlingsmangel? Wo denn?»). Mühe hätten oft die Branchen mit tiefen Löhnen und schwierigen Arbeitsbedingungen.

Zudem seien die Ansprüche an die Lehrlinge in den letzten Jahren gestiegen, sagt Pasquier: «Viele Lehrmeister suchen den perfekten Lehrling: sozialkompetent, schon fast erwachsen und mit brillanten Noten.» Solche gebe es wohl tatsächlich nicht genug. Manche Kandidaten hätten nicht speziell gute Noten, keinen Schweizer Pass oder brächten irgendein Handicap mit – «auch sie verdienen eine Chance».

Auch die Freiburger Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm kritisiert, dass die Auswahlstrategie auf Schulnoten fixiert ist. Das trage dazu bei, dass Fähigkeiten jenseits des schulischen Wissens langfristig ungenutzt blieben. «Für Jugendliche, die in der Schule ihr Lernpotential nicht entfalten konnten, bedeutet das, dass sie auch in Zeiten des Lehrlingsmangels keine zweite Chance bekommen.» Das sei bedenklich angesichts des Fachkräftemangels in vielen Berufen, in denen Realschüler eigentlich gute Arbeit leisten könnten.

Giulia Lombardo* ist Realschülerin. Sie musste im ersten Oberstufenjahr von der Sek A in die Sek B wechseln. Schlimm war das für die erfolgreiche Hip-Hop-Tänzerin aus Winterthur nicht, stand doch ihr Berufswunsch schon fest: Sie will Coiffeuse werden. Nach der ersten Schnupperlehre bekam sie einen motivierenden Bericht. Sie sei sehr begabt und sicher die Richtige für den Beruf. Leider bildete dieser Betrieb keine Lehrlinge aus. Dann wurde es harzig. Giulia suchte, schnupperte, bekam Absagen. «Du weisst nie, hab ich jetzt eine Lehrstelle, oder klappt es wieder nicht? Das ist belastend», sagt sie. Unterdessen hat sie einen Lehrbetrieb gefunden, der ihr ein einjähriges Praktikum anbietet. Mit Aussicht auf einen Lehrvertrag im Jahr 2014. Giulia findet das ganz in Ordnung so.

Laut den grossen Lehrstellenportalen sind in der Coiffeurbranche noch viele Lehrstellen offen. Warum haben Jugendliche wie Giulia dennoch Schwierigkeiten, eine zu finden? «Ich höre von unseren Lehrmeistern immer nur, dass sie Bewerbungen erhalten», sagt Kuno Giger, Präsident von Coiffeur Suisse. Von Lehrlingsmangel will er darum nicht sprechen. Tatsächlich habe sich aber das Niveau der Bewerbungen verschlechtert: Weil sich Banken, Versicherungen und weitere Akteure nicht an die Vereinbarung halten würden, Lehrverträge erst im neuen Jahr abzuschliessen, seien die besten Lehrlinge schon weg, wenn die Coiffeure zum Zug kämen. Er selber stehe in seinem Geschäft aktuell vor diesem Problem: Er werde wohl dieses Jahr auf einen Lehrling verzichten – denn keine der Schnupperstiftinnen habe seine Geschäftsführerin überzeugt. Giger glaubt, viele Lehrstellen blieben unbesetzt, weil die Bewerberinnen die Anforderungen nicht erfüllen. «Wir brauchen Leute mit guten Sprachkenntnissen und einer gewissen Affinität zur Mathematik. Wie sollen sie Haarfarben mischen, wenn sie mit Zahlen auf Kriegsfuss stehen?»

Giger zeigt sich aber auch selbstkritisch. «Wenn wir für gute Leute attraktiv bleiben wollen, müssen wir an der Lohnstruktur etwas ändern.» Darum soll der Grundlohn der Coiffeusen und Coiffeure in den kommenden drei Jahren um bis zu 400 Franken auf 3800 Franken steigen.

Der Sek-A-Schüler als Strassenbauer

Nico Gulmini freut sich bereits auf seinen ersten Lehrlingslohn. Der Sek-A-Schüler aus Weisslingen ZH hat mit seiner Berufswahl Eltern und Kollegen überrascht. Er beginnt im Sommer eine Lehre als Stras­senbauer. Sein Traumjob war das anfangs nicht. Die erste Schnupperlehre absolvierte er in einem Sportgeschäft. «Ich dachte, das sei spannend. Aber in der Schnupperlehre musste ich viel putzen. Das hat mir nicht so gut gefallen», sagt er.

