KarriereBloss keine Langeweile!

400 Angestellte, 400 Millionen Franken Jahresumsatz: Roland Brack, 41, Unternehmer. Bild: Tobias Stahel

Nach der Lehre durchstarten zu einer spektakulären Karriere: muss nicht sein, kann aber. Zwei, die es geschafft haben, entschlüsseln ihr Erfolgsrezept.

von Daniel Benz und Alexandra Bröhm

Vielleicht ist das der Grund, wa­rum Roland Brack lieber sein eigener Chef ist: «Ich musste mir auch schon sagen lassen, ich sei nicht besonders kritikfähig», sagt der 41-Jährige und lässt den Blick nachdenklich über die flache Aargauer Landschaft vor dem Fenster schweifen.

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Inzwischen ist er auch Chef von vielen anderen. Über 400 Leute beschäftigt Brack heute in Mägenwil, der Umsatz seines IT-Onlinehandels Brack.ch liegt bei rund 400 Millionen Franken jährlich. Der Firmensitz: Gewerbearchitektur im Mittelland, nichts Pompöses. Brack sitzt im Sitzungszimmer, die grossen braunen Augen aufmerksam. Sie scheinen nicht so richtig zum sonst nüchtern-effizienten Auftreten des Machertyps zu passen. Nebenan ist sein Büro, wo der Blick zuerst auf zwei grosse Modellautos fällt, die rechts und links vom Computer thronen. Aber, fügt Brack an, es habe ihn vor allem auch das Unternehmertum gereizt. «Ich will Verantwortung tragen, etwas wagen, Risiken eingehen, für meine Fehler selbst einstehen.» Das gehe nun mal als Chef am besten.

Meta Hiltebrand sagt: «Ich muss nicht unbedingt selber die Chefin sein.» Sie könne Vorgesetzte akzeptieren – sofern diese besser seien als sie. «Von wem sollte ich sonst etwas lernen?» Die Frage klingt treuherzig, doch der leicht süffisante Unterton lässt nur eine Folgerung zu: Es ist wohl klüger, wenn dieses zierliche Energiebündel selber sagt, wo es langgeht.

Wie passend, dass Meta Hiltebrand, ein Shootingstar der Schweizer Gastronomie, in diesem Moment im «Le Chef» sitzt, einem Lokal im Zürcher Langstrassenquartier. Die Mittagsgäste sind gegangen, die Tische für den Abend schon wieder gedeckt. Die 30-jährige Köchin füllt die Stille im leeren Restaurant mit Erzählungen über ihren beruflichen Werdegang. Es ist rhetorisches Quecksilber: schnell, direkt, laut, lustig und etwas ungeordnet.

Zwei Restaurants, bekannt als TV-Köchin, eigenes Kochbuch: Meta Hiltebrand, 30, Spitzengastronomin
Quelle: Tobias Stahel

Das «Le Chef» ist bereits das zweite eigene Lokal der «kulinarischen Ideenmaschine ohne Standby-Modus», wie Hiltebrand in einem Porträt einmal bezeichnet wurde. Seit November ist sie dort la Cheffe, nachdem sie sich zuvor bereits mit ihrer «Kutscherhalle» einen Namen in der Szene gemacht hat. Gerade mal 27 war die Frau mit der orangen Kurzhaarfrisur, als sie ihr erstes Restaurant übernahm, und 21, als sie Zürichs jüngste Küchenchefin wurde, später TV-Köchin und Kochbuchautorin. Ein bemerkenswerter Aufstieg, durchaus gewollt: «Mittelmass ist nicht mein Ding. Ich wollte schon immer aufs Podest.»

Meta Hiltebrand, die Übersprudelnde, und Roland Brack, der Überlegte: Verschiedenartiger könnten sie als Personen kaum sein. Und doch haben beide nach einer Berufslehre Karriere gemacht, Eigenständiges und Bemerkenswertes aufgebaut. Die Suche nach einem gemeinsamen Masterplan, dem der Unternehmer aus dem Aargau und die Köchin mit der Zürischnurre auf dem Weg nach oben gefolgt sein könnten, setzt in der Jugend der beiden ein. Und bestätigt, wenn schon, die Unterschiede.