Nico versuchte sich als Plättlileger, aber da war «der Umgang nicht so mein Stil». Strassenbauer gefiel ihm auf Anhieb. «Die Leute waren nett und die Arbeit interessant. Ich habe in der Schnupperwoche Regen erlebt, Schnee und Hagel.» Das sei gut, weil er jetzt genau wisse, worauf er sich einlasse. Nicos Eltern sind übrigens mit der Berufswahl des Sohns zufrieden, und seine Kollegen findens cool, auch wenn der eine oder andere sagte: «Dass du so etwas machst, hätte ich nicht gedacht.»

Kevin Müller, angehender Koch: «Ich durfte schon in der Schnupperlehre Vorspeisen kreieren, und der Chef persönlich hat sich um mich gekümmert.»

Quelle: Sonderegger / Cortis

Eine Woche lang Kartoffeln schälen

Auch Dagmar Müller, die Mutter von Kochlehrling Kevin Müller, ist zufrieden. Sie werde schon manchmal darauf angesprochen, dass ihr Sohn sich für eine Kochlehre entschieden habe, «aus der Sek A». Für sie habe sich diese Frage gar nie gestellt: «Kevin ist nach der Schnupperlehre als Koch total happy nach Hause gekommen. Das ist es doch, was zählt.» Wenn Lehrbetriebe keine Lehrlinge fänden, dann nicht zuletzt darum, weil sie die Schnupperlehrlinge ­eine Woche lang Kartoffeln schälen oder putzen liessen. Das hätten viele Kollegen von Kevin erlebt.

«Die erste Begegnung mit der Berufswelt ist das A und O», sagt auch Ueli Berger. Der Leiter des Amts für Berufsbildung und Berufsberatung des Kantons Thurgau ist seit 18 Jahren im Amt und damit der Dienstälteste seiner Gattung. Aus der Ruhe bringt Berger so schnell nichts. Auch kein vermeintlicher Lehrlingsmangel. Er habe im Kanton Thurgau keinen zu beklagen, sagt er. «Die Schülerzahlen sind zwar rückläufig. Aber da viele Knaben schulmüde sind und mehrheitlich die Mädchen ans Gymi möchten, haben unsere Betriebe ­keine Probleme, Lehrstellen zu besetzen. Auch nicht mit guten Schülern.» Obwohl auch viele «seiner» Lehrbetriebe nicht gern sähen, dass die Lehrlinge die Berufsmittelschule während der Lehre machen – «das schleckt keine Geiss weg. Für die Lehrbetriebe ist es finanziell interessanter, wenn ein Lehrling möglichst oft im Betrieb ist.»

Viel wichtiger als der Zeitpunkt der Berufsmittelschule ist für Ueli Berger, dass es Lehrmeister schaffen, bei den jungen Leuten die Begeisterung für den Beruf zu wecken. Im Idealfall bereits in der Schnupperlehre. «Wer seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt und das auch vermitteln kann, wird sich auch in Zukunft keine Sorgen um den Nachwuchs machen müssen.»

Vielleicht würde es sich lohnen, zukünftige Kampagnen nicht nur auf Eltern auszurichten, sondern auch auf Lehrmeister. Wer die Besten will, muss sie in Zukunft auch so behandeln. Von Anfang an.

Lehrlingsmangel? Wo denn?

Die Zahlen der Lehrabschlüsse und der Gymnasiumsabschlüsse haben sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Man muss schon 30 Jahre zurückgehen, um eine deutliche Erhöhung der Maturitätsquote zu belegen. In dieser Zeit stieg sie von 12 auf 20 Prozent. Das ist im Europavergleich immer noch rekordverdächtig tief.

Dass sich die Gesamt-Maturitätsquote in den letzten zehn Jahren erhöht hat, liegt vor allem an der populär gewordenen Berufsmatura und neuerdings an der Fachmatura. Vor zehn Jahren machten 8185 junge Erwachsene eine Berufsmatura, 2011 waren es 12'947. Fachmaturitäten gabs vor zehn Jahren noch nicht, 2011 machten 1733 eine solche. Sonst ist alles beim Alten. Das Lehrstellenbarometer des Bundes vom Herbst 2012 zeigt: Die Zahl unbesetzter Lehrstellen hat sich kaum verändert.

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Quelle: Sonderegger / Cortis