Er begann im Dachstock der Eltern

Brack, der Zielgerichtete. Bei ihm wurden die Weichen zum Online-Unternehmer bereits während der Lehre als Elektromechaniker Anfang der neunziger Jahre gestellt, als noch längst nicht in jedem Haushalt ein Computer stand. «Für die Lehre entschied ich mich, weil sie eine breite Grundausbildung bot.» Der Stift baute abends PCs für die Eltern von Kollegen zusammen, begann schon bald Komponenten aus Taiwan günstig zu importieren. Aus dem Hobby entwickelte sich langsam ein Geschäft, das Brack damals noch im Dachstock im Haus der Eltern betrieb. «Sie bekamen jeweils fast einen Nerven­zusammenbruch, wenn wieder eine neue Ladung Kisten eintraf.»

Nach der Lehre bei der ABB studierte Brack Elektrotechnik. Zu dieser Zeit stellte er schon den ersten Mitarbeiter an, der sich tagsüber um die Bestellungen kümmerte; er selbst übernahm abends, nach der Uni. «Für mich wars unheimlich wertvoll, dass ich zuerst einen grossen Konzern von innen kennengelernt habe.» Ohne die frühe Berufspraxis in der Lehre wäre seine Firma heute nicht, was sie ist, ist er überzeugt. «Niemand kann einem theoretisch beibringen, was im Arbeitsalltag läuft.»

Hiltebrand, die Suchende. Als Realschülerin hatte die heutige Spitzen­köchin ein klares, wenn auch nicht unbedingt vorteilhaftes Profil: In den nichtobligatorischen Fächern war sie die Beste, aber sonst «nicht zu gebrauchen», was auch auf eine lange nicht erkannte Legasthenie und Hörprobleme zurückzuführen war. Entsprechend unspezifisch ihr berufliches Ziel: mit Männern arbeiten, das war Hauptkriterium. «Weil ich mein Leben vereinfachen wollte, denn ich selber bin unkompliziert, rustikal, brachial, nicht nachtragend – also alles, was Frauen nicht sind.» Wenig überraschend scheiterte ein Versuch als Floristin. Und die Maurer gefielen ihr zwar, doch bei der Arbeit auf dem Bau machte der Körper nicht mit.

«Ich merkte einfach: Das ist es!»

Mehr aus Zufall landete der Teenager in einer Küche – und war elektrisiert, bis heute ohne genau zu wissen, weshalb. «Ich merkte einfach: Das ist es! Das wollte ich machen und nichts anderes. Und wenn ich etwas will, dann bin ich gut darin.» Aus der abgelöschten Schülerin Meta wurde über Nacht die Streberin Meta, die ihren Berufsschullehrer («Herr Tettamanti, der Arme») mit fachlichen Fragen löcherte und nicht lockerliess, bis alle beantwortet waren. Richtig wütend sei sie geworden, wenn sie etwas nicht gekonnt habe. Daraus wuchs der Ehrgeiz: «Was ich nicht kann, das lerne ich.» Eine Getriebene? Natürlich sei sie das, sagt Hiltebrand – und es käme ihr nicht in den Sinn, daran etwas zu ändern, weil sie es als wesentliche Zutat zu ihrem Erfolg ansieht. Dazu passt das Rezept, das die Köchin allen ambitionierten Berufseinsteigern empfiehlt: «Setz deine Ziele so hoch, dass du sie nicht erreichen kannst.»

Das Kochhandwerk lernte sie bei Fabio Codarini, einer Grösse der Branche. «Seine Leidenschaft fürs Kochen war ansteckend», sagt die Leidenschaftliche. «Er war das Vorbild, ohne das du nicht nach oben kommst.» Bis heute ist der einstige Lehrmeister Meta Hiltebrands Mentor geblieben, ihn fragt sie um Rat, wenn ein Gericht nicht gelingen will. Im Handy ist Codarini immer noch gespeichert unter «Chef».

In der Gastroszene sind schon viele Kometen, die schnell aufgestiegen sind, ebenso schnell wieder verglüht. Wenn sich der Geschmack des Publikums ändert, helfen oft selbst Gault-Millau-Punkte nichts. Diesem Profilierungswettbewerb entzieht sich Meta Hiltebrand. Sie sieht ihre Kochkunst dann anerkannt, wenn ihre Lokale voll sind. Um an der Spitze zu bleiben, setzt der Jungstar vielmehr auf ein offensives Marketing. Längst ist die Gastronomin auch ein Produkt, die «Marke Meta». Ihre Haare sind nicht aus einer Laune heraus orange – sie sind es, weil das die Farbe des Appetits ist. Und ihr neues Restaurant bewirbt sie nicht zufällig mit Fotosujets mit aufgemalten Schnäuzen – dem Symbol für «Chef». Dahinter steht ihre Schwester Sarah, eine erfolgreiche Werberin. «Sie hat mich immer gepusht», sagt Hiltebrand. «Ohne ihre Tritte ins Füdli wäre ich nie da, wo ich bin.»

Ein hoher Preis

Für die hochtourige Karriere bezahlt die 30-Jährige ihren Preis. Die Präsenzzeiten sind enorm, Ferien nahezu unmöglich, das Zwischenmenschliche leidet. Heute lebt sie wieder mit ihrem Partner zusammen, einem Werbefotografen, von dem sie sich zuvor unter Anteilnahme der Boulevardpresse getrennt hatte. Ihr nächstes Ziel klingt angesichts ihrer bisherigen Umtriebigkeit fast ungehörig: «Ein ganz normaler Mensch sein und Kinder haben.» Wann das sein wird, ist freilich offen.

Roland Bracks Konkurrenz ist hart, gross und international, sie heisst Digitec, Amazon oder Mediamarkt. Zugute kommt dem Aargauer im Kampf um die Kundenzufriedenheit nicht nur der Start in der Pionierzeit. Auf die Frage nach seinen grössten Fehlern schmunzelt der Online-Unternehmer. «Wenn man mich nach meinem Erfolgsrezept fragt, sage ich jeweils, es sind mir nie schwerwiegende Fehler passiert.»

Noch etwas sagt er nicht so deutlich. Der Mann, der auf jede Frage wohlüberlegt antwortet, hat eine rastlose Seite. Die lebt er seit seiner Trennung von der Familie im Rallyefahren aus. Mehrere Wochen pro Jahr steuert er einen Toyota Landcruiser durch Schlamm und Matsch in Osteuropa oder die Dünen Tunesiens. «Ich liebe es, völlig im Moment zu existieren, auf jede Bodenwelle reagieren zu müssen, an nichts anderes denken zu können als an das, was gerade passiert.»

Vor zwei Jahren drehte das Schweizer Fernsehen ein Porträt über Roland Brack. Er nehme sich gern zurück, sei trotz seinen Millionen bescheiden geblieben. Brack lacht. «Treffend» – nur das mit dem Multimillionär stimme nicht, zumindest nicht in flüssigen Mitteln. All sein Geld stecke in der Firma.

Im Sitzungszimmer über Brack hängt ein grosses Bild von einem Sportwagen. Nach einer Woche Rallyefahren sei er mindestens so erholt wie andere nach drei Wochen Strandferien. Die wünscht er sich sowieso nicht: «Ich langweile mich schnell. Ich liebe ständige Veränderung, neue Herausforderungen.» Das kommt auch dem Geschäft zugute, denn der Onlinehandel und die IT-Welt haben sich in den letzten 20 Jahren mindestens so rasant verwandelt, wie es die Pisten zwischen Rallyekilometer acht und achtundzwanzig jeweils tun. Wer da nicht agil und wendig ist, bleibt auf der Strecke.

«Ich habe das Händler-Gen»

Seinen Kindern, heute sechs und acht, will Roland Brack dereinst nicht vorschreiben, welchen beruflichen Weg sie einschlagen. Auch die Firma müssten sie seinetwegen nicht weiterführen. «Sie sollen selbst herausfinden, was ihnen Spass macht.» Er habe das Händler-Gen und sei deshalb zu seiner Aufgabe geboren – «jedenfalls so lange, bis sie mich langweilt».

Hier könnte auch Meta Hiltebrand gesprochen haben. Die Kultköchin sagt es so: «Ich bin nicht der Typ für Routine und Bequemlichkeit. Dann wird der Beruf zum Müssen. Und wenn ich etwas tun muss, das ich nicht will, höre ich sofort auf.»

Nur nicht stillstehen, bloss keine Lange­weile: In einem Punkt treffen sich die zwei so unterschiedlichen Karrieremenschen also doch.

Veröffentlicht am 2014 M01 06